Heft 
(1906) 11
Seite
229
Einzelbild herunterladen

229

Das Vogelnest.

Von Or. C. Ga de.

as Heim des Vogels, der Mittelpunkt seines Lebens und das gemeinschaftliche Band, das seine Familie umschlingt, ist das Nest. Dem Bau des Nestes widmet das Tier die größte Aufmerksamkeit, ver­wendet alle mögliche Geschicklichkeit, Kunst und Berechnung auf dessen Herstellung; diese Schöpfung trägt daher auch den Stempel einer außerordentlichen Willenskraft und leidenschaftlichen Ausdauer. Der luftige, zarte Bau steigt Stück für Stück ohne Gerüst in die Höhe, alle Teile fügen sich zur rechten Zeit symmetrisch und harmonisch an und schmelzen zu einem kunstvollen Ganzen zusammen. Weichen nun auch in der Herstellung und in der Bauausführung die einzelnen Nester der verschiedenen Vogelarten sehr voneinander ab, sind sie bald tiefer, bald flacher, besitzen sie eingebogene Ränder, sind sie korb- oder eiförmig mit verlängertem Eingang in Ge­stalt eines Flaschenhalses, kleine Kunstwerke sind sie immer, und die Kunstfertigkeit in der Ausführung ist bei den Arten mehr oder weniger begrenzt und bleibt bei ihnen auf einem ähnlichen Punkt der Vollkommenheit stehen.

Die Nestbaukunst ist kein Produkt der Lehre, die der junge Vogel, der zum ersten Male an den Nestbau geht, etwa von einem älteren erhält, sondern der junge Vogel fängt auch zum ersten Male mit solcher Sicherheit die Herstellung des Nestes an, als sei er mit dem Bau innig vertraut. Eine durch die Beobachtung feststehende Tatsache ist es aber, daß ältere Vögel sauberere und festere Nester bauen, desgleichen zu ihren An­lagen geeignetere Plätze wählen als junge auch hier gilt also, daß Übung den Meister macht.

Auf der Suche nach dem Nistorte läßt sich das Vogel-

5" M

MM

Nachtigall.

Pärchen dort nieder, wo es in der Nähe Nahrung findet. Diese und die Sicherheit, wie auch Schutz und Behagen an einem Orte sind ausschlaggebend für die Nestwahl. Einige Vögel nisten in der Spitze des Baumes, andere wählen hierzu die starken Äste, an­dere wieder nisten nur im Ge­büsch, su­chen Baum­löcher oder andere Höh­len auf, andere

bE

ihr Nest im

Schilf der Gewässer oder auf ebener Er­de. Wo auch immer das Nest angelegt wird, stets richtet sich die Wahl des Ortes nach der Lebensweise

und den besonderen Bedürfnissen der Vogelart, und von diesen weichen die Tiere nur in den äußersten Notfällen ab. Alle Vögel aber bekunden bei dem Nestbau einen bewun­derungswürdigen Scharfsinn, das Nest den Blicken ihrer zahl­reichen Feinde zu entziehen, indem sie den Bau gleichsam verstecken oder durch äußere Verkleidung der Umgebung ähn­lich machen.

Die Auswahl des Nistplatzes fällt dem Weibchen zu, vom Männchen wird es hierin nur unterstützt; es lockt an ihm geeignet erscheinenden Plätzen zärtlich das Weibchen, fängt, wie viele Grasmücken oder der Zaunkönig, an mehreren solchen Punkten singend den Bau an, verläßt ihn jedoch bald wieder, wenn das Weibchen nicht mithilft. Erst wenn das Weibchen die richtige Stelle aufgefunden hat, be­ginnt der Nestbau.

Die Baustoffe werden von beiden Gatten herangebracht, der Bau dagegen wird vorwiegend vom Weibchen aufgesührt, und besonders bleibt dieses dann beim Bauen, wenn Nest­stoffe in genügender Menge zu haben sind, so daß das Männ­chen sie allein herbeischaffen kann. Verstohlen und geschickt sammelt es alle die winzigen Materialien, jeden neugierigen Blick fürchtet es, als könne der Weg zum Neste entdeckt werden. Es folgt den Schafen, um ein wenig Wolle zu erwischen, es sammelt vom Geflügelhofe die Federn, es erspäht den günstigen Augenblick, um einige Fäden zu erhaschen, die dann eilfertig dem Weibchen zugetragen werden. Viele Männchen begleiten aber auch nur die Gattin beim Aufsuchen des Baumaterials und bemühen sich, ihr durch Gesang und Zärtlichkeiten das mühsame Geschäft zu erleichtern. Andere Männchen, wie

z. B. der goldgelbe Pirol, beteiligen sich beim Nestbau nur bis zu einem gewissen Grade und überlassen dem Weibchen die Vollendung des Baues.

M.-

^ i

Weidenlaubsänger.