Heft 
(1890) 49
Seite
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Nelke im Knopfloch. Nun aber er tritt vor den Spiegel und sieht > beim Handschuhanziehen prüfend hinein.

Ja, ja," flüstert ihm der kleine Weihnachtsgeist ins Ohr,sie paßt ganz gut zu Dir, denn Du bist auch nicht mehr der Jüngste, und Du hast sie lieber, als Du weißt. Erinnerst Du Dich noch des Plätzchens im Erker, wo Du es neulich abends so gemüthlich bei ihr und ihrer Mutter fandest? Dort sitzt sie jetzt und denkt an Dich! Also eile Dich, schnell, schnell!"

Und er eilt sich und stürmt unaufhaltsam in die Dunkelheit hinans. Denn wenn einer das Glück einfangen will, das er zehn Jahre lang um­sonst vor seiner Schwelle warten ließ, da muß er große Schritte machen es könnte im letzten Augenblick davongeflogen sein.

Die Christglocken aber tönen verheißungsvoll durch das Schneege­stöber, sie geben ihn: das Geleit, und ihr Ruf klingt dem sehnsuchtsvollen Manne deutlich wie:

Nächstes Jahr nicht mehr allein!" N. N.

Ainstere Mächte.

Mne Lauerngeschichte von KLnrcrr Weidrob.

Alle Rechte Vorbehalten.

ie Glocken, die den Sonntag einläuteten, sind längst ver­stummt, im Dorfe sind alle Lichter erloschen, kein Laut dringt mehr zu mir herauf in mein einsamesHerrenhaus", wie die Leute im Dorfe meine Wohnung nennen. So lange die Glocken klangen, hatte man das Brausen des Nordsturmes nicht gehört, und so lange die Fensterreihen in den Häusern erleuchtet waren, hatte die tiefe Winternacht ihre Herrschaft noch nicht un­umschränkt angetreten; jetzt hört man den Sturm wieder ganz allein, und -gegen die Herrschaft der Nacht kämpft kein Licht mehr an. Ich könnte mein Licht auch anslöschen und ins Bett gehen, aber ich mag noch nicht. Wenn man Gesellschaft eingeladen hat und die Gäste sind noch versammelt und noch in lebhaftem Ge­spräch, löscht man auch nicht plötzlich die Lichter ans und geht ins Bett und ich habe heute abend Gesellschaft: meine Ge­danken sind versammelt und erzählen mir eine Menge Geschichten, zum Theil aus längst vergangener Zeit. Das geht bunt durch­einander: die einen fangen an zu erzählen, ehe die andern fertig sind, dann brechen sie ab, fangen etwas anderes an oder erzählen das weiter, was die andern angefangen haben, und diese wieder springen zu etwas neuem über.

. Diese Art Unterhaltung gefällt mir nicht, meine Gäste müssen verständig reden und nur über ein einziges gemeinschaftliches Thema. Es ist im Grunde nicht schwer, ein solches Thema zu finden. Der Sturm draußen, der das Glockenläuten überdauert hat, bringt mich darauf, an die finstere Macht zu denken, welche die Herzen der Bewohner des Gebirgsthales, in dein ich wohne, beherrscht, an den Aberglauben, der wohl noch für lange, lange Zeit den Sieg über den reinen Glockenklang der Wahrheit davon­tragen wird. Wie haben wir schon dagegen angekämpft, der Pfarrer, der Schullehrer, der Arzt und ich, wie haben wir uns bemüht, dem Lichte Eingang zu verschaffen in die finsteren Herzen! In der Schule, in den Kirchen, in den Häusern, an Kranken- nnd Sterbebetten, an Wiegen und Särgen, bei Trauungen und Einsegnungen ist gewirkt unch gestrebt worden, um wenigstens das Unheil abzuwenden, das der Aberglaube schon tausendfach über diese Menschen gebracht hat, um wenigstens die Steine hinwegznränmen, über welche sie im Finstern stürzen würden. Wir haben wenig erreicht. Aber wir wollen weiterkämpfen!

Meine Gedanken haben sich nun alle auf eine Begeben­heit geeinigt, welche sich hier ereignete. Ich will sie erzählen, obwohl sie mir nur eine schmerzliche Erinnerung ist an die Fruchtlosigkeit unseres Kampfes. Aber vielleicht wird sie doch auch zum Samenkorn, das da oder dort auf guten Boden fällt und gesunde Frucht trägt.

Etwas abseits vom Pfarrdorfe Dockenförth, in der Nähe der Steinbrüche und der sogenannten Moorheide, liegt der Moor­heidehof, der dem Bauern Thomas gehört. Es ist nur ein kleiner Hof mit wenig Vieh und kleinen Aeckern; das Haus ist zwar steinern, aber nur einstöckig, und der Scheuer sieht man es schon an, daß man bei ihrer Errichtung nicht auf große Ernten ge­rechnet hat aber derMoorheidler" ist doch ein angesehener Mann in Dockenförth, denn er hat immerhin seineneigenen Hof" und hat nie fremder Leute Brot gegessen. Außerdem ist er der Schwager des Ottevhofbauern in Wieselbach, und der ist der reichste Bauer weit und breit, mit dem sich in Dockensörth keiner messen kann, obwohl es das Pfarrdorf ist.

Wie es kam, daß sich die stolze Schwester des reichen Jakob vom Otterhof vor ungefähr dreißig Jahren herabließ, den Moor­heidler zu hcirathen, weiß ich nicht jedenfalls genügte es dem

Selbstgefühl der Familie des Otterhöfers, daß der Thomas keinen Pachthof hatte, sondern eigenen Grund und Boden, und der Frau war bei ihrem herrischen Charakter ein sanfter, schüchterner Mann gerade recht; da gab es keinen Zank im Hause, denn es war nicht zweifelhaft, wer darin das Regiment führen würde, ob der stille, friedfertige, wortkarge Mann mit dem einstöckigen Hause und den spärlichen Aeckern, oder sie, die harte, handfeste Frau, die einzige Tochter des reichsten Bauern in der ganzen Gegend. Wie zu erwarten war, fühlte sich der Moorheidler alsbald sehr unglücklich, obwohl er niemals klagte. Er hatte nicht nur unter der Herrschsucht und Heftigkeit seiner Frau zu leiden, sondern auch unter der Tyrannei seines Schwagers, der sich in alle seine Angelegenheiten mischte, ihm beständig anbefahl, was er als Schwager des Otterhofbauern" zu thun und zu lassen habe, und gegen den der sanftmüthige, nicht gerade übermäßig kluge Mann waffenlos war.

Niemand bemitleidete ihn, als die Frau nach fünfjähriger Ehe an einem Hitzschlage starb. Aber sie hinterließ ihm einen Sohn, der, beim Tode der Mutter erst vierjährig, dieses kurze Zusammenleben mit ihr doch dazu benutzt zu haben schien, sich ihr Wesen und ihren Charakter genau einzuprägen und ihr ge­treues Ebenbild zu werden. In seiner Person wurde auch li? Tyrannei des Otterhofbauern fortgesetzt, denn der kleine Burkhard wurde in erster Linie als dessen Neffe betrachtet und war nur so nebenbei der Sohn seines Vaters. Der Moorheidler ließ sich diese Bevormundung still gefallen; er fürchtete sich vor der Ge- waltthätigkeit seines Schwagers, und dessen Selbständigkeit und Reichthnm machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn; er sah selbst ein, daß es eine Ehre für ihn sei, der Vater des Neffen des reichen Jakobs vom Otterhof zu sein.

Nur als er daran ging, sich wieder zu verheirathen denn die Wirtschaft bedurfte selbstverständlich alsbald eines Ersatzes für die verstorbene Hausfrau ließ er sich nicht dreinreden, sondern entwickelte urplötzlich einen eigenen Willen. Er heirathete die Tochter eines armen Mannes, der, zu kränklich zur Feldarbeit, sich kümmerlich damit ernährte, daß er Schächtelchen für Spielwaren­fabriken anfertigte, während Gertrud, seine Tochter, die einzige Lohnspinnerin" im Dorfe, das heißt das einzige Mädchen war, das nicht für den eigenen Hausstand, sondern für fremde Leute spann und während der Spinnzeit von den Bauern zur Hilfe in den Spinnstuben bestellt wurde.

Man muß den Bauernhochmuth kennen, um zu beurtheilen, welche niedrige Rolle solch eine vereinzelte Lohnspinnerin in den» Spinnstuben spielt; selbst die Mägde betrachteten sie nicht als ihresgleichen, denn sie zogen doch nicht mit ihren Spinnrädern von Hof zu Hof wie Gertrud. Darum hatte auch niemand daran gedacht, daß je etwas daraus entstehen könnte, wenn der Moor­heidler öfters in die Hütte des Schachtelmachers ging, anfangs in der That nur, um seinen Flachs spinnen zu lassen, allmählich aber, weil das sanfte, ruhige und dabei doch heitere Wesen der Lvhnspinnerin ihm wvhlthat und ihn immer mehr bestrickte. Das war ein Mädchen, das für ihn paßte! Das sagte er erst nur sich selbst und dann sagte er es ihr. Dem Jakob vom Otterhof sagte er es nicht, der wurde plötzlich in der Kirche mit dem Auf­gebot überrascht und soll an diesem Tage in nicht besonders frommer Stimmung das Gotteshaus verlassen haben. Es kam zu fürchterlichen Auftritten zwischen den Schwägern, das heißt, der Jakob wüthete und tobte, während der Moorheidler still zu­hörte es mochte so schlimm kommen, wie es wollte, genau so hatte er es erwartet. Er heirathete seine Auserwählte doch und Jakob überwarf sich nicht mit ihm, Burkhards wegen, wenn er