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Georg Bangs Liebe.
Roman von Aarl Rosner.
(7. Fortsetzung.)
un war es noch stiller geworden in der kleinen Wohnung von Frau Marie Bang, und die Lücke, die Herr Schneeberger da oben durch sein Gehen gerissen hatte, die blieb und wollte sich nicht schließen. Der große Armstuhl mit den bequemen gepolsterten Ohren stand wieder leer -— wie damals! mußte Frau Bang denken, und ihr trat dabei die schwere Zeit nach dem Tode ihres Mannes vor Augen. Und auch ein wehes Fühlen war in ihr, das manchmal schwoll, daß es sie säst so sehr erfüllte wie in jenen leidvollen Tagen. Der Herr Schneeberger war ihr doch in all den Jahren viel geworden. Sie hatte über alles mit ihm sprechen können, er hatte teilgenommen an den vielen kleinen Schicksalsfügungen, und ein Vertrauen, ein Erkennen war gewesen zwischen ihm und ihr, das ihnen beiden eine Stütze war und eine Hilfe. Jetzt aber hatte er sich losgesagt!
Auch manche Frage, die ihr früher, solange Herr Schneeberger ihr noch zur Seite stand, nur wenig Sorge bereitet hatte, stieg nun drückend vor ihr auf. Nun kam wieder der Sommer, und der Bub kam aus der Schule, jetzt mußte man sich auch entscheiden, welchen Beruf er wählen sollte. Der Plan des Herrn Schneeberger, ihn Buchhändler werden zu lassen, gefiel Georg immer besser, und auch sie selbst war jetzt dafür. Aber da fehlte nun überall die helfende Hand, die Herr Schneeberger dem Buben hatte bieten wollen, und ratlos dachte sie an jene Zeit, da sie Georg als Lehrling in einer Handlung unterbringen sollte. Und auch noch andere Sorgen zogen ihr durch die Gedanken. Das Zimmer, in dem Herr Franz Schneeberger gewohnt hatte, stand leer, doch auf den Beitrag, den die Miete des Zimmerherrn abgegeben hatte, konnte sie in dem kleinen und beschränkten Haushalt nicht verzichten. Später, wenn der Georg auch ein wenig verdiente, dann ging das ja, aber bis dahin hieß es, nach jedem Kreuzer sehen. So mußte sie denn daran denken, das Zimmer wieder zu vermieten. Durch Wochen trug sie sich mit dieser Sorge, und von Tag zu Tag verschob sie immer wieder die Aufgabe des Inserats. Ihr war's, als würde sie mit diesem Gang in die Zeitungsexpedition sich und dem Buben etwas zerstören, sie hatte eine stille Angst vor diesem neuen, fremden Menschen, der dann so nah bei ihnen wohnen sollte, und von dem sie doch nichts wußten, mit dem sie nichts Gemeinsames verband.
Tausend kleine Alltagssorgen stichelte Frau Marie Bang so in die sauberen und gleichmäßigen Monogramme und
Initialen hinein, die sie in dieser Zeit in feine weiche Tücher aus Batist auf ihrem stillen Fenftersitz stickte. Und dann dachte sie wohl auch mit einer leisen Bitterkeit an jene Menschen, die diese Tücher, diese kostbaren Gewebe bald tragen und verwenden sollten. Das waren Leute, denen Sorgen wohl niemals entgegentraten.
Auf ihrem Fenstersitz saß sie auch bei ihrer Arbeit, als eines Vormittags draußen die Glocke gezogen wurde.
Mechanisch schob Frau Bang die Stickerei zusammen, nahm die Stahlbrille, die sie seit Monaten schon bei der Arbeit tragen mußte, ab und legte sie auf das Tischchen.
Ein Bettler! dachte sie, während sie die große, weiße Arbeitsschürze glattstrich, nach dem Vorzimmer ging und das Guckfensterchen der Türe öffnete.
Aber dann plötzlich zitterte ihr die Hand, die an dem kleinen Griff des Fensterchens lag, und ihre Lippen bewegten sich unwillkürlich:
„Ja, das ist ja — das ist ja. . ."
Mit hastigen Fingern schob sie das kleine Türchen wieder zu und nestelte an der Sicherheitskette, die sich nun in der Eile gar nicht aus dem Verschluß lösen wollte. Und endlich hatte sie die Tür offen.
„Frau Gerold — das — das haben wir ja schon gar nicht mehr erwartet..."
Und Frau Gerold, die blond und schön und blühend mit einem ein wenig verlegenen, gespannten Lächeln, das ihrem kühlen Gesicht ein warmes Leben gab, da draußen auf dem bescheidenen Treppenflur stand, streckte ihr die Hand hin und trat herein.
„Ja, Frau Bang, ich bin's. Sie werden gar nichts mehr von uns wissen wollen. Aber es war wirklich nicht nur meine Schuld, daß ich Sie in der ganzen Zeit so sehr vernachlässigt habe. Ich..."
Frau Bang hatte die kleine Hand in blütenweißem Handschuh, die sich ihr da entgegenstreckte, fest ergriffen. Was sie an harter Bitterkeit und herben Gedanken in all der Zeit gegen diese Frau in sich getragen hatte, verfloß. Nur Bilder der Vergangenheit drängten sich vor sie hin in diesem Augenblick: Herr Heinrich Gerold — Sephi. Und während ihre Augen nun wie suchend an Frau Gerold vorüber über den Treppenflur streiften, während sie dann die Tür schloß und jene nach dem Wohnzimmer öffnete, sagte sie nur:
„Nun sind Sie doch gekommen . . . und ich freue mich.
I Wir haben ja so oft an Sie gedacht, an Sie beide."
1906. Nr. 21.
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