Heft 
(1890) 44
Seite
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Die alte Schelle der Pfarrhausthür rasselt wie sonst; ein ältliches Dienstmädchen führt mich in die Stube der Frau Pfar­rerin, und von ihrem Fensterplatz erhebt sich eine zierliche kleine Gestalt, und unter schneeweißem Haar leuchten die treuen blauen Augen meiner Elisabeth.

Das ist lieb von Dir, Anna," sagt sie ganz ruhig,lieb, daß Du kommst. Du bleibst doch ein Weilchen bei mir?" Sie nimmt mir Hut und Mantel ab und bestellt eine Erfrischung. Wie einst sitze ich ihr auf der Estrade gegenüber und sehe auf die Straße und die alte Kirche. Wir sprechen von unserer Jugend, wir sprechen von ihren drei Lieblingen auf dem Kirchhofe; sie sagt, sie freue sich so darauf, zu sterben, Ruhe und Frieden zu finden, aber von Martha kein Wort! Auch nirgends ein Bild von ihr, kein Andenken!

Wir gehen in den Garten und wandern ein Weilchen stumm im Lindengang auf und ab. Ich meine immer, ich muß hinter den Büschen ein lichtes Kleid, blonde Haare schimmern sehen, oder ein Lachen aus Mädchenmund müsse in die träumerische Stille dieses alten Gartens klingen.- Nichts dergleichen! Fast spukhaft einsam liegt der Garten, nur das Summen unzähliger Bienen hören wir über uns in den blühenden Linden.

Dann fragt mich Elisabeth, ob ich ihr helfen wolle, einen Kranz zu winden. Und sie pflückt an der alten Mauer Epheu- blätter und von einem Rosenstrauch, der über und über mit Blüthen bedeckt ist, weiße Rosen, die einen röthlichen Anhauch haben, so zart wie ein junges Mädchengesicht. Und als wir im Garten sitzen und ich ihr die Blätter zureiche, sagt sie plötzlich:

Anna, Du mußt nicht denken, daß ich nichts weiß. Ich weiß alles, nur will ich nicht mit meinem Mann davon sprechen. Er hat das Kind so lieb gehabt, und darum darf ich auch nicht weinen. Er überwindet's leichter so." Und sie nickt mir freund­lich zu, obgleich es um ihre Mundwinkel zuckt.Willst Du ihr das bringen von mir?" fragt sie, mir das fertige Gewinde hin­haltend,es ist ein Gruß aus dem Garten ihrer Jugendzeit."

Ich will sprechen, aber sie leidet es nicht.

Laß, Anna; sie ist dem wilden Leben entrückt; es wird ihr vergeben werden, daß sie den Heimweg suchte, ehe es ihr geboten ! ward. Ich habe ihr alles verziehen." And mit einem Aufathmen ^ seht sie hinzu:Es ist wie Ruhe über mich gekommen, seitdem ! ich weiß, sie schläft." Sie legt den Kranz auf den Rasen.Er soll sich frisch halten, bis Du gehst,»Anna."

Sie ist auch nicht ohne Abschied gegangen, Anna," beginnt Elisabeth wieder.Vorgestern nacht, als ich vor Herzweh und Angst nicht schlafen konnte, weil ich an dem Tage erfahren hatte, daß sie mit der Truppe hier angekommen ist und hier spielen will, stand ich auf und trat ans Fenster der Schlafstube. Es war ungefähr um Mitternacht und der Mond schien hell durch die Wolken. Zuerst sah ich wie immer nur den alten Birnbaum auf dem Rasenplatz. Es war drückend warm in der Stube und ich öffnete das Fenster. Es war eine Nacht wie ein Traum so schön, aber schwül wie vor Gewitter und Regen, und überall schlugen die Nachtigallen. Plötzlich erblickte ich am Stamm des Baumes eine Gestalt und allmählich unterschied ich den weißen Arm, der sich um den Baum geschlungen hatte, und das weiße Gesichtchen und die glänzenden Haare darüber. Und ich sah, wie die Augen unverwandt zu mir herüber schauten. Bewegungslos, wie aus Marmor gemeißelt, verharrte sie, und ebenso wie gebannt stand ich an meinem Fenster, und so sahen wir uns an wie lange, weiß ich nicht.-

Was ich alles gedacht habe in diesen Minuten, Anna! Es war mir so wunderbar, als wäre das nicht mehr unser alter Garten, als hätte sich ein Abgrund aufgethan zwischen dem Hause und dem Baum. Ich wollte den Arm heben und konnte es nicht, wollte rufen: ,Komm wieder! komm wieder!' aber es schien mir unmöglich, wie hätte sie den Abgrund überwinden sollen? Und als ich so dastand und die Schweißtropfen fühlte, die mir auf der Stirn perlten, und doch nicht fähig war, mich zu rühren, und immer nur die stummen heißen Blicke sah, da löste sich die Gestalt von dem Baum und ging, noch immer den Kopf nach mir gewendet, mitten über den mondbeschienenen Rasen. Ich konnte sie jetzt so deutlich erkennen, wie sie mich erkannt haben mußte, Zug für Zug; und dann verschwand sie in der Richtung nach der Gartenmauer hinter dem Gesträuch. Ich hörte, wie sie sie hat es als Kind so oft gethan sich über die niedrige Mauer gleiten

lieä, hörte das Rollen kleiner Steinchen und leichte Tritte, die sich entfernten, und jetzt vermochte ich zu rufen: Martha! Martha Ü

Aber es kam keine Antwort! Nur mein Mann wachte er­schreckt auf und suchte mich zu beruhigen und wollte mir nicht glauben. Er sagt, es sei eine Sinnestäuschung gewesen; sie meinen ja alle, ich sei krank, aber -"

Sie bricht ab, denn der Oberpfarrer kommt, und wir reden alle drei von dem und jenem, und unsere Herzen sind doch nicht dabei.

Spät abends trage ich den Kranz noch hinaus, aber der Todtengräber läßt mich nicht zu der Entschlafenen.Ich werd's besorgen," sagt er freundlich,sehen Sie sie nicht an, Madame, behalten Sie ihr Bild im Gedächtniß, wie es gestern war, -- sie sah so lieb aus in dem blauen Kleidchen!"

Indem ich da noch stehe, kommt ein Herr daher kaum er­kenne ich in ihm den Faust von gestern abend. Er sieht so vergrämt aus, so, als ob er über Nacht zwanzig Jahre älter geworden wäre. Ich will mich zum Gehen wenden, da klingt seine Stimme in mein Ohr:Ach, gnädige Frau, auf ein Wort!"

Natürlich folge ich ihm in die Allee, die den Friedhof ziert; es ist hier tief dämmerig, aber ich kann doch noch das schöne Profil des Mannes erkennen. Er hat den Hut abgenommen und sich das Haar aus der Stirn gestrichen. Offenbar sucht er nach einem passenden Einleitungswort.

Madame," beginnt er endlich heiser,Sie haben sie ja näher gekannt, und Ihnen darf ich wohl auch sagen, daß ich" hier stockt erdaß ich schuld bin an dem verzweifelten Ent­schluß. Aber," unterbricht er sich,Sie wissen wohl gar nicht, daß Tosca meine Braut war? Natürlich nicht," beantwortet er hastig selbst die Frage.Sie wollte es Ihnen ja nicht sagen, obgleich ich sie täglich darum bat. Sie liebte mich und schämte sich doch meiner Ihnen gegenüber. Und an diesem unseligen Ort habe ich sie gezwungen, zu spielen, aus Eitelkeit, aus Angst, sie zu verlieren. Ich dachte, sie könnte vielleicht noch im letzten Augenblick wieder in das Pfarrhaus flüchten - dann wäre sie verloren gewesen für mich; anders, wenn sie hier auf den Brettern gestanden hatte! Ich habe sie wählen heißen zwischen mir und dem Fernbleiben von der Bühne gestern abend, ich ich habe, als ihre Kräfte sie verließen, die halb Ohnmächtige wieder auf die Scene geschleppt, und als sie dort unter der Rohheit des Publi­kums zusammenbrach da warf ich ihr, meiner nicht mehr mächtig, den Ring, den sie mir geschenkt hatte, vor die Füße. Ich weiß nicht, wie das alles kam, vielleicht dachte ich, es würde mein Zorn ihren Stolz wecken oder sie zum Spiel bewegen ich kann nicht Rechenschaft geben davon, weshalb ich es that. Ich hätte ja längst wissen müssen, daß ihre Füße nicht stehen konnten auf so schwankem Boden; sie paßte nicht zu uns, nicht zu mir. Aber ich wollt's nicht glauben, ich hatte sie wahnsinnig lieb."

Ich kann nichts erwidern darauf und gehe still weiter neben ihm. Er bleibt auf einmal stehen.Und was ist da noch weiter zu sagen," klingt es rauh,sie ist todt- ich kann sie nicht wieder lebendig machen und wenn ich mein eigenes Leben opfern wollte - ich habe sie aus dem Vaterhaus geführt, ich habe sie in den Tod getrieben ich"

Sein sonst so schwermüthiges blasses Gesicht hat einen Aus­druck leidenschaftlichen Schmerzes in diesem Augenblick, so daß ich erschrecke. Ich will ein paar Worte des Trostes sprechen und fasse nach seiner Hand, aber er schüttelt die meine ab un5 mit großen raschen Schritten geht er dem Ausgange des Kirchhofes zu, und ich sehe ihn hinter dem eisernen Gitterthor verschwinden.

Die Todtenfrau kommt mir langsam entgegen und nimmt mir den Kranz ab.

Er muß wohl ihr Liebster gewesen sein," sagt sie,denn bis jetzt ist er noch nicht viel von ihr gegangen, seitdem sie da liegt. 'S ist ordentlich schauerlich, wie er mit ihr spricht und sie immer wieder um Vergebung bittet, als wäre er schuld an ihrem Tode. Man sieht ja so manches Elend, Madame, aber so hat's mich noch nicht gepackt!"

Am andern Morgen ganz früh hat man sie zur Ruhe gebettet. Als ich eine Stunde später am Kirchhof meine Extrapost halten lasse, hat die Frühlingssonne die Kränze auf ihrem Grab schon welken gemacht. Ich stehe ein Weilchen vor dem Hügel und gehe dann über den grünen stillen Friedhof meinem Wagen zu; der Postillon knallt mit der Peitsche, die Pwrde ziehen an, und als wir an der Friedhofsmauer vorüber sind, bläst er ein Lied, ein lustiges Lied.