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(Schluß.)
Jinstere Mächte.
Glue iöauerngeschichte von GLmcrr: Weidvod.
Me Rechte Vorbehalten.
er Otterhofbauer war, als Rupert die Hand auf des kranken Kindes Brust gelegt hatte, ein ganz anderer geworden; sein Gesicht strahlte, die aschfahle Blässe war daraus gewichen.
„Armer, getäuschter Narr!" murmelte der Arzt, der ihn mit verächtlichem Mitleid betrachtete; „es war wahrhaftig Zeit, daß Rupert ihm den Gefallen that, sein Verstand war gerade zu Ende."
Aber während Jakob erlöst aufjubelte, schien die stumme Gruppe, die Ruperts Eltern und Eva in einer Stubenecke bildeten, ganz andere Gefühle zu hegen.
„Er thut es doch!" hatte der Moorheidler aufgeschrieen, als Rupert die Hand nach Magnus ausgestreckt hatte, und „er hat es gethan!" flüsterte er jetzt unaufhörlich mit tonloser Stimme, das Gesicht in den Händen vergrabend. Es schien, als müsse er sich das immer wieder vorsagen, um es glauben zu können.
Eva und Gertrud schwiegen und blickten entsetzt zu Rupert hinüber. Sie hatten gesehen, daß der Arzt leise in Rupert hineingeredet und daß Rupert seinem Drängen nachgegeben hatte, und es war ihnen, als zerrisse ein Schleier vor ihren Augen, als entstünde plötzlich grelle Klarheit um sie her. Der Arzt war es gewesen, dessen Gutachten Rupert vor Gericht gerettet hatte; der mochte wohl wissentlich falsch ansgesagt haben, und jetzt, wo ein Menschenleben durch ferneres Leugnen zu Grunde ging, hatte er ihn leise daran gemahnt, daß er helfen müsse, da er helfen könne! Sie blickten scheu auf Magnus, und da dieser jetzt ruhiger athmete, seit die vom Arzte aufgerissenen Fenster dem niedern Gemache frische Luft Zugeführt hatten, so glaubten sie schon die Wirkung der höllischen Macht wahrzunehmen, und es schauderte sie bis ins innerste Mark.
Beglückt und beruhigt verließ der Otterhofbauer den Moorheidehof, und Eva folgte ihm, sich scheu zur Thür drückend, damit Rupert ihr Fortgehen nicht bemerke und es ihr erspart bleibe, ihm den Abscheu zu zeigen, den sie jetzt vor ihm hegte; als er es bemerkte und auf sie zustürzte, rief sie laut: „Laß mich!" und floh davon, eiligst fort über den Hof und die Nothbrücke, als könne sie nicht schnell genug aus dem Bereiche des unheimlichen Hauses kommen. Jenseit der Nothbrücke stand der kleine Leiterwagen, in dem der Otterhofbauer hergekommen war. Sie stieg hinauf und kauerte sich, fröstelnd vor Erregung, auf die Bank. Auf der Landstraße näherten sich schlürfende Schritte. Der alte Gemeindehirt tauchte auf aus dem Dunkel.
„Hat er's gethan?" fragte er, als er Eva bemerkte.
„Ja, er hat es gethan!" erwiderte Eva dumpf und tonlos.
Der Alte lachte heiser vor sich hin.
„Dann braucht das Kind keinen Doktor mehr!" sagte er. „Jetzt hilft ihm einer, der's anzufassen weiß am rechten Ende. Recht hat er gehabt, der Otterhofbauer!"
Eva schwieg zu allem, und als jetzt Jakob mit dem kleinen Magnus nachkam, entfernte sich der alte Gemeindehirt. Jakob gab der Eva das Kind, löste das Pferd von dem Brückenpfosten und fuhr davon so schnell als möglich.
Mittlerweile hatte sich der Moorheidler mit Frau, Sohn und Magd an den sauber gedeckten Tisch gesetzt, und auch der Arzt, der sich hungrig und erschöpft fühlte, nahm an der Abendmahlzeit theil.
Rupert war von Evas Abwehr, von ihrem entsetzten Blick und angstvollen Aufschrei wie vor den Kopf getroffen worden; sogleich hatte er sich richtig gedeutet, wie das gemeint war, und nun saß er am Tische und beobachtete mit brennenden Blicken das bleiche, gramvolle Gesicht seines Vaters, seine still mit Thränen kämpfende Mutter. Sein Herz krampfte sich qualvoll zusammen, seine Hand ballte sich zur Faust; er brachte keinen Bissen über die Lippen, trank aber um so mehr Stachelbeerwein. Die Mahlzeit verlief lautlos, auch der Arzt sprach nicht; er hatte einen mühevollen Tag hinter sich.
Endlich lehnte sich der Moorheidler in seinen Stuhl zurück, faltete die Hände, schluckte mehrere Male Thränen hinunter und sagte dann mit heiserer, unsicherer Stimme, die glanzlosen, aber immer noch sanften Augen auf seinen Sohn gerichtet:
„Ich Hab', so alt ich geworden bin und so viel Feindschaft ich erlitten Hab' im Leben, noch nie einem Menschen den Tod
gewünscht — mit Worten nicht und, Gott soll mir's bezew im tiefsten Herzen auch nicht! Aber jetzt" — er athmete und mühsam und seine Stimme sank — „jetzt, Rupert, wün ich, daß der Magnus stirbt!"
Ruperts Gesicht wurde erst purpurroth, daun jählings g wie Asche.
„Vater, wie meint Ihr das?" schrie er auf.
„Ich denke, Du verstehst mich wohl!" sagte der Moorheü in ftieftraurigem Tone und stand vom Tische auf; „nichts ungut, Herr Doktor, wenn ich gehe . . . und schönen Dank cn daß Sie meinen Rupert vor dem Galgen bewahrt haben; ! mein ältester Sohn solch grauslichen Todes starb, war, dächt' gerade genug für einen Vater."
Befremdet und besorgt blickte der Arzt von seinem Te auf. „Was ist Euch, Moorheidler?" fragte er; „was re Ihr da?"
Dann gewahrte er das bleiche Gesicht, den durch nagen! Seelenschmerz ganz veränderten Ausdruck in den Zügen > Moorheidlers.
„Seid Ihr krank?" rief er aufspringend.
„Das nicht, Herr Doktor," sagte der Moorheidler. wenn ich's wäre, krank zum Sterben, ich ließ mir nicht Helfer
Er ging bis zur Thür seiner Schlafkammer, die neben ! Wohnstube lag; da wandte er sich noch einmal zu sein Sohne um.
„Ich will nichts gegen Dich sagen, Rupert," sprach er - preßt. „Aber wenn die Krankheit, die für jeden andern zi Tode führen müßt', weichen muß von dem Kind und ihm niä anhaben kann, dann . . . dann ..."
„Vater, sprecht's nicht aus!" rief Rupert entsetzt. Er wol seines Vaters Hand ergreifen, aber dieser stieß ihn zurück.
„Rühr' mich nicht an!" rief er mit bebender Stimme. „A bitte will ich Dir thun, wenn wir heimkommen vom Gottesaä und den Magnus darauf zurücklassen. Bis dahin rühr' m nicht an!"
Er trat in die Kammer und schloß die Thür, ohne sie hefl ins Schloß zu werfen; er drückte sie leise zu. Gertrud w stumm aufgestanden und wollte ihrem Manne in die Kamm folgen, aber Rupert hielt sie zurück.
„Mutter, was haltet Ihr von mir?" srug er.
Sie bedeckte ihr Gesicht mit ihrer Schürze und Schluchz, schüttelte ihren Körper.
„Mutter!" stöhnte Rupert, „Mutter, ich bin kein Mörde Bei meiner Seelen Seligkeit, ich bin kein Mörder! Ich wob ja nur den Otterhofbauer zur Ruh' bringen! Ich Hab' es nachh gleich selber bereut, daß ich gethan hatte, was nur Mörder thu aber daß Ihr, daß mich Eva deshalb zum Mörder macht . . .
„Laß mich!" sagte Gertrud, sich gewaltsam fassend; „lo mich, Rupert . . .ich muß hinein zum Vater. Es ist ja beste Du hast's gethan, als daß Du noch weiter geleugnet hättest! S hast Du doch wenigstens das Kind gerettet!"
Rupert sah sie mit einem Blicke voll stummer Verzweiflun an und ließ ihre Hand fahren. Sie ging in die Kammer.
Der Arzt hatte mittlerweile auch begriffen, wie all diese Rede zu deuten waren, und rannte, zornig und halblaut die „verbohrte Bauernschädel" verwünschend, im Zimmer hin und her.
„Ich muß jetzt auch fort," sägte er endlich, nachdem lang ein drückendes Schweigen im Zimmer geherrscht hatte; „Rupert gieb Dich zufrieden, Deine Eltern werden nur allzu bald ihr Thorheit einsehen müssen. Das Kind ist ja so schwer krank Freilich, so lange Leben vorhanden ist, ist auch Hoffnung, es zi erhalten. Aber ich glaube, daß es sterben wird."
Rupert stand regungslos auf dem Flecke, wo ihn Gertru! verlassen hatte.
„Ja!" murmelte-er zwischen den Zähnen, kaum hörbar, mi krampfhaft geballten Fäusten; „es wird sicher sterben!"
Der Arzt ging. Ueber die öde, weite Moorheide aber pfif der Sturm und fuhr mit klagenden Tönen in die schwarzen, bau fälligen Schornsteine des Moorheidehofes; die Balken der Noth brücke ächzten, die Laterne daran schaukelte wie ein Irrlicht hir