Heft 
(1906) 11
Seite
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Feldlerche.

So kunstvoll der Nestbau in der Regel ist, so unvollkommene Werkzeuge stehen dem Vogel beim Bau zur Verfügung. Nur der Schnabel, die Krallen und die kleine runde Brust bringen den Bau unter unendlicher Ge­duld und unendlichem Fleiß zustande. Jedes Zweiglein, jede Faser, jede Feder, wie oft ,

werden sie wohl mit dem Schnabel au den richtigen Ort gebracht, wie oft werden sie wohl mit der kleinen Brust - ./

gedrückt, bis sie ihre richtige Lage angenommen haben? Und ist dem eigentlichen Neste die Form gegeben, so gilt es, noch das Innere weich und warm herzustellen. Da kommen denn Haare zur Verwendung, aber sie sind vielfach noch zu hart; dann werden Federn verarbeitet, die aber auch oft noch nicht genügen, und erst die weiche, sorg­sam von Kernen gereinigte Pflanzenwolle wird als oberste Deckung des inneren Ausbaues, zur Auflage der zarten Eier gebraucht, und ist das Nest fertig, so hat die Nestmulde die Form des Vogelkörpers selbst.

In den frühen Mor­genstunden baut der Vogel vorzugsweise am Neste, doch gibt es auch Arten, die den ganzen Tag über emsig am Bau beschäftigt sind. Schwalben und Drosseln, die mit feuchter Erde oder feuchtem Holze bauen, nutzen die Vormittagsstunden weidlich aus, lassen die Baustoffe dann im Laufe des Tages erhärten und bauen in den Nachmittagsstunden weiter. Die Zeit, innerhalb deren das Nest vollendet wird, ist bei den einzelnen Arten verschieden. Bei einem kunst­losen Bau genügen einige Tage, während andererseits hervorragende Baukünstler, ^ ^

wie z. B. die Schwanzmeiseu, etwa ^ ' '

drei Wochen am Neste arbeiten.

Das Vogelnest ist ein Bauwerk für die Familie, sie lebt in dem lustigen Heim, umgeben von mancherlei Gefahren, und kostet hier alle Freuden und Leiden des ehelichen Lebens durch. Fast ohne Ausnahme findet aber das eigentliche Bewohnen und Be­nutzen des Nestes nur zur Zeit der Brut statt, und darum ist es auch gerechtfertigt, vom Neue als von einer Kinderwiege zu sprechen, die von den lauen Sommerwinden in der Spitze des Baumes geschaukelt wird. Nur bei den Vögeln, die in Höhlungen nisten oder deren Nest eine Singdrossel, gewisse Dauerhaftigkeit besitzt.

wird das Nest auch teilweise außer der Brutzeit noch als Schlaf- und Ruheplatz benutzt.

Ganz eigenartig verhalten sich viele Vögel bei Vrutstörungen oder bei Beunruhigungen. Die ^ . - Nachtigall, deren Nest stets nahe an der

Erde, in niederen, dichten Büschen," in Reisiggestrüpp, oft unmittelbar am Wege steht, gibt den Brutplatz stets sofort auf, wenn Lichtungen im Gehölze stattfinden; Raben und Elstern wäh­len sofort einen neuen Brutort, wenn in der Nähe des alten Flin­tenschüsse fallen, die Jungen der Gartengrasmücke, kaum halb flügge, stürzen sich bei Beunruhigung so­fort aus dem Nest auf die Erde und verharren hier ruhig, wäh­rend die Alten den Feind vom Neste abzulenken versuchen. Erst wenn alles wieder sicher ist, locken sie die Jungen. Auch die Jungen des Teichrohrsängers verlassen als ganz junge Dinger bei nahender Gefahr das Nest und bringen sich, am Rohre klet­ternd, in Sicherheit.

Hinsichtlich der Form der Nester und der Art ihrer Unter­bringung weichen die Bauten der verschiedenen Vogelarten sehr voneinander ab, so daß an dem Neste die Vogelart sofort erkannt werden kann, die es baute. Das Nest der Nachtigall ist groß, ziemlich tief und besteht außen gleicht auf den ersten Blick einem

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aus dürrem Laube. Es Haufen Genist, das der launische Wind zusammengeweht hat. Die eigentliche Nestwandung besteht aus dürren Ranken und Grasblättern, zwischen denen stets trockene Eichenblätter ein­gebaut sind. Nach innen ist das Nest aus feinen, dürren, zarten Grasblättern, Würzel­chen usw. ziemlich locker, aber fest und dicht hergestellt, und der Nest­napf selbst ist noch mit Pflanzenwolle und Haaren ü- ausgefüttert.

Noch näher der Erde als das Nest der Nach­tigall steht das des kleinen Weiden­laubsängers. Es ist bald zwi­schen abgefalle­nem Laub ein­gebaut, bald steht es in einer alten Maulwurfs­höhle, unter einem alten, überhängen­den Fahrgleise und zwischen dem Wasser an aus geschwemm­ten Wurzeln. Das Fundament setzt sich aus allerlei trockenen Blättern zu­sammen, und lange