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Größe. Gesundes Klima und fruchtbarer Boden haben in früheren Zeiten zahlreiche Ansiedler in diese entlegene Welt gelockt. Später lenkten Goldfunde einen weiteren Einwandererstrom nach den Inseln; aber auch die Welltouristen landen gern an diesen Gestaden, denn Neuseeland ist reich an großen Naturwundern. Die Nordinsel bietet in ihren heißen Quellen und Geisern die eigenartigsten Landschaftsbilder, und die Südinsel fordert durch ihre Alpen das Interesse des Bergsteigers heraus. Diese Gebirgszüge Neuseelands sind zwar nicht so hoch wie unsere europäischen Alpen, ihr höchster Gipfel erreicht im Mount Cook nur die Höhe von 3768 Metern; aber die Berge sind schon von 2300 bis 2400 Meter an mit ewigem Schnee bedeckt, und die Gletscher sind in ihnen in geradezu großartiger Weise entwickelt. Sie übertreffen an Ausdehnung weit die'unserer Schweizer Alpen und wetteifern mit den Eisgebilden des Himalaja. Kaum irgendwo in der Welt kann man so deutlich die Wirkungen der Eisgewalten aus dem Gebirge studieren. Dazu kommen die großen Temperaturunterschiede. Aus den höchsten Höhen herrscht hier infolge der klaren Luft um Mittag eine Temperatur von -j- 30 Grad Celsius und darüber, und in der Nacht sinkt sie häufig selbst auf — 15 Grad Celsius. Dadurch wird die sprengende Wirkung des Eises ganz besonders gezeitigt, und überall zeigen die Berge wild zerklüftetes Gepräge, scharfe Grate und spitze Zacken. Am Westufer fallen die Alpen steil gegen das Meer ab, und hier haberr sich zahlreiche tiefe Fjorde gebildet, die von steil aufsteigenden Bergen umrahmt sind; an der Ostseile flacht sich das Gebirge sanfter ab, und hier schneiden Seitentäler tief in sein Massiv ein: ihren reizendsten Schmuck bilden aber zahlreiche klare Alpenseen, in denen sich die schneegekrönten Berghäupter widerspiegeln.
Unsere Abbildung gibt eine dieser großartigen Naturfzenerien in charakteristischer Weise wieder; es handelt sich um eine sogenannte Mondscheinaufnahme, in der die Umrisse der Berge besonders scharf hervortreten. In unseren Alpen bilden die kultivierten Täler einen Gegensatz zu der erhabenen Wildnis des Hochgebirges, das erhöht den Landschaftsreiz und macht die Alpen besonders schön. In Neuseeland fehlt dieser Gegensatz, hier ist alles wild : an den Ufern der Seen düstere Waldungen, weiterhin überall nackter Fels und chaotisches zertrümmertes Gestein und zuletzt die Eis- und Schneepanzer, von denen unaufhörlich, im Gegensatz zu unseren Alpen, nicht nur am Tage, sondern auch in der Nacht donnernde Lawinen sich loslösen. Freilich auch diese urwüchsige, titanische Wildheit hat ihre schönen erhabenen Seiten, und so mehrt sich die Zahl der Reisenden, die die „südlichen Alpen" aussuchen. Ihre wissenschaftliche Erforschung ist zun: großen Teil durch Deutsche eingeleitet worden. Dieffenbach, Hochstetter, R. v. Lendenfeld und Kronecker haben sich in dieser Hinsicht besonders ausgezeichnet.
Mandschurisches Brautpaar. (Mit obenstehender Abbildung.) „Wangen wie die Mandelblüte, Lippen wie die Pfirsichblüte, der Leib wie ein Weidenblatt und Augen so munter wie in der Sonne glitzerndes Wassergekräusel ..." Also besang ein Dichter des fernen asiatischen Ostens eine Schöne seines Volkes, und also oder ähnlich hat man dem jungen Mandschu, dem Sohn reicher Eltern, seine künftige Frau angepriesen. Er hatte sie nicht gekannt, Eltern und Heiratsvermittler besorgten die Verlobung der Kinder. Nun hat er sie gesehen, und vielleicht ge
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Mandschurisches Brautpaar.
fällt sie ihm in dem kostbaren Kleide und in: blumengeschmückteu Haar. Denn was ist Schönheit? Ein konventionelles Ding, das doch von Volk zu Volk und von Zeit zu Zeit sich wandelt. Einst hatten die Mandschu auch andere Ansichten über Liebe und Ehe, da sie noch vor drei Jahrhunderten ein verwegenes Neitervolk waren, das vor: Mukden aus zur Eroberung Chinas sich rüstete. Der große Wurf gelang. Mandschu wurden Beherrscher des Reiches der Mitte, aber die Sieger erlagen zuletzt den Besiegten; sie büßten ihre Eigenart ein, sie nahmen den chinesischen Glauben, die chinesische Tracht und Sitte an und wurden auch im Fühlen und Denken Chinesen. Nur die Füße retteten sie; der Bräutigam auf unserem Bilde trägt echt mandschurische Schuhe, Uly genannt, und die Braut hat ihren Fuß nicht verkrüppelt, wie dies bei reichen Chinesinnen Mode ist. Sonst wird sie wie eine Chinesin leben. Nicht nur dem Mann wird sie untertan, sondern auch den Schwiegereltern. Durch Demut und Gehorsam wird sie sich die Zuneigung der
Herren im neuen Heim erwerben müssen. Ein Lichtblick für sie, wenn sie einem Sohn das Leben schenkt, traurige Zeiten wird sie aber erleben, wenn sie nur Töchter hat. Sie muß aber ausharren, denn wenn sie alt geworden sein wird, dann wird sie an die Stelle der Schwiegermutter treten und hochgeachtet werden. Sollte aber ihr Mann früher sterben- und sie standhaft allen Lockungen einer zweiten Ehe widerstehen, dann wird mau der treuen Witwe nach ihrem Tode ein Denkmal setzen, einen Torbogen zun: ehrenden Andenken bauen. "
Der „Gartenlaube- Kalender" 1906. Der nun schon im 22. Jahrgang erscheinende „Gartenlaube - Kalender" ist unseren Lesern ein lieber, alljährlich mit Jubel ::eu begrüßter Freund und ein Ratgeber und Lehrer, auf dessen Angaben man sich unbedingt verlassen kann Mag es sich um die „Genealogie der europäischen Negentenhüuser" oder um' „Statistische Notizen", um „Post- und Telegraphentarife" oder „Tagesgerichte" Han-, dein — man braucht mir im Kalender nachzuschlagen und erhält den kürzesten und doch auch wieder eingehendsten Bescheid. Familienvater und Hausfrau, das Heranwachsende Töchterchen wie der vor: der Bartbinde träumende Studiosus, ein jeder hat im Kalender seinen Lieblingswinkel, etwas, für das er sich ganz besonders interessiert, und mit einer gewissen Spannung wird der treue Jahrgang auf geschlagen: was mag er Neues, Schönes bringen? Jubelnd hat das Backfischchen festgestellt, daß — den Bildern nach — „Der prophetische Hase" von Karl Leo wohl so etwas wie eine Liebesgeschichte se n könnte, trotzdem „Humoristische Erzählung" darüber steht. Aber den Entschluß, sich mit dem roten Bändchen schleunigst in irgend eine verschwiegene Leseecke zurückzuziehen, durchkreuzt der Vater, der erst in Gemütsruhe das „Sachliche" studieren will. Und abends bei Lampenschein liest Mutter die köstliche Hasengeschichte vor und gibt auf vieles Bittet: auch noch „Des kleinen Ate Klassenlehrerin" von Ant. Andrea zu, eine schlichte und doch wunderlich ergreifende Kindertragödie, die selbst der Bruder Studio nicht ohne mehrmaliges verdächtiges Räuspern anhören kann — Ergriffenheit einzugestehen, widerspricht seinen Ansichten von männlicher Verstandskühle. Was den „Gartenlaube-Kalender" vor anderen auszeichnet, ist diese schöne Mischung von Ernst und Scherz, von wissenschaftlichen unb belletristischen Beiträgen, die ihn so recht zum Familienbuch macht.
Druck und Verlag von Ernst Keil's Nachfo lger,.G.m.b.H. in Leipzig. Verantwortlicher Redakteur: vr. Hermann Tischler; für den Anzeigenteil verantwortlich: öranz Boerner, beide in Berlin. — In Osterrerch-Ungarn für Herausgabe und Redaktion verantwortlich: vr. Anton Vettelheim in Wien.
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