Heft 
(1890) 40
Seite
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Koffer waren noch nicht ausgepackt, ich hatte eben den Inspektor über Ernteaussichten gehört und war im Begriff, in meinem kühlen Wohnzimmer einen langen Schlaf zu thun, als mir das Stuben­mädchen einen Brief brachte, der am Morgen schon angelangt war.

Verehrte Frau!" begann der von kräftiger Männerhand niedergeschriebene Brief.Da meine arme Elisabeth zum Schreiben noch immer nicht fähig ist, so beauftragt sie mich wir nehmen an, daß Sie wieder in Ihrer Heimath sind Ihnen mitzutheilen, daß wir in der Zeit vom 15. bis 25. Dezember unsere drei lieben Kinder an der Diphtheritis verloren haben! Gottes Hand ruht schwer auf uns, Er allein weiß, weshalb Er uns dies reiche Erdenglück wieder genommen hat. -"

Weiter las ich nicht. Ich steckte den Brief in die Tasche meines Reisekleides, sagte meiner Wirthschafterin und den Beamten Bescheid, daß ich abermals fortmüsse, wünschte meiner die Hände ringenden Gesellschafterin vergnügte Feiertage und fuhr nach Ver­lauf einer halben Stunde, mit dem Nöthigsten versehen, zur nächsten Bahnstation, wo ich den Schnellzug noch glücklich er­reichte, der mich wieder in die Richtung führte, woher ich heute früh gekommen war.

Am Pfingstsonnabend, mittags, stand ich vor der Posthalterei des kleinen Städtchens, in dem mich die Eisenbahn im Stiche ließ, so daß mir nichts weiter übrig blieb, als mit Extrapost zu reisen, wenn ich überhaupt noch heute Borndorf erreichen wollte. Diese Fahrt und alles, was sich daran reihte innerhalb der nächsten Tage, ist mir bis in die kleinsten Einzelheiten deutlich im Ge- dächtniß geblieben. Der Weg stieg durch herrlichen mit lenzgrünen Buchen gemischten Tannenwald langsam bergan, die Sonne spielte auf dem Waldboden, die Luft war duftig nach einem warmen Regen und der Himmel leicht bewölkt. Es schien alles dem Feste entgegen zu jubeln und zu jauchzen, und das mochte auch wohl der Postillon auf dem Bocke denken, der sich auf den morgenden Tanz freute, denn er blies schier übermüthig und in ganz grimmigen Tönen:

Du hast ja die schönsten Augen"

Ich habe es nie vermocht, jemand im Frohsein zu stören durch meine trübe Stimmung; heute aber wurde es mir sauer, diese Musik anzuhören. Als dann jedoch die lustige Melodie mit aufsteigender Nachmittagskühle anfing in eine melancholische über­zugehen undEs ist bestimmt in Gottes Rath" mich tatsächlich bis zum Weinen brachte, da bat ich den Mann, lieber innezuhalten. Die Töne summten mir noch in den Ohren, als mein Wagen über das Pflaster des Städtchens rollte, in dem es nach Kuchen und Maiengrün duftete, und vor der Thür derRothen Forelle" hielt.

Ich nahm mir kaum Zeit, das Zimmer anzusehen, das der alte Wirth mir durchaus zu zeigen wünschte; ich fragte nach dem Pfarrhaus von St. Martin und wurde in eine Straße gewiesen, die im letzten Abendsonnenschein steil vor mir aufstieg. Ja, da schauten richtig zwei ehrwürdige alte Thürme über die Dächer hinweg, und eben begann das Pfingstgeläute. Die scheuernden, fegenden Mädchen vor den Hansthüren, die jungen Bursche, welche die Maien festnagelten zur Seite der Steinbank, hörten auf mit ihrer Hantierung und horchten einen Augenblick auf die mächtigen Zungen der Glocken; schier betäubend schwirrten in dieser Nähe die Klänge in mein Ohr. Nur die blondköpfigen Kinder lärmten weiter in der Vorfreude des morgenden Festtages. Ich hielt eine der hübschesten kleinen Dirnen am Zopf fest.

Komm," bat ich,führe mich nach dem Pfarrhause!" Das liebe Ding sprang eifrig vor mir her, und in wenigen Minuten hatte ich das der Kirche gegenüberliegende Haus erreicht. Eine hohe dunkelbraune Hausthür mit blitzendem Messingklopfer, die steinernen, fein gemeißelten und mit Figuren ans der biblischen Geschichte geschmückten Einfassungen der Fenster und Thüren, sowie der schiefe Oberstock von Fachwerk, mit dem ebenso schiefen Erker­lein daran, in dessen Gebälk Sprüche und Daten eingegraben waren, ließen das hohe Alter des Hauses erkennen.

Ich trat ein. Ein ungeheurer Flur empfing mich, die Schelle rasselte überlaut durch den Raum, und gleich darauf erschien eine alte Frau; sie trat aus der nach dem Garten zu liegenden Küche.

Die Frau Pfarrerin ist nach dem Kirchhof gegangen," ant­wortete sie auf meine Frage nach ihrer Herrschaft,und der Herr Pfarrer studieren im Garten seine Predigt für morgen."

Da ich den Pfarrer nicht stören wollte, ließ mich die Alte in Elisabeths Zimmer treten. Es wurde mir auf einmal ganz beklommen; machte es der starke Fliederduft, der einer großen ^

Vase voll Blüthen entquoll, oder die leise einbrechende Dämmerung in dem unbekannten Raum, oder die kleinen getragenen Kleidungs­stücke, die dicht vor mir auf dem Tische ausgebreitet lagen und einen Geruch ansströmten, 'wie er lange nicht geöffneten Kleiderspinden eigell ist ich weiß es nicht. Mir erschienen diese kleinen, entschieden erst kürzlich wieder geordneten Sachen hier ganz grausig; gleichwohl hingen meine Blicke wie gebannt an den Gegenständen; ich vermochte noch deutlich die Flecken auf einem abgeschabten Sammethöschen, das verblichene Blau der Schleife des Säuglingskleides und die zerrissene Kittelschürze mit einem Tintenklecks zu erkennen; daneben Spielzeug: zerbrochene Thierchen, Puppen u. s. w. Dazu der Duft verwelkter Cypressen- kränze, vermengt mit jenem der frischen Blumen, denn in dem Puppengeschirr hatte eine Hand, wie Kinder es zu thun pflegen, mit WiesenblumenKochen" gespielt. Der gelbe feste Stengel der Maßliebchen lag- da zierlich als goldgelbe Butter servirt auf einem winzigen Teller, und die weißen Blätter schwammen in der kleinen mit Wasser gefüllten Terrine als Reissuppe.

Mich schauderte es förmlich. Ich ging, unfähig, den Anblick länger zu ertragen, zum Fenster hinüber und öffnete es, indem ich die stille.Straße hinabsah, auf der Elisabeth kommen sollte.

Sie muß sehr krank sein, sagte ich mir, sehr krank! Und das Mitleid kam über mich mit erschütternder Gewalt. Ich meinte, die lieben Blondköpfchen aus den Ecken des spukhaften Zimmers auftanchen zu sehen, lächelnd, rosig und sah dann wieder kleine weiße todtstarre Gesichter unter Blumen hervorlugen, die kem noch so heißes Gebet wieder lächeln machen konnte. Gott hatte mir viel versagt, ich hatte gemurrt und geweint, aber besser nie ein Kind besitzen, als es trotz allen Betens und Ringens hergeben zu müssen, machtlos der finstern Gewalt gegenüber, ob man gleich das eigene Herzblut opfern möchte, um das süße Leben zu erhalten. Es muß übermenschliches Leid sein! Ich bekam Plötzlich Angstzustände in dieser Umgebung. Schon im Begriff, nach der Küche zu flüchten, sah ich eine schwarze Frauengeftalt durch die Dämmerung auf der Straße daherkommen.

Gottlob, es ist Elisabeth!

Sie trat gleich darauf in die Stube; das Mädchen hatte ihr von einerFremden" gesagt.

Anna?" klang ihre Stimme.Ja, ich wußte gleich, Du bist es- aber bitte, komm hinaus, das ist nichts für Dich. Du, verzeihe nur Kathrine ahnte nicht"

Und im Wohnzimmer küßte sie mich, und als sie mein blasses Gesicht sah, da tröstete sie mich mit der alten süßen Stimme.

Armes liebes Aennchen, das kannst Du ja nicht verstehen, und das drüben ist auch nur für mich da." Und noch einmal schlang sie die Arme um meinen Hals und begann zu schluchzen, ward aber ihrer Bewegung sofort Herr.

Laß uns gar nicht davon sprechen." flüsterte sie, und ihre klaren Augen sahen ganz starr aus,hörst Du, ich bitte Dich; gar nicht davon sprechen, denn das kann ich nicht ertragen."

Und mit einer Fassung, über die ich erstaunen mußte, ging sie den Pflichten der Hausfrau nach, der ein lieber Gast unver­hofft geworden ist; aber sie war doch anders wie sollst, die Be­wegungen gewaltsam, das Auge unftät, und bei einer Anrede fuhr sie erschreckt auf.

Im Gartenhause war der Tisch gedeckt; zum ersten Male sah ich Elisabeths Gatten. Es war ein großer, ernster, traurig blickender Mann, all den Schläfen stark ergraut, um den Mund einen milden Zug. Mit seiner Frau ging er so zart und sorgsam um, als sei sie ein Kind. Er dankte mir für mein Kommen, aber vermied es vollständig, die Veranlassung desselben zu berühren. Elisabeth redete kaum ein Wort. Ich brachte endlich das Gespräch in Fluß, indem ich von meinen Reisen erzählte, und fand in ihm einen vorzüglichen Kenner Roms; er hatte mehrere Winter als Reisebegleiter zweier Prinzen dort zugebracht.

Wir hatten wohl bis zehn Uhr im Dunkeln gesessen und die wundervolle Kühle der Mainacht genossen, als sich die Stimme der Köchin vom Hause her vernehmen ließ:Frau Pfarrer!"

Elisabeth erhob sich sofort und ging hinüber. Ich saß allein mit dem Manne, dessen Kopf sich nach der Richtung gewendet hatte, in der seine Frau verschwunden war.

Sie hat sich sehr verändert, nicht wahr?" fragte er.

Ja!" sagte ich und schluckte an meinen Thränen.

(Fortsetzung folgt.)