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ihre Theilnahme für dessen Bewohner an den Tag legten, so war Rupert gutes Muthes, arbeitete tüchtig, freute sich über die zufriedene Miene des Moorheidlers und über Gertruds heitere Ruhe und hoffte auf die Zukunft, die alles gut machen werde. Der Arzt, der sich einmal als ein zuverlässiger Liebesbote erwiesen hatte, vermittelte von da an häufig Grüße zwischen Rupert und Eva, und diese Grüße waren nicht nur der einzige Sonnenstrahl, der in Ruperts Leben fiel, sie waren auch Evas einzige Freude. Denn seit Burkhards Tod war ihre Stellung im Otterhofe eine sehr peinliche geworden. Sie war die einzige, die an Ruperts
geschlossen. Aber die Krankheit trat gutartig ans, Todesfälle kamen nicht vor. Nur ein einziges Opfer schien der Würgengel fordern zu wollen — und das war der kleine Magnus. Bei diesem allein trat die Krankheit gleich anfangs mit einer Gewalt auf, der kein Einhalt zu thun war. Das Fieber ließ sich nicht bändigen, nur abschwächen auf ein paar kurze Stunden. Des Kindes zähe Lebenskraft leistete lange Widerstand, dann schien sie urplötzlich zusammenznbrechen.
Der Otterhofbauer verging vor Angst und Schmerz. In diesem Kind vereinigte sich alles, was seinem Leben Werth gab,
ihm der letzte Hoffnungsfunke, Magnus sich doch noch er
holen würde, erlosch. Gott war durch nichts zu bestechen, jener andere aber verkaufte seine Hilfe um den Preis einer Seele, und Jakob achtete sein Seelenheil für nichts angesichts seines sterbenden Kindes. Sein Glaube war nicht stark genug, um ihn zu stützen, so wurde er eine Beute des Aberglaubens.
An einem stürmischen Frühlingsabend kam der Arzt in seinem Korbwägelchen aus den tieferliegenden Ortschaften und hielt auf seinem Wege nach Dockenförth am Otterhofe an. Er wurde von Eva in die Kammer des kleinen Magnus geführt, aber zu ihrem
Da erschien unter der Thür lautlos eine unheimliche Gestalt, lang und hager, mit wirrem Haar und langem, grauem, struppigem Bart. Eva fuhr zusammen, sie erkannte den alten Gemeindehirteu, vor dem sich alle Kinder und Frauen fürchteten, weil er aussah wie ein Zauberer und von ihm das Gerücht ging, daß er mit Mächten in Verbindung stehe, die mit Blut unterschriebene Pakte forderten.
„Was wollt Ihr hier, Hoppe?" fragte Eva, „schickt Euch der Bauer her mit einer Botschaft?"
„Nein," sagte der Alte mit seiner tonlosen Stimme und
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Nach einem Gemälde von A. Wagner.
Unschuld glaubte, und sie machte kein Hehl aus ihrer Ueberzeuguug; so hatte sie viel unter offenen Angriffen und versteckten Anspielungen zu leiden, und ein Glück war es für sie, daß Jakob verboten hatte, Rupert überhaupt zu erwähnen, so daß sie in des Bauern Gegenwart wenigstens Ruhe hatte. Auch Magnus' sehnsüchtiges Fragen nach Rupert war durch Jakobs barschen Befehl, nie wieder von ihm zu sprechen, abgeschnitten worden.
Ter kleine Magnus ging zu seines Vaters größtem Stolze seit Ostern in die Schule. Indessen nur ein paar Tage hatte Jakob die Freude, ihr: mit dem Schulranzen wandeln zu sehen, dann brach eine Scharlachepidemie auH und die Schule wurde schleunigst
nichts galt ihm mehr etwas, wenn es starb. Er flehte täglich den Arzt an, ihm zu helfen, doch dieser zuckte die Achseln; er flehte den Pfarrer an, für das Kind zu beten, und dieser versprach es mit traurigem Lächeln. Wenn aber dann der Pfarrer in milder Weise versuchte, den Vater darauf vorzubereiten, daß es vielleicht Gottes Wille nicht sei, einem solchen Gebete Erhörung zu schenken, so wurde der Geängstigte so wild, als wäre er von Sinnen, und stieß in seiner haltlosen Verzweiflung die gotteslästerlichsten Reden aus.
Wenn Gott nicht helfen konnte oder wollte, so half vielleicht ein anderer, den anznrufen es Jakob immer gegraut hatte, his
Schrecken fanden sie das Bettchen leer und niemand im Zimmer.
„Er wird doch nicht in der Fieberhitze herausgesprungen sein?" rief der Arzt.
„Ach, dazu hatte er die Kraft gar nicht mehr!" sagte Eva traurig. „Er lag so still, so still da, kein Fingerchen bewegte er mehr und machte die Augen gar nicht mehr auf."
„Wer war bei ihm?" fragte der Arzt erregt.
„Der Bauer selber. Ach! was mag der mit ihm angestellt haben, er war den ganzen Tag so verstört, so . . . ich weiß nicht, wie ich's nennen soll!"
„Wir müssen ihn suchen, Eva!" entschied kurz der Arzt.
doch voll Eifer, „aber ich Hab' ihn gesehen, den Otterhofbauer mit dem kleiuen Buben. Der braucht jetzt keiuen Doktor mehr, der Kleine, Sie können schon ruhig nach Hause fahren, Herr- Doktor."
Eva preßte erbleichend die Hand auf ihr Herz, das vor Schreck stillstehen wollte, und der Doktor fragte hastig:
„Ist das Kind gestorben?"
„Das nicht, und es wird auch nicht sterben; der Schwarze rettet's, Ihr werdet's sehen! In den Moorheidehof trägt der Bauer das Kind. Er hätt' es schon längst hintrageu sollen; er hat sich Zeitlebens wenig um den Herrgott gekümmert, der