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Sie schwieg, denn ihr Mann kam daher.
Erst heute abend achtete ich auf das Verhältuiß der beiden zueinander, erst während des schweigenden Mahles fiel es mir mit Centnerlast aufs Herz: wie nahe und doch wie weit sind sich die beiden! Fast ängstlich mied sie es, ihn anzuschauen, während er ihre Blicke suchte. Sie hatte jede Aufmerksamkeit für ihn, die er, wie es schien, gewöhnt war; sie mischte ihm den Thee, sie strich ihm die Brötchen, sie antwortete auch auf seine Fragen, aber es war fast automatenhaft. Er schüttelte wiederholt stumm seinen Kopf, indem er sich bemühte, mit mir ans irgend eine Weise Unterhaltung zu machen. Es war wie gestern auch, nur auffälliger, nachdem ich Elisabeths Beichte gehört hatte. -
Als es halb elf Uhr schlug, fand ich es genug der Marter, die ich ausgestanden, und erhob mich, um Gute Nacht zu sagen. Da kam im Mondenschein, der glänzend weiß auf dem kiesbestreuten Weg lag, die Kathrin dahergelaufen, so rasch, wie ich es ihren alten Füßen nicht mehr zugetraut hätte.
„Herr Pfarrer —" sie konnte die Worte kaum finden, „Herr Pfarrer, Sie möchten rasch in die .Forelle' kommen, der eine Schauspieler hat seine Frau erstechen wollen! Ach, Herr Pfarrer, laufen Siellmhnur ehe sie stirbt!"
Eilig schritt er hinweg. Ich saß starr neben Elisabeth da und wußte, als wäre ich dabei gewesen, den Hergang der ganzen Ge- ! schichte. Jedes Wort hätte ich dazu nennen können, jede Einzelheit ! der That. „Das arme Kind!" rief ich, der Kleinen gedenkend.
Dann war ich aufgesprungen und wollte dem Hause zueilen. ^
„Ein Kind, Anna?" sragte Elisabeth und hielt mich am > Arme. „Hat die Frau ein Kind?"
„Ja, ein Mädchen, ein liebes kleines Geschöpf." !
„Und die Mutter stirbt?" forschte sie athemlos weiter. !
„Ich weiß ja nicht, Elisabeth; ich will Nachsehen."
„Warte, ich komme mit Dir —"
Nach ein paar Minuten langten wir vor der „Forelle" an. Eine ! Unmenge Menschen stand dort und gafste zu den Fenstern des Hauses ! empor, Leute, von der Pfingstfreude angeheitert, mit grünen Zweigeil ! an den Hüten und erhitzten Gesichtern, Mütter, mit kleinen Kindern ! ans dem Arm, und junge Mädchen in Hellen Kleidern, die vom Tanz- ! saalherunter gelaufen waren. Alle wollten sie das Unglaubliche hören, ! womöglich auch sehen. „Der Oberpfarrer ist vorhin 'naufgegangen," ! hörten wir sagen, „und der Bürgermeister — die Polizei auch —"
Unter der Linde, zu der wir uns jetzt mühsam durchgekämpft hatten, saß eifrig redend ein ganzer Kreis älterer Männer; aus den Fenstern des großen Tanzsaales, der nach dem Garten zu ^ lag, zogen die wiegenden Klänge eines Walzers in die warme bratwurstdnnstige Luft hinaus lind übertönten das Klappern der Bierseidel. — Endlich waren wir im Hausflur; nur ein Polizeidiener stand da, der uns den Eintritt verweigern wollte, dann aber, als er Elisabeth erblickte, zur Seite trat.
„Sie ist schon todt, Frau Oberpfarrerin," sagte er. !
„Wo ist das Kind?" war Elisabeths Frage.
„Das Kind wird wohl bei den Schauspielerinnen sein auf Nummer sieben; die sind ja alle mit hergelaufen vom Theater."
„Geschah das Unglück im Theater?" forschte ich. j
„Ja, Madame, mitten auf der Bühne — er hat da, glaube ich, was zu spielen gehabt mit 'nein Messer —." ^
Elisabeth eilte jetzt die Treppe empor und öffnete, ohne erst j anzuklopsen, die Thür von Nummer sieben. Ich werde den An- ! blick nie vergessen! Ein dünnes Talglicht auf einem Porzellanleuchter erhellte nothdürftig das ziemlich große Zimmer, und da ! saßen und standen wohl sechs bis sieben Frauenspersonen, noch ! im Theaterkostüm, mit Gesichtern, die unter der Schminke er- > blichen waren. !
Frau Marthe, sie mußte es dem Aeußern nach sein, hielt i das Kind auf dem Schoß; die andern, die jedenfalls zum Volk ! gehört hatten, in wunderlich zusammengestoppelten altdeutschen Kostümen, schienen das Schreckliche noch immer nicht glauben zu wollen — ich sah nie so entsetzte Gesichter.
„Ist das die Kleine der verstorbenen Frau?" fragte Elisabeth.
Die alte Person in ihrer Matronenhaube fing statt der Antwort an, zn schluchzen. Das Kind, durch die verstörten Gesichter ängstlich geworden, begann leise zu weinen.
„Ist der Mann wirklich der Mörder?" fragte die kleine Frau an meiner Seite, ohne die Augen von dem blonden Ge- schöpfchen abzuwenden. j
„Ja!" lautete die einstimmige Antwort.
„Er gab den Valentin," sagte ein junges Mädchen. „Sie hatten nach dem ersten Akt eineil so argen Wortwechsel; er behauptete, sie habe immerfort mit einem Studenteil geliebüngelt. Ich sah es ja auch, er saß mit zwei oder drei andern in der Prosceniumsloge. Sie hat's ja immer so gemacht, und der Ti rektor war so eifersüchtig wie Othello."
„Ja," bestätigte eine andere, „schon vor ein paar Wochen in E., da dachteil wir, er schießt sie todt. Nun wird er ins Zuchthaus kommen."
„Wenn nicht Schlimmeres —" schluchzte Martha.
„Ja, der wird hingerichtet —" klang es förmlich schaurig aus einer Ecke.
Der Aufschrei einer andern machte die schreckliche Prophetin verstummen.
„Nein," vertheidigte eine dritte, „sie hat ihn soweit gebracht! Meiner Seel?, ich will's beschwören — ich —"
„Hat der unglückliche Mann oder die Frau Verwandte?" unterbrach Elisabeth das Hin- und Herreden.
„Nicht 'ne Katze geh-ört zu denen."
„Was wird aus dem Kinde?" klang abermals Elisabeths Stimme.
„Ja, das wissen wir auch nicht."
Und jetzt erhob Frau Martha ihre dünne krallte Stimme und wollte der Todten einen Nachruf halteil, der uns entsetzte, so schwerer Beschuldigungen voll waren schon die ersten Worte.
„Schweigen Sie," sagte Elisabeth ernst, „wir sind allzumal Sünder, steht iü der Bibel; vielleicht erinnern Sie sich des Wortes noch aus Ihrer Kinderzeit."
Sie stand jetzt Plötzlich dicht vor der verblüfften Frau lind nahm ihr ohne weiteres das Kind aus dem Arm. „Komm!"
„Zu meiner Mama," weinte die Kleine und legte doch ihr Aermchen zutraulich um den Hals und das Gesichtchen mit den schlaftrunkenen Augen an die Wange meiner Elisabeth.
„Ja, zu Deiner Mutter," tröstete sie. Als sie sich zur Thür wandte, trat der Pfarrer ein. Er sah seine Frau all wie eine Erscheinung.
„Elisabeth," sagte er stockend.
„Ich behalte es," klang es leise und fest.
„Komm heraus mit ihm, der Vater will Abschied nehmen — "
Die Thür fiel hinter uns zu. Da stand aus dem Flur, umgeben von zwei Polizisten und dem Gendarm, ein großer schlanker, noch junger Mann, dem die Haare an der feuchten Stirn klebten, mit todtenbleichen Zügen.
„Aengstigen Sie sich nicht um das Kind," sprach Elisabeth mild, „ich will es getreulich pflegen, wenn Sie es mir lassen wollen."
Die Augen des Mannes hefteten sich auf die sausten Züge der Frau, als forschten sie, wem er seinen einzigen Schatz ans dieser Welt jetzt anvertrauen sollte.
„Es ist die Frau Oberpfarrerin, Sie können froh sein!" flüsterte ein Polizist ihm mitleidig zu.
Da flog es wie ein erlösender Schein über das starre Gesicht. Er riß das weinende Kind in seine Arme und küßte es, als wollte er es ersticken, und als er es Elisabeth wiedergab, sagte er kaum verständlich: „Gesegne es Ihnen Gott, daß Sie Erbarmen haben mit dem Kinde eines Mörders und einer Ehrlosen!"
Es war, als rüttelten diese Worte mich wieder wach, denn bis jetzt hatte ich das alles mit angesehen wie im Tranme. - - „Elisabeth!" sagte ich.
Es war still geworden; die Schritte des Gefangenen und seiner Wächter verhallten; nur sie, der Pfarrer und ich standen noch auf dem Flur. Sie antwortete nicht, sie band sich ein Tuch ab und hüllte das Kind hinein, das schon im Nachtkleidchen war: ihr Mann sah regungslos zn.
„Nun kommt!" bat sie.
Wir gingen hinunter. Die Menge war hinter dem Armen dreingelaufen, der nach dem Rathhause - geführt wurde: unsere Straße lag still und menschenleer.
Was mochte in dem Herzen des Mannes Vorgehen, der da neben mir schritt? Elisabeth war voraus; so leichfüßig ging sie durch den klaren Mondenschein, als trüge sie keine Bürde. Wir langten vor dem Hause an; er trat hinzu und öffnete seiner Frau die Thür. „In Gottes Namen denn!" hörte ich ihn sagen.
(Fortsetzung folgt.)