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Er vergißt es, als höflicher Mann seinen Hut vor der Dame zu ziehen. Ungestüm eilt er auf sie zu, faßt ihre Hände beide, sieht ihr Prüfend in die Augen und nennt leise ihren Namen: „Annie!"
In ihr ist nichts mehr von Schreck und von Aufregung.
Er ist bei ihr, er hält ihre Hände fest in den seinen, er sieht sie unverwandt an, sie sind beide allein in der schöllen, wonnigen Maienwelt ... es sollte so sein!
Jetzt besinnt sich Delmont, läßt ihre Hände sinken, zieht den Hut. „Sie müssen mir verzeihen, ich bin zu glücklich, Sie zu sehen, wie ein holdes Wunder hier erscheinen zu sehen! Ich habe eine böse Nacht gehabt!"
„Ich auch!" fällt sie ein, als spräche sie etwas Selbstverständliches. Seine Allgen leuchten aus.
„Sie auch? Sehen Sie, Annie, ich hatte Angst, ich wußte es ja, konnte es denken, daß Sie zahlreiche Bewerber finden würden, aber ein so seltener Mann wie Conventius —"
„Ja, er ist ein seltener Mann!" Sie giebt das zu mit strahlendem Blick und steht hoch anfgerichtet da und sieht ihm in die Augen, ohne mit den Wimpern zu zucken.
„Ich hatte mir eingebildet, damals schon in der Kirche, als wir zwei allein waren unter den vielen, hätten Sie mich verstanden, und neulich in der Gemäldeausstellung gleichfalls, obgleich ich dort nicht sprach, nicht sprechen konnte! Ich hatte gehofft, Sie verstünden mich ohne weitere Worte, als ich Ihnen zuletzt sagte, ich würde kommen."
„Sie hatten ein Recht, das zu denken!"
„Aber als ich null kam und Sie nicht allein fand, da kam der Zweifel, die Angst, das Mißtrauen. Ich mag nichts beschönigen, nichts verbergen, Sie sollen mich sehen, wie ich bin! Keine weiche, liebenswürdige Natur, nein! Voll Selbstbewußtsein und Trotz und nagender Eifersucht! Ich habe meine Hand nicht ausstrecken wollen nach Ihnen, habe mir versagt, wonach meine > Seele hungerte, denn ich hatte einen ernsten schwerwiegenden Grund dafür! Es half mir nichts! Alles, was ich in meinem düsteren Leben entbehrt habe all Jugend, an Glück, an Sonnenschein, das steht verlockend vor mir und zieht mich hinüber — Annie — mein Herz, mein Entzücken!"
Er hatte mit bebenden, verlangenden Händen sein Glück an sich gerissen und hielt es nun fest an seinem wildhämmernden Herzen. Mit demselben strahlenden, zuversichtlichen Blick sah
Annie auch jetzt noch zu ihm empor, bis er sich neigte und die wunderschönen Augen küßte, damit sie es nicht sehen sollten, wie er mit den Thränen kämpfte.
Es blieb lange still. Wankende Goldlichter irrten über die beiden hin durch die kleinen grünen Blätter, über welche der Wind hinstrich. Noch erzeugte er nicht das majestätische Brausen, das wie Meeresbranden in den voll belaubten Wipfeln klingt. Ein heimlicher Flüsterton war's nur, wie wenn die Natur es noch ! nicht wagt, laut zu reden, gleich den beiden Herzen, die auch noch ! kein Wort fanden für ihr großes Glück.
! Unter ein paar knorrigen, noch spärlich belaubten Eichen ! stand eine niedrige Steinbank. Zu der führte Delmont seine junge ! Braut, aber er nahm nicht Platz an ihrer Seite. Ihr zu Füßen
l kniete er nieder ins weiche Moos und legte ihre weiche Hand auf
! seine Stirn, über seine Augen, Preßte sie an seine heißen Lippen.
^ Eine seltsame Demuth war über den stolzen, eigenwilligen Mann ! gekommen, es war, als überwältigte ihn sein Glück, und als Annie schüchtern zu reden begann, hörte er ihr stumm zu, und endlich sagte ^ er mit einer von innerer Bewegung gänzlich umflorten Stimme: i „Du mußt verzeihen, ich kann noch nichts ordnen, nichts j denken. Ich — und Glück! Ich Hab' mir's versagen wollen, versagen müssen — nun Hab' ich mir selbst mein Wort gebrochen, bin treulos geworden gegen mein eigenes Ich! Es ist alles in mir aus den Fugen — wer immer im Dunkeln war. . . wie soll ! den die Sonne nicht blenden? Laß mich hier still so liegen;
^ wie soll ich Dir sagen, wie es mir ums Herz ist? Ein anderer soll
^ für mich sprechen, ein Dichter! Vielleicht kennst Du es, was j Rückert zum Schluß seines Mebesfrühlings' sagt!"
Er legte sein Haupt auf ihre Kniee und schloß die Augen, während er sprach:
„Mir ist, nun ich dich habe,
Als müßt' ich sterben.
Was könnt' ich, das mich labe,
Noch sonst erwerben?
Mir ist, nun ich dich habe,
Ich sei gestorben.
Mir ist zum füllen Grabe Dein Herz erworben."
Seine Stimme war tonlos geworden bei den letzten Worten — nun schwiegen sie beide, und um sie her war geheimnißvolles Frühlingsweben! (Fortsetzung folgt.)
14j)illst Lu der Erde tiefstes Leid Du zu Len stillen Gräbern tragen, O, gehe nicht zur Frühlingszeit, Geh in Les Herbstes späten Tagen.
Allerseelen. -kch-W—
Geh, wenn die letzte Gtume stirbt Am Todes hauch der rauhen Lüfte,
Geh, wenn Las letzte Glatt verdirbt, Das kosend noch umschlang die Grüfte!
Geh, wenn die Trauerweiden kahl Die letzten frost'gen Thränen weinen Und ihre Glätter stlberfahl Sich kräuseln auf den Leichensteinen!
So steht der Mensch, an Hoffnung leer Wie sie, gebeugt, den Gtick nach unten, Das Äug' hat keine Thräne mehr,
Das Herz hat keinen Trost gefunden.
Aus ist Las Spiel, kein Mistton dringt Hinab bis zu des Müden Stätte,
Der letzte Crdenlaut verklingt —
Fa, wer's schon Überständer: hätte! vr. K. Göersöerger.
Der Kiefernprozesstonsspinner.
Von Vr. K. Iickerow.
Alle Rechte Vorbehalten.
ie den großen Thieren manch wuchtige Waffe zum Schutze gegen ihre Feinde verliehen ist, so führen auch die kleinen, kaum bemerkbaren Geschöpfe Vertheidigungsmittel, deren Wirkungsweise dem Menschen nur zu oft seine Ohnmacht aufs deutlichste vor Augen führt. Wer kennt sie nicht, die zahllosen Quälgeister der Sommerszeit, die Mücken, Schnaken, Bremsen re., die uns so oft mit ihrenr peinigenden Stachel den Genuß des Tages und die Erholung der Nacht verkümmern. Oder erregt uns nicht z. B. bei dein Genüsse frischen Quellwaffers die ganze Schar der kleinen und kleinsten Lebewesen in demselben eine geheime Besorgniß? So haben auch schon seit vielen Jahren die Brennhaare des Eichenprozessionsspinners den Aufenthalt in Deutschlands Wäldern den Besuchern derselben verleidet, und neuerdings ist ein ver
wandter Plagegeist auch auf den Nadelbäumen wiederholt beobachtet worden. In dem ganzen nordöstlichen Theile unseres Vaterlandes, von der Elbe bis zur Memel, treibt, wenu auch meist vereinzelt und auf kleine Kreise beschränkt, der Kiefernprozessionsspinner sein unheimliches Wesen und verjagt nicht nur Menschen, sondern auch Thiere aus dem von ihm besetzten Gebiete, indem alles, was in seine Nähe kommt, von einem peinlichen Jucken der Haut befallen wird. Die Aufmerksamkeit der Forstbeamten wurde bisher von diesem Spinner durch das gleichzeitige, viel zahlreichere Vorkommen eines den Kiefernwäldern bedeutend schädlicheren Insekts, nämlich der Nonne, über deren Verheerungen wir jüngst des weiteren berichtet haben, abgelenkt. Da aber die Raupen des Kieferuprozessionsspinners