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Otterhosbauer, da wird sich der Herrgott auch nicht um ihn kümmern, da hilft ihm am ersten noch der mit dem Pferdehuf."
„Ist er rasend?" rief der Arzt, indem er zur Thür stürzte, „in die Abendluft, in den Sturm und die Feuchtigkeit hinaus trägt der hirnverbrannte Mensch das scharlachkranke Kind?"
„Und warum gerade in den Moorheidehof?" fragte Eva bebend, die sich plötzlich des Glaubens erinnerte, daß jede Krankheit weicher: müsse, wenn die Hand eines Mörders sich dem Kranken aufs Herz lege. Sie ahnte den Zusammenhang zwischen diesem abergläubischer: Wahne und der verzweifelter: Handlung des Otterhofbauern.
„Weil da einer ist, der Helfer: kann!" flüsterte der Gemeindehirte. „Es sagt's keiner, aber es weiß es jeder, daß der Nupert Helfer: kann, wer::: er will. So vieler: Kranker: kann einer das Leber: rette::, als er Mordthater: begangen hat freilich, es muß ihn: einer helfen, der: mar: lieber nicht bein: Namen ! nennt."
„Nupert ist kein Mörder!" schrie Eva auf. „Du grund
gütiger Herrgott! Was sind die Menscher: so schlecht!"
Auch sie stürzte hinaus und kam noch ans Hofthor, ehe der Arzt davonfuhr.
„Nehmen Sie mich mit auf den Moorheidehof!" rief sie atherrrlos.
„Was willst Du dort?" entgegnete der Arzt.
Sie wußte es selber nicht und stieg doch eiligst in das Korbwägelchen. Sie hatte das dumpfe Gefühl, daß sie dabei seir: müsse, wenn Rupert des Mordes beschuldigt wurde, sie wollte es mit ansehen, wie er der: Verleumder von sich stieß. Sie wollte zu ihm halten vor Jakobs Auge::. I
„Ich hoffe, wir holen ihn unterwegs ein," sagte der Arzt, ^ „es ist au: Ende ganz gut, daß Du mitkommst und ihm zureden ^ hilfst. Er scheint nahe daran zu sein, den Verstand zu Verlierer:."
Der Moorheidler und Rupert saßen indessen, von der Tagesarbeit ausruhend,, auf der Ofenbank, beide zufrieden ihre Pfeifen rauchend; Gertrud bereitete in dem unterer: Theile des großer: Kachelofens, der bis in den Mai hinein geheizt Werder: mußte, die Pfannkuchen für das Abendessen; auf einen: Schemel saß die Magd und spann. Der Tisch war schon mit sauberer: Linnen und blanker: Zinnschüsseln gedeckt und die darüber hängende Lampe verbreitete ihr schwaches Licht in dem großer:, niedriger: Raume. Draußen pfiff der Sturm über die Moorheide und wie der schwere Flügelschlag eirres riesiger: Vogels klang sein Brauser: um das freistehende Haus.
„Böses Wetter, böses Wetter!" sagte kopfschüttelnd der Moorheidler. „Und 's kommt noch schlimmer. Droben im Gebirge wird's böse Schneewehe:: geben. Dein Vater muß zu uns herunterkommen, Weib, eh' der Schnee schmilzt. Seine Hütte steht zu dicht an den Matter: des Hochachtners, und so beim Frühlingsanfang ist der Hochachtuer ein böser Berg!"
„Hast Du die Laterne an der Nothbrücke angezündet, Rupert?" fragte Gertrud. „Wenn bei dem Wetter einer ins Moor geräth, hört man ihr: nicht rufen."
„Die Laterne brennt," erwiderte Rupert, „aber wer wird wohl noch Herkommen?"
„Ist auch das Hofthor fest zu?" fragte der Moorheidler. „Ich glaube, ich hör' es knarren."
„Verriegelt ist es nicht, aber fest im Schloß," gab Rupert zur Antwort.
„Horch, knarrt es nicht?" sagte der Moorheidler anfstehend.
„Der Sturm rüttelt daran," meinte Rupert. Aber draußen rasselte die Kette des aus seiner Hütte stürzenden Hofhundes und dann vernahm mar: ein kurzes, scharfes Bellen, dem wieder das Rasseln der Kette folgte; der Hund war zurückgekrochen, denn in der kräftigen, in einen Mantel gehüllten Mannesgestalt, die durch das mit gewaltigem Ruck aufgeworfene Hosthor karr:, hatte er einer: langjähriger: Bekannten entdeckt und sich beruhigt.
» „Wer ist da?" rief der Moorheidler aus dem Fenster.
Aber schon in der nächster: Sekunde ward die Thür aufgerissen und der Otterhofbauer stand in der Stube. Mit einem unterdrückten Schrei sprang die Magd von ihren: Schemel auf, während die andern der: bleichen, unheimlich verwildert ausseheuden Mann mit erschreckter: Blicken anstarrten.
„Guten Abend, Schwager!" sagte schüchtern der Moorheidler, „ich bitte Dich, setz' Dich. Wie geht's Deinem Jungen? Und
was für einen großer: Packer: hast Du unter Deinem Manie Leg' ihr: doch ab, Schwager!"
Der Otterhofbauer schlug stumm der: Mantel zurück — war der kleine Magnus, der: er trug. Kann: athmend, mit fe geschlossenen Augen, schwarzblauen, von Fieberhitze verbrannt Lippen und todtenstarrer: Zügen lag das Kind in seinen: Arr Entsetzen erfaßte die Anwesenden bei diesen: Anblick, sie glaubt alle, das Kind sei gestorben und Jakob irrsinnig geworden.
„Barmherziger Herrgott!" rief der Moorheidler, die Hän zusamruenschlagend. „Bist Du auch ganz bei Dir, Schwager Wozu bringst Du das Kind hierher?"
„Lebt es noch?" fragte Rupert und trat näher, um Magnr zu betrachten.
Mit verzehrenden: Blick bohrten sich Jakobs hohlliegen Augen in Ruperts Züge, mit brennend heißer Hand ergriff dessen Handgelenk.
„Es lebt noch!" preßte er hervor, „Du kannst's noch rette Rett' es mir, Rupert!"
„Ich?" sagte Rupert und blickte den Bauer mit groß Anger: an. „Für wen haltet Ihr mich? Ich bin kein Dokt und keiner, der Krankheiten bespreche:: kann."
„Ich will's nicht sagen, wofür ich Dich halte," sagte Jak: der Ruperts Hand mit eisernem Griffe festhielt, „will's jetzt nb sageü und auch in Zukunft nicht, niemals, niemals! Und we' ich's jemand sagen höre, so will ich dem einen Denkzettel gebc daß er's niemals wiedersagt! Nur rett' mir den Buben!"
„Ich verstehe Euch nicht!" sagte Rupert, „Ihr seid v Sinnen."
„Leg' Deine Hand auf des Kindes Herz, Rupert, so rett Du es mir, und ich dank' es Dir ewig, ewig!" rief Jakob jammervoll flehendem Tone, der bei dem hochmüthigen, kaltblütig Mann erschütternd wirkte, weil er so offenbar aus gefoltert! Herzen kam; „weiter nichts, nur Deine Hand leg'ihm aufs Herz
Der Moorheidler und Gertrud zuckten zusammen, Nup! prallte zurück und ein düsteres Feuer blitzte in seiner: schwarz Augen auf; urplötzlich begriff er, was Jakob meinte. Mit eiw Ruck entriß er ihm seine Hand und wies auf die Thür.
„Hinaus!" sagte er mit heiserer Stimme und gewaltsarr Fassung, „fort! Mehr weiß ich Euch nicht zu sagen."
„Geh', geh', Schwager!" bat der Moorheidler sanft. „D würden Dir von Herzen gern helfen, wenn wir könnten, al daß Du glaubst, der Rupert hätt' einem das Leben genomrw das ist schlecht von Dir, Schwager!"
Die Rothe der tiefster: Entrüstung schoß dabei dem Mw herdler in das runzelige Gesicht.
„Nichts glaub' ich, nichts, gar nichts!" stieß Jakob ! wachsender Aufregung hervor; „ich weiß, daß der Rupert > tüchtiger, fleißiger Mensch ist, und das Amt hat ihr: ja auch fr ^ gesprochen. Aber es ist ja auch nicht viel, was ich verlange.
! Allmächtiger Herrgott, Du wirst nur doch das Kind nicht sterl I lassen, Rupert . . ."
! Heftig wurde die Thür aufgerissen; der Arzt stürzte in ^ Stube und hinter ihm erschien Eva.
! „Da ist er wirklich!" rief der Arzt. „Otterhosbauer, s ! Ihr vorn Satan besessen, daß Ihr das Scharlachkind ir: stürr scher Nacht spazieren tragt? Wenn es noch in dieser Stur ^ stirbt, so habt Jhr's auf dem Gewissen und könnt nachher Hern ' gehen und mit Eurer Morderhand Kranke heiler:!"
' Mittlerweile war Eva zu Rupert herangeschlichen, und v stöhlen, aber heftig, drückte sie ihm die Hand.
„Immer, wenn sie mich zum Mörder mache:: wollen, k Du da und zeigst mir, daß Du mich nicht irr: Stiche läß sagte er leise und innig; „das ist lieb und gut von Dir, E Aber nun mach', daß Du den Bauer heimbrrngst mit sein armen Wurm!"
„Oheim, kommt heim!" bat Eva und legte ihre zitterr Harrd auf Jakobs Arm.
„Ich rühr' mich nicht von der Stelle, keinen Schritt we ich!" schrie Jakob laut, Magnus krampfhaft festhalteud, der Augen weit aufriß und, von Frost geschüttelt, sich auf den Arrr seines Vaters bäumte. „Rupert, "hast Du der::: kein Erbarrr mit dem unschuldiger: Kind? Und Du brauchst doch nur Hand auszustrecken, um es zu retten!"
Er ergriff Evas Hand und fuhr fort: