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nahm, dachte er: Was sich der denken wird, wenn er die Frau weinen sieht hier im Geschäft! Ganz verlegen und unsicher war ihm dabei zumute. Und nur um den Käufer abzulenken, sprach er, während er nun das Buch einpackte: „Wird jetzt sehr stark gekauft, soll'was ganz Besonderes sein. So, bitte!" Dann nannte er den Preis, der Kunde zahlte und ging.
Als Herr Schneeberger die Tür hinter ihm geschlossen hatte, schritt er auf Frau Bang zu; unschlüssig stand er einen Augenblick vor ihr, dann tat er etwas, was ihm noch niemals früher in den Sinn gekommen war, er nahm sie fest bei beiden Armen, daß sie ihm in die Augen sehen mußte, und sprach so zu ihr. Und, seltsam, seine Stimme war dabei weich und zuredend warm, daß er selbst darüber staunte:
„Na, jetzt vernünftig sein, Frau Bang! Schau'n S', einmal muß's ja sein. Der Bub soll doch was Ordentliches werden — gelt? Na also! Immer können S'n ja doch net b'halten, und draußen im Reich wird er ein ganzer Kerl; 's gibt für an' Wiener keine bessere Schul', da kriegt er um das Weiche — zu Weiche — a bisserl a härtere Rinden herum, und das braucht's. Also sei'n S' g'scheit, Frau Bang, geh'n S', a Frau wie Sie! — So — schön abtrocknen die Tränen — seh'n S' — jetzt sind S' gleich noch amal so schön. Ja, und da unten,' auf dem Büchel, die Überschwemmung dürfen S' schon auch abtrocknen — na also, jetzt können S' ja schon wieder lachen! Bravo! Ja, Georg," er fuhr dem Buben mit der Hand derb über das Haar, „das is' a Frau, deine
Mutter, der mußt' schon Ehr' machen draußen-"
Frau Bang hatte mit dem Taschentuch gehorsam auch den Tränentropfen von dem Buche weggetupft. Ihr war leichter geworden unter dem Griff der beiden Hände, die ihre Arme umspannt gehalten hatten. Ein Gefühl und Erkennen, daß sie auch dann, wenn der Bub nicht mehr bei ihr war, doch
nicht ganz einsam sein würde, ging in ihr auf; sie wußte nun, daß dieser treue alte Freund ihr und dem Georg auch in jener Zeit zur Seite stehen werde. Nun sah sie unter neuen Tränen ein wenig lächelnd Herrn Schneeberger an.
„Mein Gott — daß Sie's gut meinen, weiß ich ja — und keinem anderen tät' ich sonst den Buben anvertrauen als Ihnen ..."
„Na seh'n S', Frau Bang — das is' vernünftig —". Er nickte ihr zu und klopfte ihr leise auf den Rücken.
„Vernünftig . . .? Mein Gott ..." sie wollte wieder das Taschentuch nach oben führen . . . „für eine Mutter ist das Vernünftigsein oft gar so furchtbar schwer ..."
Doch da griff Georg nach ihrer Hand und küßte sie. „Mutter — aber, wenn ich dann wiederkomm' und 'was bin —- wenn ich dann viel Geld verdien', dann sollst du's auch so gut haben ..."
Sie zog ihn an sich und küßte ihn wieder, und Herr Schneeberger lächelte mit seinem ironisch gutmütigen Gesicht dazu, obwohl soeben die Tür wieder geöffnet wurde und der Gehilfe, dessen Mittagszeit beendet war, eintrat.
„Natürlich!" sagte Herr Schneeberger. „Nur verzärteln und verpimpeln den Buben — höchste Zeit is', daß er 'nauskommt!" Und besonders laut, wie wenn er wollte, daß der Gehilfe die Worte hörte, setzte er dann hinzu: „Also Frau Bang, was haben wir heut? Freitag, na ja, also, ich komm' am Sonntagnachmittag auf eine Stund' zu Ihnen, und dann bereden wir die ganze Sach' noch einmal genau. Überlegen S' Ihnen derweil alles — über die Hauptfach' sind wir ja einig ..." —
Und als Herr Schneeberger dann am Sonntag kam, da wurden in der Tat die Einzelheiten alle durchgesprochen.
(Fortsetzung folgt.)
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Adolf von Kröner.
Mit dem Bildnis Seile 437.
ieder kann die „Gartenlaube" zu frohen: Feste eines der Ihrigen gedenken und ihre Wünsche dankbar einem Mann darbringen, der den besten Teil seiner gewaltigen Arbeitskraft in treuer Hingabe ihrer Pflege weihte. Adolf von Kröner, der frühere langjährige Besitzer und Herausgeber der „Gartenlaube" und zugleich einer der hervorragendsten deutschen Verlagsbuchhändler der Gegenwart, feiert am 26. Mai in rüstiger und ungeschwächter Arbeitsfreude seinen siebzigsten Geburtstag.
Als nach dem Tode des Gründers der „Gartenlaube" mancher Käufer auf den Plan trat, hat sich die Witwe Ernst Keils doch erst zum Verkauf entschlossen, als Adolf Kröner 1883 das Blatt erwerben wollte. Die „Gartenlaube", das teuere Vermächtnis ihres tief betrauerten Gatten, war ihr kein Geschäftsobjekt, sondern ein Stück ihres Lebens, das sie nur in die Hände eines Mannes zu legen entschlossen war, der ihr des größten Vertrauens würdig erschien. Die folgende Zeit gab ihr recht. Adolf von Kröner verstand es, das Blatt ganz im Sinne Ernst Keils weiterzuführen und rnit starkem literarischen und künstlerischen Verständnis den Anforderungen der fortschreitenden Zeit anzupassen. Seiner rastlosen und liebevollen Arbeit und seinem klaren Blick für alles wirklich Gute ist es in erster Linie zu verdanken, daß es dem Blatt Ernst Keils beschieden blieb, auch heute noch zu sein, was es zu seines Gründers Tagen war: das verbreitetste und bedeutendste Volks- und Familienblatt deutscher Zunge.
Unseren Lesern sind die Jahrgänge von 1884 ab so frisch in Erinnerung, daß wir nicht ausführlich darauf hinzuweisen brauchen, wie trefflich Adolf Kröner es verstand, die besten Männer der Wissenschaft und die ersten Meister der Erzählungskunst für die „Gartenlaube" zu gewinnen. Eine Persönlichkeit
von kraftvoller, echt deutscher Eigenart und ausgesprochen künstlerischem Zug, hat er von Anfang an seine reichen Beziehungen zu den Größen der Literatur zum Besten der „Gartenlaube" zu nutzen gewußt. Aber nicht nur die anerkannten Meister, wie Paul Heyse, Adolf Wilbrandt, Marie von Ebner-Eschen- bach, Spielhagen, Wilhelm Raabe und Fontane, führte er mit erlesenen Werken dem weiten Freundeskreise der „Gartenlaube" zu, auch als Entdecker werdender Größen, als Förderer aufstrebender Talente, von denen er sich Reife erhoffte, hat er sich immer wieder ganz wunderbar bewährt. Die Namen Ludwig Ganghofer, W. Heimburg und I. C. Heer mögen in diesem Sinne statt vieler weiteren hier genannt sein.
Im Jahre 1903 trat Adolf Kröner von der Leitung der „Gartenlaube" zurück, nachdem er auch den Verlag anderen Händen übergeben hatte. Sein Geist aber lebt weiter in dem Blatt, das der Überlieferung Ernst Keils und Adolf Kröners treu geblieben ist und bleiben wird.
Wie in den Annalen der „Gartenlaube", so ist aber auch in der Geschichte des deutschen Buchhandels der Name „Adolf von Kröner" mit goldenen Lettern verzeichnet. Bald nach Absolvierung des Eberhard Ludwig-Gymnasiums in seiner Vaterstadt Stuttgart wendete er sich dem Buchhandel zu, den er in München in der Riegerschen Buchhandlung erlernte. Sein brennendes Interesse für Literatur brachte ihn schon damals in persönliche Berührung mit den hervorragendsten Dichtern, die Maximilian II. an seinem Hofe versammelt hatte. Erst 23 Jahre zählte Kröner, als er die Hof- und Kanzleibuchdruckerei von Gebrüder Mäntler in Stuttgart erwarb, eine alte Firma, zu der schon Schiller in geschäftlicher Beziehung gestanden hatte, die aber bei der Übernahme durch Kröner nur geringe Bedeutung besaß. Und von da ab begann sein starkes,