„Die Ev' geb' ich Dir und alles, was Du sonst noch haben willst, mir ist die ganze Erde nichts mehr Werth, wenn das Kind nicht mehr darauf ist, und mir ist's dann gleichgültig, ob Gott oder der Teufel mich abholt aus diesem elenden Leben!"
„Versündige Dich nicht, Schwager!" bat der Moorheidler, von Grauen gepackt; „bet' zum Herrgott, daß er Dir das Kind erhält und daß er Dir verzeiht, denn Du weißt ja nicht, was Du thust!"
„Schwager!" rief Jakob, der jetzt mit beiden Armen den in aualvoller Unruhe sich wälzenden kleinen Kranken festhalten mußte, „Hab' ich Dir nicht immer geholfen und beigestanden, Hab' ich , .
„Du hast's wohl meistens gut gemeint, Schwager," sagte der nachsichtige Moorheidler ausweichend.
„Allmächtiger Himmel!" schrie Jakob plötzlich auf, „ich glaub', es geht zu Ende! . . . Magnus, Magnus, mein kleiner Bub', das darfst Du Deinem Vater nicht anthun! Du darfst nicht sterben!"
Es entstand eine tiefe Stille, jeder horchte auf die röchelnden Töne, die sich der schwer arbeitenden kleinen Brust entrangen; die weit aufgerissenen, starren Angen hatten einen Ausdruck irrer Angst.
Der Arzt wollte den Kleinen aus des Vaters Armen nehmen, aber Jakob hielt ihn krampfhaft fest und wandte sich wieder zu dem finster dreinschauenden Rupert, der sich in eine Ecke des Zimmers zurückgezogen hatte.
„Hilf, hilf!" flehte ihn Jakob an; „ich will Dir alles thun, Dich schützen und Hochhalten, nur leugne jetzt den Mord nicht! — oder leugne ihn, wenn Du willst, aber streck' Deine Hand aus ..."
„Schweig, Ehrabschneider!" schrie Rupert und stürzte mit Wutverzerrtem Gesicht auf Jakob los und schüttelte ihn so,, daß
die silbernen Knöpfe seiner Jacke klirrend aneinander schlugen. Aber der verzweifelte Otterhofbauer war halb sinnlos vor Angst, der thätliche Angriff und die Beschimpfung kamen ihm nicht zum Bewußtsein, er fühlte nur die Weigerung heraus. Er warf sich seinem einstmaligen Knechte zu Füßen und bestürmte ihn aufs neue mit Bitten und Versprechungen, bis ihm die Stimme versagte und er in Thränen ansbrach. Dem Arzte schnitt dieser Anblick ins Herz.
„Thn' es doch!" sagte er zu dem verwirrt und verstört dastehenden Rupert; „sonst verliert er den Verstand!"
„Thn' es nicht!" schrie der Moorheidler auf. „Mas der Teufel die Seinigen lehrt, soll ein Unschuldiger nicht nachmachen!"
Rupert hatte auf die Mahnung des Arztes hin schon die Hand bewegt, jetzt zog er sie wieder zurück.
„Ich kann nicht . . . steht auf, Bauer!" preßte er hervor.
„Nett' mir das Kind, Rupert!" keuchte Jakob.
„Thu's!" drängte leise der Arzt. „Es wird nichts helfen, aber es kann doch auch nichts schaden, und ich sag' Dir, er wird sonst toll, noch eh' das Kind todt ist. Vorwärts, daß die Geschichte ein Ende nimmt!"
Der Arzt hatte, seitdem er durch sein Gutachten vor Gericht den Rupert gerettet, großen Einfluß auf ihn. Jetzt streckte Rupert mechanisch die Hand aus und legte sie auf Magnus' Brust, wo sie Jakob ergriff und auf das Herz lenkte, sie fest darauf drückend. Aber schleunigst zog sie Rupert zurück, er bereute schon, nachgegeben zu haben.
„Es wird nichts helfen!" murmelte er.
Jakob sprang auf.
„Ob es hilft oder nicht," rief er und bedeckte Magnus' glühendes Gesichtchen mit Küssen; „ich dank' es Dir ewig, und magst Du zehnmal ein Mörder sein!"
(Schluß folgt.)
Kinter der Düne.
Eine Weihuachtsgeschichte von A v. Wakd-ZedlwiH. Mit Abbildungen von Gcrvl! Mcrr^.
Nachdruck verboten. Me Rechte Vorbehalten.
ZW
cihnachtszeit, heil'ge Zeit, Der Englein und der Kinder Freud' —"
Kathi ten Eißen sang mit schriller, halblauter Stimme das alte Norder- neyerWeihnachtslied und rührte dabei mit entblößtem muskulösen Arme den zähen Teig zu den Rosinenbrötchen.
„Der Englein und der Kinder Freud'" — weiter kam sie nicht; es wiederholte sich dann immer ein kurzes abgebrochenes, heiseres Lachen, das Henri ten Eißen, ihrem Eheherrn, durch Mark und Bein ging.
Der kräftige, in blaues grobes Tuch gekleidete Fischer saß
mit weit vorgestreckten Füßen auf dem dreibeinigen hölzernen Schemel, stützte den Ellbogen auf den rothgestrichenen Tisch und ließ den blonden Krauskopf schwer in der arbeitsschwieligen Rechten ruhen, während er mit der Linket: den röthlichen, zweiteiligen Kinnbart strich.
Sein wettergebräuntes hübsches Gesicht belebten zwei große hellblaue Augen, welche einst sonnenhell ins Leben geblickt hatten. Aber das war nun vorbei, längst vorbei, jetzt folgten sie trübe den Hantierungen seines Weibes, deren Gesang er nicht länger mit anzuhören vermochte.
„Ach Du grundgütiger Gott! Und daran bin nur ich schuld!" Damit erhob er sich, reckte seine sehnigen Glieder, stülpte den schwarzen, abgetragenen Filzhut auf und schritt zur Thür.
Draußen pfiff vom Meere her der heulende Nordost scharf über die baumlosen Dünen, wühlte die Wasser bis zum Grund auf, so daß sie sich zu Wellengebirgen thürmten, und fegte den feinen Sand über das Dach von Henri ten Eißens Hütte.
„Wenn er sie doch ganz verwehte!" stöhnte der Fischer und gab seine breite Brust den rasenden Winden preis. Die schwarze schaumgekrönte Nordsee tobte wie ein wüthendes Raubthier, aber in ten Eißens Busen tobte der Sturm noch mehr. Es war ja schon lange her, seit es da drinnen zum letzten Male freudig geklopft hatte; aber heute, gerade heute am Weihnachtstage, da fiel ihm sein Kummer mit aller Schwere aufs Herz, daß er glaubte, ersticken zu müssen.
„Weihnachtszeit, heil'ge Zeit,
Der Englein nnd-"
brummte Henri jetzt mit seiner tiefer: Baßstimme, aber das „der Kinder Freud'" wollte ihm nicht über die Lippen. Da lag er im Sande, unter Strandhafer und Dünengras fast versteckt, der Sturmwind heulte über ihr: hinweg rrnd der eisenfeste Mann schluchzte laut in beide Hände.
„Herr Gott, vergieb mir! Ich wollte es ja gut machen — er sollte ein braver Mensch Werder: — da hrancht's Strenge --- und nun kam es so — v mein Gott!"