wir zunächst Vorbereitungen zu einem eigenartigen Wettrennen; es handelt sich um ein „Laufen auf drei Beinen". Da stehen die Partner zu Paaren vereint am Srart. Oberhalb der Fußknöchel und am Knie ist das rechte Bein des einen mit dem linken Bein des anderen zusammengebunden. Beide legen gegenseitig die Arme über die Hüfte des anderen und müssen nun als dreibeinige Dophelwesen auf Schlittschuhen zum Ziel eilen.
Schon auf festem Boden ist ein derartiger Marsch beschwerlich; auf dem spiegelglatten Eis wird die Fortbewegung noch besonders erschwert; aber Übung macht auch hier den Meister. Es kommt viel darauf an, daß man sich zu diesem Wettlauf mit einem Genossen verbündet, der möglichst gleich gebaut ist; namentlich eine ungleiche Länge der Beine hindert am Vorwärtsgleiten. Der Anblick eines solchen Weltlaufs ist sehr amüsant. Längst sind die Sieger am Ziel, aber in der Mitte der Eisfläche mühen sich noch die Ungeübteren ab und können trotz allen Schiebens kaum vom Flecke kommen. Ein anderes Spiel bildet das Eierschieben oder Eierlullern. In verschiedenen Gegenden Deutschlands und Englands treibt man es um die Osterzeit. Man rollt die Eier wie Kugeln über den Boden nach einem bestimmten Ziel. Die glatte Eisbahn ist für dieses Eierschieben eine sehr geeignete Fläche. Die Damen haben in dem Spiel eine leichte Aufgabe zu lösen. Sie schieben ihrem Partner das Ei zu. Dieser liegt mehr oder weniger flach auf dem Eise und muß durch leichte Handschläge das Ei nach einen: bestimmten Ziel treiben. So ganz leicht ist das nicht, denn das gestoßene Ei macht im Laufe unvorhergesehene Wendungen und Krümmungen. Es gibt besondere Liebhaber dieses Spiels, die es mit unermüdlichem Fleiß und riesigem Ernst betreiben. Es dürfte aber nicht nach jedermanns Geschmack sein, ebenso wie das Kartoffelspiel, bei dem die Damen Kartoffeln in Schüsseln, die mit Wasser gefüllt sind, hineinlegen. Die Herren müssen dann die Erdäpfel mit den Zähnen herausholen, und der „Sieger" darf mit der Dame Schlittschuhtouren laufen. Ein uraltes Vergnügungsspiel kommt außerdem auf diesen Eisbahnen wieder zu Ehren. Es ist dies das Sacklaufen. Man startet von sitzender Stellung aus. Schon der Versuch, aus die Beine zu kommen, kostet Anstrengungen. Die Wettläufer nehmen dabei, wie unsere Abbildung zeigt, die possierlichsten Stellungen ein. Beim Laufen, das vielmehr ein Hüpfen darstellt, sind Sprünge nach Känguruhart am zweckmäßigsten und führen am leichtesten zum Ziel. An diesen Beispielen lernt inan, wie leicht es ist, durch die einfachsten Mittel auch im Winter in Eis und Schnee die heitersten Spiele zu veranstalten. Freilich die Lust zum Spielen muß man mitbringen; dann aber ist die frohe Heiterkeit nicht der einzige Gewinn, höher noch sind die Stärkung und Durcharbeitung des Körpers in der erquickenden staubfreien Lust und die gründliche Abhärtung zu schätzen.
Italienische Kunst sch ätze in Amerika. (Zu den Bildern auf dieser Seite.) Erst kürzlich haben wir unseren Lesern von der drohenden Entführung einer wertvollen Madonna da Settignanos durch den amerikanischen Milliardär Morgan berichtet, und schon wieder durchlaufen zwei ähnliche alarmierende Botschaften die gebildete Welt.
Im einen Fall handelt es sich um einen herrlichen Tizian: das Porträt des Kardinals Bembo im Palazzo Barberini. Das vielumworbene Bild, das eben bei Colnaghi in London hängt und dort das Tagesgespräch der Kunstkreise bildet, wird die Reise übers Meer trotz aller Proteste wohl antreten.
Denn so große Anstrengungen das alte Europa auch machen würde,
-. X
' MX,
Kardinal Bembo.
Gemälde von Tizian Vecelli.
das Kunstwerk für sich zu behalten — das Gold der amerikanischen Nabobs spricht eine zu überzeugende Sprache. Ein zweites Kunstwerk ersten Ranges: der „Kreuztragende Christus" von Giorgione, das ehemals im Palast Loschi in Vicenza hing, ist von seinem amerikanischen Erwerber schon in Sicherheit gebracht worden — es ziert jetzt die „Galerie Gordner" in Boston. Graf Zileri dal Verme, der das köstliche Gemälde nacü dem Tode der Gräfin Loschi geerbt hatte, verweigerte seinerzeit jede Auskunft, als der Kunstkritiker Corrado Ricci ihn — auf die erste alarmierende Nachricht hin — interpellierte. Inzwischen ist das Austauchen des Bildes am genannten Ort sowohl in Herbert Cooks Buch „Giorgione", das der Verleger Bell in London herausgab, wie durch „Um Osutur^ Ilirwtrateck ^loutlli^- iAnAasiue", eine illustrierte Zeitschrift, bestätigt worden. Der florentinische Deputierte Rosadi hat auf diesen Vorfall hin dem neuen Minister des öffentlichen Unterrichts, Herrn De Marinis, eine Eingabe, den Schutz italienischer Kunstwerke betreffend, vorgelegt, die beim nächsten Zusammentritt der Kammer diskutiert werden dürfte. In der Tat ist es Zeit, daß sich Italien, mehr als bisher, gegen solche Plünderung seiner Museen und Paläste schützt.
Kaukünstter. Gut gekaut ist halb verdaut, sagt ein altes Sprichwort, über dessen Richtigkeit niemand zweifeln kann. „Kaue jeden Bissen mindestens dreißigmal!" mahnte der alte Gladßone. Das genügt aber nicht allen. Ein wahrer Kaukünstler ist dagegen der Amerikaner Horace Flelcher, über den vr. S. Möller in seinem Buche: „Wege zur körperlichen und geistigen Wiedergeburt" berichtet. Nach Flelchers Ansicht genügen dreißig Kaubewegungen wohl für Toast und Zwieback, aber Brotkruste erfordert ungefähr 40, Brotkrume ungefähr 50, andere Nahrungsmittel sogar 80 bis 100 Kaubewegungen, während umgekehrt weiche, gut gekochte Nahrung schon durch 5 'bis 20 Kauakte eingefpeichelt, verflüssigt und dann reflektorisch hinuntergeschluckt wird. Alle feste Nahrung soll man so lange gründlich kauen, bis sie vollkommen verflüssigt ist und jeglichen Geschmack verloren hat. Der Teil, der sich nicht verflüssigen läßt, wie
die Fasern des Fleisches, die Hülsen des Getreides und der Zellstoff der Gemüse und des Obstes, muß durch das von Zähnen, Zunge, Gaumen und Schlund gebildete natürliche Filler sorgfältig zurückgehalten und aus dem Munde entsernt werden. Eine so gekaute Nahrung wird viel besser ausgenutzt, und darum braucht man bei diesem Verfahren viel geringere Mengen zu verzehren. Fletcher selbst befindet sich bei dieser Lebensweise sehr wohl; für die Mahlzeiten, die er dreimal des Tages hält, braucht er insgesamt nicht mehr als 45 Minuten. Er ist ein fleißiger Radfahrer und legt im Alter von 50 Jahren 80 Kilometer an einem Vormittag spielend zurück. Dabei kommt er mit der Hälfte von Eiweiß aus, das die Physiologen für die tägliche Nahrung eines arbeitenden Menschen verlangen. Ob andere Menschen bei diesem Verhalten auf ihre Rechnung kommen würden, ist aber sehr fraglich. Die Individualität spielt beim Menschen eine große Rolle, und wie die tägliche Erfahrung schon lehrt, zeigt sie sich auch beim Nahrungsbedürfnis. Es gibt wohl Naturen, die mit sehr wenig Nahrung aus- kommen, aber eine Regel läßt sich davon nicht ableiten. Ohne Zweifel ist ein gründliches Kauen die Vorbedingung einer guten Verdauung, aber in Künsteleien braucht man dabei, um gesund zu bleiben, trotzdem nicht zu verfallen.
Kreuztragender Christus.
Gemälde von Giorgione.
Druck
und Verlag von Ernst Keil's Nachfo lger„G.m.b.H. in Leipzig. Verantwortlicher Redakteur: vr. Hermann Tischler; für den AnZergenterl verantwortllch: Franz Boerner, beide in Berlin. — In Österrerch-Ungarn für Herausgabe und Redaktion verantwortlich: vr. Anton Bettelherm rn Ären.
"" -- - - bo' """ "
Nachdruck verboten. Alle Rechte Vorbehalten.