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Vorliebe als rot (reck), von Franzosen als grün (vert) bezeichnet werden.
Eine dritte und letzte Kategorie der Assoziationen sind die sogenannten „privilegierten". Sie basieren auf einer nur einmal oder einige Male stattgehabten zufälligen Verbindung zwischen Gehörs- und Gesichtseindruck. Wenn ein Kind z. B. seine ersten Buchstabenkenntnisse aus einem farbig gedruckten Alphabet geschöpft hat, so kann die Beziehung zwischen den entsprechenden Buchstaben und Farben sich unter Umständen für zeitlebens im Gedächtnis festsetzen. Oder die Tatsache, daß auf den Abreißkalendern die Daten der Sonntage rot gefärbt zu sein pflegen, wird nicht selten dazu beitragen, daß der Sonntag in roter Farbe vorgestellt wird, während die bekannte Bezeichnung „blauer Montag" ausreichen wird, um manche empfänglichen Individuen den Montag als blau
empfinden Zu lassen. Ein ganz besonders bezeichnendes Beispiel einer „privilegierten Assoziation" ist das folgende: Ein Knabe fahrt mit seiner Mutter über Land und fragt sie plötzlich, was für einen Wochentag sie haben. Die Mutter antwortet: „Mittwoch", und im selben Augenblick fährt der Wagen an einem glänzend weißen Hause „mit einer Rolle daran" vorbei. Dieser kurze, einmalige Eindruck genügte, um in dem Knaben auf viele Jahre hinaus bei jeder Vorstellung des Begriffs „Mittwoch" die Erinnerung an ein weißes Haus „mit einer Rolle daran" wachzurufen; in den späteren Lebensaltern verblaßte dieser Eindruck, doch die Vorstellung des Mittwochs als weiß blieb ihm zeitlebens erhalten. Derselbe Gewährsmann berichtet, daß er sich den Sonntag blau denke; als Ursache hierfür gibt er an, daß er als Knabe an Sonntagen stets einen schönen königsblauen Anzug trug.
Nur in seltenen Fallen lassen die Ursachen privilegierter Assoziationen sich mit solcher Genauigkeit feststellen wie in dem vorgenannten Fall. In der Mehrzahl der Fälle werden die farbenhörenden Personen keinen Grund anzugeben vermögen, warum sie sich einen Buchstaben, eine Zahl, einen Wochentag, einen Monat, ein Tonwerk usw. stets immer nur in der bestimmten, ein für allemale festgelegten Farbe vorstellen können. Die Ursache wird darin zu suchen sein, daß der Beginn des Farbenhörens und die Festlegung der individuellen Details fast immer schon in früher Kindheit erfolgt. — Vollkommen verkehrt ist es, zu glauben, daß die Symptome des Farbenhörens krankhaft seien, womöglich gar von nervösen Störungen zeugen. Es handelt sich hier vielmehr um vollkommen normale Jdeenassoziationen, die von frühester Kindheit bis ins späteste Alter nahezu unwandelbar gleich bleiben und die genau ebensowenig krankhaft sind wie etwa die Erscheinung, daß jemand durch einen bestimmten Namen oder eine Melodie immer wieder an irgend ein besonders eindrucksvolles Ereignis seines Lebens erinnert wird. Ganz abgesehen davon, daß die Anschauung, das Farbenhören sei krankhaft, von der Forschung in anderer Weise einwandfrei widerlegt ist, spricht dagegen vor allem auch die weit über Erwarten große Verbreitung des Farbenhörens. Man darf nämlich annehmen, daß unter den Gebildeten mindestens jeder sechste Mensch mehr oder minder deutlich für das Farbenhören empfänglich ist.
Besonders interessant sind die Fälle, in denen Orchesterstücke und Tonarten oder auch einzelne Töne farbig empfunden werden. Auch hierbei können alle drei Typen der Assoziationen wieder im Spiel sein. Deutlich ist z. B. die habituelle Assoziation erkennbar in den Angaben eines Herrn, der das Vorspiel zum „Rheingold" als dunkelgrün, die Musik zum „Feuerzauber" als rot und gelb empfindet usw. Als habituelle Assoziation wird man auch die fast durchgängig sich findende Vorstellung des O-äur als weiß aufzufassen haben (lauter weiße Tasten auf dem Klavier!), eine Vorstellung, die sich dann Zuweilen auf besonders charakteristische, in Oäur stehende Tonstücke überträgt, so z. B. die „Freischütz"-Ouvertüre oder den letzten Satz von Beethovens „Fünfter". Ein Lausanner Pro
fessor gab mir an, er nähme beim Beginn dieses Sinfoniesatzes stets ein so intensives Weiß wahr, daß er unwillkürlich die Augen vor dem Lichtglanz schließen müßte.
Eine typische privilegierte Assoziation musikalischer Art ist es dagegen, wenn ein Herr den Beginn von Schuberts unvollendeter 8-moll-Sinfonie als blau empfindet, weil er beim ersten Anhören der Sinfonie durch die hoch über allen anderen Instrumenten schwebende Klarinette an den blauen Himmel erinnert wurde, der sich über der Erde ausspannt. Das Gleiche gilt für die Auffassung des ^-äur als grün, weil durch die Tonart die Erinnerung an das in i^-äur stehende „Pastorale" ausgelöst wurde. In den meisten Fällen wird es nicht
möglich sein, für die farbige Auffassung eines musikalischen Eindrucks einen bestimmten Grund anzugeben. Meist werden dabei vergessene privilegierte Assoziationen, vereinzelt Gefühlsassoziationen als Ursache in Betracht kommen. Individuell herrschen dann bei der Auffassung ein und desselben Ausdrucks natürlich ebensolche Verschiedenheiten vor wie im ganzen übrigen Gebiete des Farbenhörens. Ein Grund, warum etwa der eine das Vorspiel zum „Lohengrin" als hellblau, der andere als goldfarben bezeichnet, ein Grund, warum 6-äur bald als rot, bald als grün oder gelb bezeichnet wird, ist natürlich absolut nicht zu erkennen. Eigenartig berührt es jedenfalls, wie jeder Farbenhörende seinen farbigen Eindruck, insbesondere für Zahlen, Vokale und Wochentage, als den einzig möglichen ansieht, wie er jede abweichende Farbendefinition als eine Unbegreiflichkeit und Ungeheuerlichkeit ablehnt.
Von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, die vorwiegend als pathologisch zu betrachten sind, existiert das Farbenhören stets nur in der Vorstellung; die Farben werden also nicht wirklich gesehen, sondern nur vorgestellt, allerdings zwangsmäßig, so daß von einer bewußten geistigen Arbeit bei diesem Prozeß nicht die Rede sein kann. Um diesen Vorgang zu verstehen, sei kurz darauf hingewiesen, wie alle Menschen, um rein abstrakte und theoretische oder Kollektivbegriffe voll zu verstehen, genötigt sind, sie sich durch sinnlich wahrnehmbare Vorstellungen zu ersetzen. Um etwa den Begriff „Baum" zu erfassen, stellt sich wohl fast jeder Mensch in ganz unbestimmten Umrissen ein Gesichtsbild vor, das einen ganzen Baum oder auch nur einen Teil davon (Stamm, Krön;) umfaßt. Oder um den Begriff „Indien" zu verstehen, reproduziert sich der eine in Gedanken den entsprechenden Teil der Landkarte oder des Globus, der andere sieht vielleicht eine indische Landschaft vor sich, der dritte sieht Bewohner Indiens und der vierte wohl gar das Wort „Indien" geschrieben oder gedruckt vor seinen geistigen Augen. So ist das Bedürfnis nach einer sichtbaren Verdeutlichung von abstrakten und Kollektivbegriffen allgemein verbreitet und nimmt manchmal zu sehr sonderbaren Hilfsmitteln seine Zuflucht, wie jeder bei einiger Aufmerksamkeit an sich selbst beobachten kann. So wurde gelegentlich der Begriff „Zweck" als Bindfaden vorgestellt, „Erhaltung der Kraft" als Küchenuhr (weil an deren Gewichten das Gesetz zuerst klar wurde), „Gott" als rötliche Wolke oder als freundliches Vollmondgesicht. Flournoy erzählt von sich selbst, er stelle sich den Begriff „Seele" als ein mit der Spitze in den Raum hinausfliegendes Dreieck vor; viele Jahre sei ihm der Grund dieser wunderlichen Assoziation unklar gewesen, bis er schließlich fand, daß der ueeent eireonüexe des französischen Wortes „ame" deren Urbild darstelle! — Derartige Beispiele ließen sich nach Belieben mehren.
So schafft sich jedermann seine eigenen sinnlichen Verdeutlichungen, zwangsmäßig, ohne geistige Anstrengung und fast immer gänzlich unbewußt. Wer nun von vornherein
farbig zu empfinden gewohnt ist, ist eben geneigt, sich nach Möglichkeit auch überall farbige Hilssbegriffe zu erfinden: er ist dann übrigens zum Farbenhören befähigt. Man braucht noch durchaus nicht zum eigentlichen Farbenhören befähigt zu sein und kann sich trotzdem, veranlaßt durch den fast allgemeinen