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wieder einmal das Riesenwerk zu hören. Bachmann, welcher zum Tristan, und Frl. Seehofer, die als Isolde berufen war, erklärten, die Partien beim besten Willen nicht bewältigen zu können, und so frug man bei Vogls an, die auch bereit waren. Nach weiteren Vorbereitungen unter Bülow ging „Tristan und Isolde" dank der wunderbaren Verkörperung der beiden Gestalten durch Vogl und seine ebenbürtige, ihn als Darstellerin sogar noch übertreffende Gattin am 20. Juni 1869 mit großen: Erfolg über die Bretter. Der Ruhm Vogls und seiner Frau als „Wagner- sänger" verbreitete sich dann im Laufe der Jahre immer mehr, und wenn sich auch beide in zahllosen anderen Rollen nicht minder auszeichneten, so war es doch jene blendendere Eigenschaft, welche ihren Ruf begründete. Zahllose Gastspiele und — Bayreuth waren die Folge.
Vom Jahre 1875 bis in die jüngste Zeit haben Gastspielreisen den Künstler und seine Gattin fast in alle bedeutenderen Städte Deutschlands, ferner nach Wien, in die Schweiz, nach Riga und Petersburg, nach London re. geführt, und im vorigen Jahre zahlte Vogl auch dem Zug nach den: Dollar seinen Zoll und ging — nach Amerika. Es wäre ihm aber beinahe schlecht bekommen. An einem, wie sich erst später herausstellte, lebensgefährlichen Karbunkel leidend, betrat er das Schiff, das ihn übers große Wasser bringen sollte, und vom Schiff weg ging's nicht ins stolze Metropolitan OperaIiou86, sondern ins deutsche Hospital, wo er dem Tode nahe ins Auge schaute, bevor er die großen Wagnerrollen singen konnte, welche ihn: erst später die gewohnten Erfolge einbrachten.
Die gewohnten Erfolge! — Wenn Heinrich Vogl heute auf seine 25jährige Thätigkeit als Sänger und Darsteller zurückblickt, darf er sich ehrlich gestehen, daß er diese Erfolge stets nur der Anwendung rein künstlerischer Mittel verdankte. Von gewöhnlicher Mittelgröße und eher von untersetzter Gestalt, hat Vogl nichts von dem herkömmlichen blendenden Aeußeren, das sich bei so manchen Tenorgrößen mit einem beinahe sprichwörtlich gewordenen Mangel an höherer Intelligenz verbindet. Die Wirkung der Voglschen Rollen ist ausschließlich der edlen Stimme und dem künstlerischen Gebrauch derselben zuzuschreiben. Was immer wieder und auch jetzt noch, wo die Jahre immerhin einigen Zoll gefordert haben, an seinen Leistungen entzückt, ist die wunderbar innige Verbindung, die Ton und Wort bei ihm miteinander eingehen. So voll und edel der Ton ist, so deutlich und durchdacht ist der Vortrag des Wortes.
Rechnet man hinzu noch die gediegene allgemeine musikalische Bildung, die Vogl, besitzt, so überrascht es nicht mehr, daß derselbe als Konzertsänger nicht minder geschätzt ist wie auf der Bühne. Mau weiß, daß der Konzertsaal für das Könne:: jedes Sängers eine wahre Feuerprobe bedeutet; Vogl hat dieselbe nicht nur stets bestanden, sondern viele schätzen ihn sogar als Lieder- und Oratoriensänger noch höher wie als Opernsänger.
Neugierig, welche Nolle bei einem solchen Umfang künstlerischen Schaffens den: Sänger mit der Zeit wohl an: liebsten geworden wäre, hat der Schreiber dieser Zeilen einmal danach gefragt. „Herrgott, das ist schwer zu sagen!" antwortete Vogl, „ich singe gerne den Tamino, Adolar, Pylades, Achilles, den Evangelisten in der ,Schöpfung', den Judas Maecabäus; ich singe leidenschaftlich gern schöne Lieder und der: ganzen Wagner und Haffe den Ritter Hugo in ,Undine' und dergleichen Zeug. Was ich am liebsten singe? Ich weiß es nicht; alles, was ich kann."
Und doch giebt es etwas, was der berühmte „Wagnersänger" mindestens ebenso hoch stellt wie seine Bühnenerfolge — seine Ökonomie. Opernsänger und Oekonomie sind sonst Begriffe, die sich selten zusammenfinden, ja wohl meist gegenseitig ausschließen. Der kgl. Kammer- nnd Hofopernsänger Heinrich Vogl ist, fast möchte ich sagen, vor allen: Landwirth. Im Jahre 1878 erwarb er das etwa eine Stunde oberhalb Tutzing am Starnberger See, der Heimath seiner Gattin, gelegene Landgut Deixlfurt mit 176 Tagwerk (etwa 60 im) und 8 Stück Vieh. Heute ist das Gut auf etwa 1000 bayerische Tagwerk (340 im) abgerundet und beherbergt 110 Stück Hornvieh, 12 Pferde re. 500 Tagwerk sind 5 Fuß tief drainirt, eine Spiritusbrennerei von 1450 Hektolitern Kontingent ist eingerichtet, 350 Tagwerk umfaßt das Ackerland, eine rationelle Milch- wirthschaft und gute Fischzucht hat er eingeführt, Jagd, Wiesen und Wald, alles findet bei dem bayerischen Opernsänger die liebevollste Pflege; denn Vogl läßt dies alles nicht etwa durch andere bewirthschaften, sondern lebt fast das ganze Jahr hier auf seinem selbstgeschaffenen Besitzthun: und fährt nur zu den Proben und den Aufführungen nach der Stadt in sein Absteigequartier in der Maximilianstraße. Er leitet alles selbst, fährt selbst auf die Viehmärkte, bewirbt sich um Preise auf landwirthschaftlichen Ausstellungen re. Wen:: man ihn an der Seite seiner Gattin und der blühenden Kinder durch sein ausgedehntes Besitzthum schreiten sieht, lernt man es fast verstehe::, daß er auf diese bleibenden Spuren einer- langjährigen gesegneten landwirthschaftlichen Thätigkeit noch stolzer ist als auf den schnell verwelkenden Lorbeer eines gottbegnadeten Künstlerthums, und man glaubt an das köstliche Wort, das er nach Vollendung einer „wagnerischen" Gastrolle gesagt haben soll: „Heut' Hab' ich unreinen Ochsen ersungen!" —
Heinrich Vogl steht heute noch ungebrochen in der Vollkraft seiner Jahre und seiner Stimme, deren Metall und Ausbildung ihm noch Bürgschaft für eine Dauer vor: vielen Jahren geben. Er wird seiner Heimath- bühne als Tenor das sein, was der Zeuge seines Probesingens, August Kindermann, als Bariton gewesen ist, bis ins hohe Alter — ein unvergänglicher Sänger! Aksred v. Wenst.
Wtcrtten und MlüLken.
Auf der Studienreise. (Mit Abbildung S. 753.) Wenn doch die Häuser keine Fenster hätten! Oder wenigstens keine rückwärtigen, zu denen die Mutter aber auch grad' in den: Augenblick 'reinschauen muß, wo der Herr Maler, der bildsaubere nette Mensch, eine Pause im eisrigen j Studium macht und dem blonden Resei ein ganz unschuldiges kleines Busserl auf seine frischen rothen Backen drückt, weil es gar so schön still gesessen ist bein: Abzeichnen. Und jetzt deswegen einen solchen Mordsspektakel! Die alle Huberin kennt sich nicht vor Zorn, ein „grantiges Leut" ist sie schon ohnedem immer, aber jetzt schimpft sie das arme Resei i ganz ausbündig herunter, und das um so ärger, weil sie, die Huberiu, ^ über sich selbst auch einen Zorn hat. Nämlich, daß sie sich so hat einthun z lassen von den: Schmierlappen, dem hinterhältigen, der ihr mit lauter ^ Heiligenbildern daher gekommen ist und sich so recht brav und gottes- ! fürchtig angestellt hat. Und grad' dem hat sie trauen müssen, wo sie doch sonst ! keinem Menschen traut — springgiftig möcht' sie werden vor Zorn darüber!
„Han, Resel," keift ihr scharfer Diskant, „daß di gar net schämst, ! und di abbusseln laßt von an solchen herg'laafenen Spitzbuben, von so an —" er kann die folgende Steigerung seiner Ehrentitel mit eigenen ^
Ohren anhören in der schützenden Truhe, die als einzige Zufluchtsstätte >
sich seinen Augen darbot, als draußen die knöchernen Finger der Hubern: ! an die Scheiben pochten und ihr schneller Lauf nach der Thür ein Ent- ? rinnen durch dieselbe unmöglich machte. Aber es ist ein verdammt un- ^ bequemer Aufenthalt in dem Holzkasten, ganz abgesehen von der wenig ! glänzenden Lage für das hervorragende Mitglied der jungen Münchener ! Schule. Niemals ist das berühmte Wort „Aussi möcht' i!" aus so ge- ^ preßten: Herzen aufgestiegen, als in diesen: Augenblick. — ^
Das Resei, noch Neuling in solchen Seenen, steht da, die hübschen braunen ! Augen seitwärts gewandt, den Finger an die Lippen gedrückt, in rathloser ^ Verlegenheit und Angst. Scheinbar demüthig den: strafenden Gepolter , lauschend, hat sie doch keinen andern Gedanken als die Rettung des ^
Jünglings in der Truhe. Leicht setzt sich die Mutter an: Ende noch
drauf, wenn sie verschnaufen muß, und druckt ihm eine Hand ab oder- gar das Genick! . . . „O heilige Katharina," betet Resei in Gedanken zu dem hinter ihr hängenden, so schön gemalten Bild, „heilige Katharina, thu' ein Wunder und hilf uns aus dieser Noth!"
Und siehe, die Heilige erbarmt sich und thut ein Zeichen. In: nächsten Augenblick knarrt der leise gehobene Truhendeckel ganz vernehmlich, die Huberin fährt herum — und Reseis Bitte ist erfüllt: der Maler feiert seine Auferstehung bei lebendigem Leibe. Wie freilich, davon schweigt
er, heimgekehrt, den Kameraden gegenüber hartnäckig, so viel Rühmens er auch außerdem von dem blonden'Resei macht.
Woher ich nun das alles weiß? ... Ja, es giebt eben Bilder, die Zu leben anfangen, wenn man sie betrachtet, weil der Künstler sie aus den: vollen Leben heraus gemalt hat. Das ist die Art des Meisters Mathias Schmid, der die Wahrheit sieht, ohne die Schönheit zu verachten, und deshalb uns so viel herzerfreuende Bilder geschenkt hat. Eins der anziehendsten darunter ist sicher das, welches wir heute unsern Lesern vorlegen.
Jer letzte Berliner Ufayköau. (Mit Abbildung S. 741.) Alte Gebäude umweht oft ein eigener Zauber, und nur ungern trennt man sich heute von Erinnerungen aus früheren Jahrhunderten; man sucht in: Gegentheil alten Häusern auszuhelfen und sie als Denkmäler einer vergangenen Zeit zu erhalten, sofern nicht aus zwingenden Gründen ihre Abtragung erforderlich ist.
Auf den ersten Anblick glaubt man wohl in dem „letzten Berliner- Pfahlbau", den unser Zeichner hier anschaulich wiedergiebt, ein Hamburger- Bild vor sich zu sehen. Hamburg war einst gerade an Gebäuden solchen Stils reich, und es schien oft unbegreiflich, daß nicht der Sturm über Nacht einmal einem derartigen Jahrhunderte alten Mauerwerk den Todesstoß versetzte. Aber die Architekten jener Epochen bauten fest und kernig, und so hat auch bisher der „letzte Berliner Pfahlbau" die Zeiten Überstunden, bis nun — das Haus liegt an der Fischerbrücke und trägt die Nummer 28 — auch sein Ende durch Abbruch herangekommen ist.
Das mehrstöckige Gebäude den „letzten Pfahlbau" zu nennen, ist man berechtigt, da es auf Pfählen steht, welche in das Wasser eingestampft sind. Eigentlich hat nur die Hinterfront etwas Anmnthiges, das Auge Fesselndes; Veranden ziehen sich die ganze Breitseite der Stockwerke entlang. Die Säulengeländer sind von Holz, und wilder Wein schlingt in: Sommer seine grünen Arme um die Brüstungen. Aber auch allerlei Gcthier hatte sich eingenistet, Tauben und Krähen ließen sich darauf nieder nnd in dunkler Nacht huschte auch wohl ein Kätzlein mit behende gesetzten Pfoten hier und dort hin, aber nicht in mörderischer Absicht, sondern als Kamerad der Vögel und Hunde, welche die Veranden bevölkerten. —
Eine Fahne, welche die Aufschrift trägt: „Es lebe die Schiffahrt", deutet auf den Wasserverkehr hin, und ebenso verleiht ein Laden mit den: Wappen der Elbfladt Hamburg dem Hause das Gepräge eines Fischer- Hanfes. Wenn unseren Leser diese Zeilen vor Augen kommen, ist der alte Bau schon weggeräumt, aber er hat doch für die Erinnerung hier bildlich ein Unterkommen gefunden. — ii—
InhaltSonnenwende. Roman von Marie Bernhard (9. Fortsetzung). S. 741. — Der letzte Berliner Pfahlbau. Bild. S. 741. — Allerseelen. Gedicht von l)r. K. Ebersberger. S. 744. (Zn dem Bilde S. 745.) — Der Kiesernprozessionsspinner. Bon ln-. G. Zickerow. S. 744. Mit Abbildungen S. 746 u. 747. — Allerseelen. Bild. S. 745. — Der Pfeifertag von Rappoltsweiler. S. 748. Mit Abbildungen S. 748, 749 n. 750. — Auf schwankem Boden. Bon W. Heimbnrg (Schluß). S. 750. — Auf der Studienreise. Bild. S. 753. — Künstler und Landwirth. Ein Erinnerungsblatt zum fünfundzwanzigjährigen Sängerjubiläum Heinrich Vogls. Von Alfred v. Mensi. Mit Abbildung. S. 755. — Blätter und Blüthen: Auf der Studienreise. S. 756. (Zu dem Bilde S. 753.) — Der letzte Berliner Pfahlbau. S. 756. (Zn dem Bilde S. 741.)