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hatte es gilt mir ihr gemeint. Es hatte ihr einen Lehrmeister gegeben, wie sie ihn nicht noch einmal finden würde in der Welt. Doktor Wagner, ehemaliger PrivatdoZent der Kunstgeschichte, hatte sich, nachdem er zehn Jahre lang vergebens gedarbt und auf eine Professur gewartet, auf das Gesuch Herrn von Fabers als Reisebegleiter nach Italien gemeldet.
Neben seiner Aufgabe, der Familie als sachverständiger Führer durch die Museen, Galerien, Kirchen und Baudenkmäler zu dienen, von der übrigens außer Ursula niemand recht Gebrauch machte, behielt Doktor Wagner noch Zeit genug zu eigenen Studien für ein Werk, ein großes, gelehrtes Werk über Architektur, das ihm endlich das lang' erhoffte Amt eintragen sollte. Und auch bei dieser Arbeit war das Heranwachsende Mädchen mit dem glühenden Wissensdurst und der offenen Seele ihm Schülerin, Freundin — ja Muse gewesen. Mit heimlich nagender Eifersucht fühlte Arnold Schmidt, daß der Mann sie geliebt hatte, ja geliebt haben mußte. Wie wäre es anders möglich gewesen, so viel leiblicher und seelischer Anmut, so viel tüchtigem, ehrlichem Streben gegenüber! Und der Ton, mit dem sie von ihm sprach, verehrungsvoll und ergriffen, als wenn sie an etwas rührte, das ehemals geschmerzt hatte, verriet ihm, daß ein zartes geistiges Band bestanden hatte.
„Und das große Werk?" fragte er, als sie, still sinnend, eine Pause machte. „Ich bin ihm nie begegnet."
„Es blieb ein Bruchstück, wurde nie veröffentlicht. Doktor Wagners Kränklichkeit, die ihn gezwungen hatte, im Süden zu leben, verschlimmerte sich mit den Jahren, mit so übermenschlicher Energie er auch dagegen ankämpfte. Als wir nach Hause zurückkehrten, blieb er in Rom — nicht mehr imstande, die Heimat aufzusuchen. Und doch überlebte er's noch — dieser kaum noch körperhafte Schatten eines Menschen — daß mein Vater, ein Mann wie ein Eichbaum, plötzlich vom Schicksal gefällt wurde. Ein Jagdunglück, das nie aufgeklärt wurde. Man fand ihn tot im Walde. Das Majorat fiel an einen Vetter, da mein einziger Bruder ganz jung gestorben war. Wir zogen in die Stadt . . "
Ein tieferer Atemzug —- eine kurze Pause. Dann sagte sie mit ihrer ruhigen klaren Stimme: „So hat es sich gemacht, daß ich meine Kenntnisse verwertete und immer weiter ausbaute. Und so natürlich löst sich, wie Sie sehen, das große Rätsel, wie ich ein Kritiker geworden bin. — Aber — mein Gott," unterbrach sie sich plötzlich „die Fahrt dauert ja so unglaublich lange. Wir müßten doch längst zu Hause sein!"
Sie beugte sich zum Wagenfenster hinüber und suchte durch die Scheibe zu sehen. Vergebens — der Regen, der jetzt in Strömen daran herunterlief, verwehrte jede Aussicht.
„Seltsam, das sind Bäume —" wandte sich Ursula an ihren Nachbar. „Wo können wir sein? Und was ist das Weiße dort?"
Arnold Schmidt folgte ihrem Blick. In dem Dunkel tauchten die verschwommenen Umrisse weißer Gestalten auf, huschten gespenstisch vorüber. Dann wieder Dunkel -—wieder weißlich schimmernde, ragende Flecke. Und nachdem Ursula Faber eine ganze Weile diesen regelmäßigen Wechsel von Hell und Dunkel beobachtet hatte, wußte sie Bescheid. Und überrascht, doch ohne jede Bestürzung sagte sie: „Das ist die
Siegesallee, ohne Zweifel."
„Jawohl," antwortete der Baumeister, „es muß die Siegesallee sein. Es kann gar nichts anderes sein. Und da . ." sie bogen eben um eine Ecke — „der Helle Lichtschein — das ist das Brandenburger Tor."
„Der Kutscher muß betrunken sein — oder er schläft," äußerte Ursula Faber mit großer Fassung.
Arnold Schmidt hatte an das Fenster des Rücksitzes geklopft und dem Kutscher ein Zeichen gegeben. Augenblicklich lenkte der um, und die Pferde liefen in scharfem Trabe den schnurgraden Weg nach Charlottenburg zurück.
„Er ist keins von beiden, gnädiges Fräulein," sagte der Baumeister entschlossen, „wie ich zu seiner Ehrenrettung be
kennen muß. In einer Viertelstunde werden nur vor Ihrem Hause sein. Er hat nur meinen Befehl ausgeführt. Und ich habe inständigst um Verzeihung zu bitten, daß ich mir die Freiheit nahm, ihn zu geben." Dabei beugte er sich herab und küßte ihre kleine Hand, so zart und ehrerbietig und doch mit einem so ruhigen männlichen Selbstbewußtsein, daß Ursula Faber das strafende und empörte Wort, das ihr auf den Lippen geschwebt hatte, ungesprochen ließ und nach einer kleinen Pause nur kurz und knapp fragte: „Aber was soll das?"
„Gnädiges Fräulein . ." begann Arnold Schmidt. „Fräulein Ursula!" verbesserte er sich.
„Mein Name ist ,von Fabers" wandte sie ruhig und sachlich ein.
„Fräulein von Faber, Sie haben mich der Ehre Ihres Vertrauens wert gehalten, mir dadurch ein Glück geschenkt, auf das ich stolz bin, wie der Kaiser auf seine Krone."
„Herr Schmidt . ."
„Erweisen Sie mir die Gnade, mich anzuhören! Vertrauen gegen Vertrauen! Hätt ich, der Schüchterne, je die Vermessenheit gehabt, diese kleine Entführung ins Werk zu setzen, wenn sich's für mich nicht um große, um die höchsten Dinge eines Menschenlebens handelte?" Seine Stimme zitterte. Er wartete auf ein Wort. Aber es blieb still.
Da begann er nach einer Weile wieder: „Sie wissen noch nichts von mir, als daß ich ein leidlich geschickter Künstler und ein unleidlich ungeschickter Mensch bin. Aber Sie sollen noch mehr, Sie sollen alles wissen, nämlich, daß ich kein ,Hoch- wohlgebornerß sondern ein Mensch aus dem Volke bin."
„Das wußte ich längst," ließ sich Ursulas leise Stimme vernehmen.
„Aus dem Volke. Da freilich, wo es stark, gesund und tüchtig ist, wo es arbeitet, sich emporringt, Boden gewinnt Schritt für Schritt und sich endlich seinen Platz erkämpft unter denen, die an der vollbesetzten Tafel des Lebens
schmausen."
Ursula hatte sich tief in die Wagenecke zurückgelegt, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Er hörte jetzt nur ihr halblautes Flüstern aus dem Dunkel. „Auch das war mir bekannt, Herr Schmidt."
„Ja, meine guten, braven Eltern, deren Andenken ich ehre, auf die ich stolz bin, haben mir durch ihrer Hände Arbeit — und durch die Gunst der Verhältnisse, die den Wert des Bodens so schwindelnd in die Hohe trieben — Wohlhabenheit, ja ich darf wohl sagen — Reichtum zurückgelassen. Und
meine eigene Arbeit war auch — mehr, als ich mir je Hütte
träumen lassen — von Erfolg gekrönt. Denken Sie nicht,
daß ich so gemein bin, das in die Wagschale werfen zu wollen. Es soll nur volle Klarheit zwischen uns herrschen in dieser entscheidenden Stunde. Und so frag ich Sie — bitte! aus- reden lassen!" rief er mit flehend emporgehobenen Händen, als sie eine Bewegung machte, zu sprechen — „frag ich Sie: Können Sie — deren Vorfahren ohne Zweifel schon an den Kreuzzügen teilgenommen haben..."
Jetzt war's ihm, als lachte, sie. Leise schlitterten ihre Schultern, und er glaubte ein gehauchtes „Möglich!" zu vernehmen.
„Sie spotten!" rief er unglücklich, „Sie können einen Menschen nicht achten, dessen gute, brave Mutter — sie muß, heraus, diese fürchterlichste Erinnerung meiner Kinderjahre -— höchsteigenhändig den Hof gefegt hat!"
„Wenn es diesen Menschen nicht gehindert hat, ein hervorragender Künstler zu werden..."
„Liebes, teures Fräulein!" Er konnte nicht anders — er drückte ihr die Hand, daß es ihr wehtat.
„Wie sollte es mich hindern, diesen feinen Künstler, diesen guten Menschen zu achten?" vollendete sie mit tapferem Lächeln, indem sie zugleich die arme mißhandelte Hand hinter ihrem Rücken in Sicherheit brachte.
„Fräulein Ursula. . .!" jubelte er, doch eingedenk ihrer Verbesserung fügte er vorsichtig hinzu: „ . . . von Faber. —