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Wie das paßt für den thaufunkelnden, sonnendurchleuchteten Frühlingsmorgen!
Im Walde schimmern die grünen Tannenspitzchen wie Smaragd, und die jungen Buchenblätter sind förmlich durchsichtig unter den goldenen Strahlen. Langsam fährt der Wagen bergan. Noch einmal wende ich mich um und sehe das Städtchen drunten, die beiden schlanken Kirchthürme und die dunklen Giebel des Pfarrhauses. Ich weiß, jetzt sitzt am Fenster eine stille Frau, der aller Sonnenglanz genommen ward, und ich meine ihre Worte zu hören, die sie gestern gesprochen: „Es ist wie Ruhe über mich gekommen, seitdem ich weiß, sie schläft."
Am Wegesrand vor mir sitzt unter einer noch fast kahlen
Eiche ein Wanderer; er blickt unverwandt hinab zur Stadt. Ich mache unwillkürlich eine grüßende Bewegung, denn ich habe Marthas Bräutigam erkannt. Aber er wendet den Kopf, er will mich nicht sehen; um seinen Mund zuckt es wieder, und die Hände, die sich jetzt mit dem Reisetüschchen zu schaffen machen, zittern.
Langsam fahre ich vorüber.
Immer mehr versinkt hinter mir die kleine Stadt, und die weite Welt thut sich auf vor meinen Augen. Der Morgenwind zieht mir entgegen auf der Höhe und trocknet die letzten Thränen, als wollte er mich trösten: „Weine nicht, denn sie ist geborgen, sie wandert nicht mehr auf schwankem Boden — sie schläft!"
Künstler und Landwirth.
Girr GrirrrrerurrgsSc^LL zirnr fürrfrrridzwanZigzäHrigen Särrgerzrrbil'ärrnr Keirrrich Wogl's.
n einem Augusttage des Jahres 1865 war eine kleine musikalische Gesellschaft im schmucklosen Probezimmer des kgl. Hoftheaters in München zusammen: der Jntendanzrath Schmitt, die Kapellmeister Franz Lachner, Rheinberger und Meier, der Regisseur Sigl und der Hofopernsänger August Kindermann. Vor diesem gestrengen Kollegium stand ein junger Mann, der gewiß klopfenden Herzens die ganze Wichtigkeit jener Stunde für sein künftiges Leben empfunden hat - der 20jährige Schullehrergehilfe Heinrich Vogl. Er, der heute in der musikalischen Welt der große Wagner-Sänger genannt wird, sollte damals Probe singen.
In der Vorstadt An geboren, ein richtiges „Münchener- Kindl", hatte es der junge Vogl drei Jahre vorher mit mehr Fleiß als Behagen zum Schullehrergehilfen in Ebersberg gebracht. Die schöne kräftige Tenorstimme, die in ihm nach Betätigung rang, ließ jedoch keine rechte Befriedigung in ihn: aufkommen.
Er faßte sich ein Herz und bat seinen Kreisschulrath um Versetzung von der einsamen Filialschnle nach einer größeren Stadt. Der Kreisschulrath aber - es thut nichts, wenn der Name des gestrengen Herrn nicht auf die Nachwelt kommt — wies dem jungen Lehrer in der schroffsten Weise die Thür.
Da raffte sich Vogl zu einem heldenhaften Entschluß auf: er brach alle Brücken hinter sich ab und meldete sich zum Theater — als Chorist. Und nun sang er Probe. Nachdem er die ^.-äur-Arie ans MehulS „Joseph" und die in Ls-äur des Tamino aus der „Zauberflöte" von Mozart vorgetragen hatte, trat der alte Lachner, der scholl früher erfreut geäußert hatte: „Nun, Stimm' wär' ja da!" auf Vogl zu und sprach zu dem erwartungsvoll dastehenden: „Als Choristen können wir Sie nicht brauchen, aber" — schmerzliche Pause —
„als — Solisten", und erbot dem glücklichen Schullehrer einen fünfjährigen Vertrag.
Nun ging es ans Studieren.
Lachner übernahm die gesangliche, Schauspielregisseur Jenke die darstellerische Ausbildung des hoffnungsvollen Tenoristen.
Aber nicht nur Stimme, das kostbare und nie hoch genug anzuschlagende Material, war in reichem Maße da, auch Talent, schnelle Auffassung und jene außerordentliche Sicherheit im Treffen, jener durch und durch musikalische Sinn, der damals wie heute Heinrich Vogl vor so vielen feiner berühmtesten Fachgenosfen auszeichnete.
Am 5. November 1865 betrat Heinrich Vogl zum ersten Male jene Bretter, die ihm zur Heimath werden sollten, als Max in Webers unsterblichem „Freischütz". Sophie Stehle, damals ein Liebling des Münchener Publikums, sang die Agathe, Frl. Deinet (spätere FranPosfartsj das Aennchen,
der berühmte Bariton Kindermaun den Caspar. Ein übervolles Haus erwartete mit Spannung den Neuling, den viele als liebenswürdigen Menschen, wenige als Schullehrer, der seinen Beruf verfehlt hatte, kannten. Als Vogl die erste Phrase „O diese Sonne!" — mit seiner jugendfrifchen prächtigen Stimme gesungen hatte, ging schon eine starke Bewegung durch
das Haus; der Debütant hatte gewonnenes Spiel, das Pu- bliknm fühlte, daß es einen werdenden Künstler vor sich hatte, und Vogl trug an diesem Erstlingsabend vor nunmehr 25 Jahren einen so glänzenden Erfolg davon, wie er wohl nur selten einem Anfäuger vergönnt gewesen sein mag.
Damals konnte man freilich den Werth und die Bedeutung seines Engagements noch nicht in ihrer ganzen Tragweite ahnen. Als Schüler Lachners stand Vogl zunächst noch ans streng klassischem Boden und hatte zu der „Wagnerfrage", die ja gerade damals, nach der Berufung Wagners und Bü lows durch den jungen König Ludwig II., hell aufgelodert war, so gut wie keine Stellung genommen. Später sollte sich dies ändern, ja gerade in das Gegentheil Verkehren. Vogl hatte Wagner aus „Tristan" oorgesungen, und „der Meister" bestand darauf, daß der junge Sänger bei einen: bestimmten Lehrer Gesangsunterricht näh me. Vogl nahm auch ein paar Stunden, ward aber nicht befriedigt und blieb aus. Wagner- Hat ihm dies sehr übelgenom men, biS^ auch er erkennen mußte, daß er an dem jungen unscheinbaren Mann einen Interpreten seiner größten Bühnengestalten gefunden habe, wie ihm dazumal kein zweiter zu Gebote stand. Von dieser Zeit an verlor Vogl in den Angen Lachners und der Nachklassiker; erst später sollten diese mit Freude erleben, daß eine merkwürdige Vielseitigkeit und Stilgewandtheit den Künstler befühige, von der unendlichen Melodie unmittelbar in die strengen Formen der klassischen Musik überzugehen.
Die Wagnerianer nahmen Vogl als den Ihrigen in Anspruch von: „Tristan" an, diesem „wagnerischsten" der Werle Wagners, das an feinen Darsteller so fabelhafte Anforderungen stellt, daß diese Athletenleistung Vogls damals und noch lange als einzig und unerreichbar dastand. Das Werk selbst war an: 10. Juni 1865, also vor dem Eintritt Vogls, zum ersten Male in Scene gegangen und dann dreimal wiederholt worden. Inzwischen hatte Vogl im Oktober 1867 die Tutzingcr Schnllehrerstochter Therese Thoma, die seit April desselben Jahres ebenfalls der Hofbühne als Sängerin angehörte, geheirathet. Die beiden kunstbegeisterten Leutchen hatten ganz für sich „Tristan und Isolde" einstudiert, ohne vorläufig an eine öffentliche Verwendung zu denken. Da wünschte König Ludwig
Kernrrch Wogt als Lohengrin.
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