Heft 
(1906) 11
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Achten? Auch wenn er als Junge Holzpantinen und er­schrecken Sie nicht, Teuerste! blaue Strümpfe getragen hat? Jndigoblaue?"

Ihn deshalb nicht zu achten, dazu hätt ich als Mau­strumpf' doch wahrlich nicht das Recht."

Sie sind ein Engel!" rief er, die Betonung des Wortes achten" überhörend, auf dem Gipfel der Ekstase.Sie machen mir Mut zu wagen, was ich vor einer Stunde noch für eine Ausgeburt des Wahnwitzes gehalten hätte..."

Nein, nein," flüsterte sie da, beunruhigt, flehend,ersparen Sie sich und mir..."

. . . Sie zu fragen," fuhr er unaufhaltsam fort,wollen Sie meine geliebte, auf Händen getragene Frau werden?"

Tiefe Stille. Draußen die Lichter desGroßen Sterns", über den der Wagen mit unheimlicher Geschwindigkeit dahin­rollte. Nun wieder Dunkel, ab und zu matt erhellt von einer Laterne. Und mit jeder Sekunde dieses Schweigens war's dem Baumeister, als stürzte er aus blendender Höhe tiefer, immer unaufhaltsam in einen schwarzen, schauerlichen Abgrund.

Endlich ein Wort. Ganz leise, kaum vernehmbar. Und doch wie Posaunengeschur etter in seinen Ohren dröhnend: Nein!"

Ihr klares, festes Nein. Das Stürzen hatte aber jetzt gottlob ein Ende. Er lag nun unten in der Tiefe. Zu seiner Verwunderung lebte er, und Bewußtsein, Kaltblütigkeit, sein männlicher Stolz kehrten langsam zurück. Mit allmählich wachsendem Verständnis vernahm er, daß sie sprach, und endlich auch, was sie sprach. Herzliche, gute, versöhnliche Worte. Das weichste, zarteste Gemüt, das selber am tiefsten darunter litt, daß es jemand Leiden bereiten mußte, quoll ihm wie Balsam entgegen. Aber daß sie so gut war so ein einzig hoher, wundervoller Mensch, das verschärfte seinen Schmerz bis zur Unerträglichkeit.

Ich kann nicht, ich darf nicht," wiederholte sie immer wieder, von seinem schweigenden Vorsichhinstarren gepeinigt. Glauben Sie mir's, lieber teurer Freund ja Freund seit heute nenn ich Sie so mit vollem Recht. Bis dahin Hab ich Sie hochgeschätzt von heut ab bin ich Ihnen herz­lich gut ..."

Herzlich gut!" murmelte er zornig auflachend.Ein Almosen ein Pflästerchen. Was hilft es mir, Ihre .Achtung', Ihr Mutsein'? Ich will alles oder nichts!"

Nun, dann also: nichts. Ich Hab es Ihnen gleich ge­sagt: Nein! Ich bin nicht frei bin fest, auf Lebenszeit gebunden..."

So komm ich also zu spät ein anderer, Glücklicherer ist mir zuvorgekommen?" rief er schmerzvoll.

Nicht einer. Vier lieben Menschen gehör' ich, gehören meine Gedanken; für sie arbeite ich, lebe ich..."

Verstand er recht? Er griff sich an den Kopf.Ja, Ursula, Teuerste diese vier Menschen . . .?"

Meine Familie," unterbrach sie ihn.Meine Mutter, die zusammenbrach, als wir unsere Heimat arm verlassen mußten, und die halbgelähmt auf dem Rollstuhl ein trauriges Dasein fristet ..."

Sie kommt natürlich zu uns," sagte Arnold Schmidt mit unheimlicher Entschlossenheit.

Ursula schüttelte traurig den Kopf.Wenn sie's allein wäre! Aber da ist meine alte, fünfundsiebzigjührige Groß­mutter noch geistig und körperlich rüstig, aber mit An­schauungen, die vor fünfzig Jahren schon beinah altmodisch waren. Eine Hasserin der neuen, gleichmachenden Zeit, von Kopf bis Fuß voll aristokratischer Vorurteile ..."

Vorurteile sind dazu da, um ausgerottet zu werden," äußerte Arnold Schmidt mit starker Stimme.

Ursula schüttelte den Kopf.Dazu ist leider wellig Aus­sicht. Großmutter ist Hofdame gewesen bei der verstorbenen Kaiserin eine Gräfin Gebhard ..."

Macht nichts," sagte Arnold kaltblütig.Auch sie kommt mit." Alle Hindernisse, die sich der Erreichung seines Zieles

entgegentürmten, entflammten nur seine Kühnheit. Pah! Was fragte er jetzt noch danach, eine alte Gräfin und Hofdame in sein Haus aufzunehmen, wenn er sich dadurch den Besitz der Geliebten erringen konnte!Und wenn sie die hochselige Kaiserin selber wärst" fügte er stark hinzu und merkte im Eifer nicht einmal, daß er baren Unsinn redete.

Aber auch Ursula, die Kluge, merkte es nicht.

Ich habe auch noch Schwestern," bekannte sie leise, wie schuldbewußt.

Desto besser!" rief Arnold Schmidt fröhlich.Je mehr, je besser!"

Liebe, frische Geschöpfe," fuhr Ursula fort,aber schwer zu zügeln. Ich allein, die Älteste, vermag etwas über die lieben Wildfänge."

In Arnold tauchte die dunkele Erinnerung auf an den h alb finsteren, Korridor in der Vleibtreustraße und an all diese übermütigen Augenpaare, die dort aus dem Hintergrund hervorgelugt hatten. Einen Augenblick wollte ihm nun doch der Mut entsinken, aber ein Blick auf seine liebliche Nachbarin, und er rief stark und freudig:Schwestern Hab ich mir immer gewünscht, Ursula! Bringen Sie sie mit' Das ganze halbe Dutzend."

Das halbe Dutzend?" fragte sie erstaunt.

Ei, so viel mindestens lauerten heut im Korridor! Das Gaudium, einen Brautführer zu sehen, der die Brautjungfer hatte sitzen lassen, wollten sie sich doch nicht entgehen lassen. Sitzen lassen!" wiederholte er, als ginge ihm plötzlich ein Licht auf über die Bedeutung dieses Wortes.Aber der mit Wonne bereit ist, diese Schuld zu sühnen."

Die Sühne wäre allerdings zu hart," meinte Ursula lächelnd.Ich habe freilich, wie ich vorher schon sagte, nur zwei Schwestern. Die anderen jungen Damen waren Freun­dinnen vom französischen Kränzchen. Aber selbst mit zwei Schwestern . . . ach, lieber Freund, Sie müssen doch begreifen, daß Sie das Unmögliche verlangen!"

Warum das Unmögliche? Ihre Gründe . . . pah! Cirruswölkchen an einem blauen Sommerhimmel! Wenn Sie nicht triftigere Vorbringen können, um mir zu beweisen, daß Sie nicht -Frau Schmidt' werden wollen ..."

Wollen! Ich kann nicht. Ich bin kein Einzelmensch, bin bloß der fünfte Teil, wenn Sie wollen: der Mittelpunkt eines lebendigen Organismus, der ohne ihn auseinanderfallen, vielleicht zugrunde gehen würde. Wollen Sie -ein Fünftel' heiraten? Oder trauen Sie's mir zu, daß ich meine Pflicht verlasse, um ein eigenes Glück zu finden?"

Arnold Schmidt sah ihr tief und bewegt in die Augen. Ein eigenes Glück, Ursula? Also sprechen Sie offen, wie vor Gottes Angesicht so wär's ein Glück?"

Das beste, das ich mir wünschen könnte," flüsterte sie, und die herzliche Liebe leuchtete ihr aus den Augen.

So bist du mein, Heißgeliebte," rief er, sie zart und fest an sich ziehend.Unwiderruflich mein, gegen deinen eigenen Willen, dein allzuzartes Gewissen, deine Aufopferungs­gelüste! Sieh," fuhr er zärtlich fort und drückte sie stärker an sich, als sie sich ihm sanft entziehen wollte,ich Hab die Weiberlein lange nicht gemocht. Einfach ich kannte sie nicht. Jetzt aber bin ich in Geschmack gekommen. Eine? Das genügt mir nicht. Unter fünf tu ich's nicht. Also kurz und gut: was du liebst, lieb ich auch, das schenkst du mir. Ich angehender Hagestolz habe auf einmal eine Familie: Großmutter, Mutter, Schwestern und eine süße, süße Frau! O, ich Glücklicher! Wer in der Welt machte je eine -bessere Partie'?"

Ich!" sagte Ursula leise,wenn ich's übers Herz brächte, diese Großmut anzunehmen. Aber das geht ja nicht! Fünf Frauen auf einmal! Die Villa in der Fasanenstraße ich kenne sie, sie ist ein Juwel aber für einen -Harem' nicht groß genug."

Dafür ist der Garten groß genug. Und dafür hast du einen Baumeister zum Schatz. Morgen gleich wird der erste Spatenstich gemacht. Im Frühjahr ist die Doppelvilla fertig.

1906. Nr. 11.

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