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Frau Gerold nickte und sah Frau Bang mit ein wenig schief gelegtem Kopse an. Ein leises, gurrendes Lächeln saß ihr dabei in der Kehle. „Gut sehen Sie aus — gar nicht verändert ..."
„Mein Gott ..." sagte Frau Bang und strich über die große weiße Schürze.
Eine Pause entstand, während der die Augen der Frau Gerold von dem Blick der Frau Bang abwichen und durch das Zimmer streiften.
„Ich störe Sie wohl bei der Arbeit?"
Frau Bang schob einen Stuhl zurecht. „Nein — gar nicht. Wollen Sie sich nicht setzen?" Und als Frau Gerold nun ihr silbergraues Kleid, an dem die Seide knisterte und rauschte, zusammengriff und sich niederließ, fragte sie: „Was macht die Sephi? Geht's ihr gut? Wir haben uns ja so gesorgt, wie Sie uns damals geschrieben haben, daß sie kränkelt."
Frau Gerold sah auf das einfache Tischtuch nieder, und ihre Finger zeichneten eine der verschlungenen Figuren des Gewebes nach.
„Ja — das war damals. Es geht ihr jetzt wieder gut. Ja — sie ist — ich habe sie jetzt seit ein paar Wochen bei einer befreundeten Familie auf dem Land — eben damit sie sich ganz erholt . . . hm . . ."
Es schien, als hätte sie noch etwas sagen wollen, aber sie schwieg und lächelte nur wieder ein wenig. Und als sie dann sah, wie Frau Bangs Blick mit stillem Fragen auf ihr ruhte, sagte sie noch einmal: „Nein -— wirklich — ich freue mich, wie gut Sie aussehen — ganz unverändert ..."
Jetzt aber schüttelte Frau Bang den Kopf.
„'s ist eben doch die lange Zeit wieder hingegangen. Und wenn man's auch vielleicht nicht sieht — sie war doch da und hat schon ihre Spur gelassen. Ohne die geht kein Tag vorüber. Wir leben ja still — da gräbt sich das ganz unauffällig und gleichmäßig ein — bis man eines Tages dann ganz vollgeschrieben ist. Gegen das Altern hat noch keiner das rechte Mittel gefunden."
Mit leisem, mildem Lächeln blickte Frau Marie Bang dabei auf ihren Gast. Aber da sah sie, wie die schöne Frau sich mit einer seltsamen Hast straffer auf dem Sessel zurechtsetzte, daß die Seide leise aufkreischend rauschte, und wie sie mit der Hand über die Schläfe fuhr.
„Ich möcht' nicht alt werden, Frau Bang. Ich finde das Alter entsetzlich. Nein — ich fürchte mich geradezu davor . . .! Lieber sterben — früh sterben — als alt und häßlich werden — ich könnt's nicht aushalten, Frau Bang!"
„Aber Frau Gerold . . . Sie sind ja doch noch so jung ..."
„Mein Hans war beinah' so alt wie Ihr Georg ..."
„Ja — aber Sie haben ganz jung geheiratet — und ich war beinahe ein Dutzend Jahre verlobt . . . Und dann, bei mir sind so viele Jahre, die doppelt zählen — nein, nein, Frau Gerold, ich bin heute schon eine alte Frau . . . Sie und ich —' das läßt sich nicht vergleichen."
Wieder lag Schweigen zwischen den beiden Frauen.
Nach einer Weile begann die eine zu reden, und in ihrer Stimme klang dabei ein leises erregtes Helles Vibrieren:
„Frau Bang ..."
„Ja?"
„Sehen Sie, Frau Bang, ich bin heut' hergekommen, um mit Ihnen über etwas ganz Bestimmtes zu sprechen — über etwas, das ich bisher noch keinem Menschen anvertraut habe . . ."
Sie schwieg einen Augenblick und schien auf eine Antwort, auf einen Einwurf Zu warten. Aber Frau Bang sagte nichts und sah nur fragend zu ihr hinüber.
„Ich . . . Sie werden sich wundern, daß ich g'rade zu Ihnen komme mit dem, was ich Ihnen sagen will, aber ..."
Sie griff mit beiden Händen über den Tisch hinüber nach der Hand der Frau Bang und drückte diese Finger, die unbewegt in ihren lagen — unbewegt, denn ein erkältendes Gefühl war lähmend in Frau Bang emporgestiegen.
„Ich will mich wieder verheiraten ..." sagte Frau Gerold rasch. Und sie versuchte zu lächeln dabei, aber Frau Bang sah nur eine zerrende, gequälte Spannung in dem rosigen Gesicht, dessen Lippen sich nun wieder bewegten: „Nun -— Sie sagen gar nichts dazu . . .?"
Frau Bang nickte. „Doch — Frau Gerold, ich wünsche Ihnen alles Glück. Mein Gott — Sie sind noch so jung — und auch die Sephi — auch die wird er ja lieb haben, und das ist so viel für ein Kind. Alles ist die Liebe für ein Kind — gar nicht genug kann man ihm davon geben . . ." Und ihr Blick ging, während sie so sprach, hinüber zu der Wand, an der über dem Bette Georgs das Bild von Heinrich Gerold hing. Sie dachte daran, was der ihrem Buben an Liebe gegeben hatte, obwohl er doch auch nicht sein Vater war. Ganz versonnen sah sie vor sich hin, und erst als sie fühlte, daß der Druck der beiden Hände in ihren weißen Glacos schwächer wurde, kehrte ihr Blick zu ihrem Gast zurück . . .
Aus dem Hof unten scholl der singende Ruf einer Lavendelverkäuferin herauf:
„Kauft's an Lavendl — fünf Kreuzer der Busch -— an Lavendl kauft's . . .!"
Als ob er aus ganz weiter Ferne käme, klang der Ruf — von weit draußen aus der Welt, mit der man hier im Zimmer der Frau Bang kaum Fühlung hatte.
„Wie ruhig Sie's hier haben," sagte Frau Gerold plötzlich. „Daß Sie das aushalten können! Ach Gott, Frau Bang — nennen Sie's schlecht oder nicht — aber ich sehn' mich ja manchmal so nach dem Leben . . .! Kann ich dafür? Seh'n Sie" — und sie sah nieder an dem duftig weichen, silbergrauen Kleide — „ich Hab' die schwarzen Kleider nicht mehr tragen können -— ich bin mir lebend wie in einem Sarge vorgekommen . . !"
Etwas Bittendes, Hilfloses lag in ihrer Stimme.
Wie ein verwöhntes Kind, dem man nicht zürnen kann! dachte Frau Bang, und wie sie nun selbst nach der Hand der schönen Frau hinübergriff, sprach sie noch einmal: „Ich
wünsche Ihnen alles Glück — ich wünsche Ihnen, daß Sie so glücklich werden, wie Sie's nur hoffen."
„Ich dank' Ihnen ..." Frau Gerold bückte sich nach ihrem kleinen Taschentuche, das ihr entfallen war, und lächelte ein wenig. „Ich bin auch noch wegen eines anderen Grundes zu Ihnen gekommen, Frau Bang — Sie waren immer so lieb zur Sephi — das hat uns auf den Gedanken gebracht ..."
„Ja? Ist sie also doch noch immer kränklich?"
Frau Gerolds Finger spielten zögernd mit dem dünnen goldenen Halskettchen, an dem ihr Lorgnon hing. Es schien ihr schwer Zu fallen, das auszusprechen, was sie sagen wollte.
„Nein — das ist es nicht. Sie ist wieder ganz gesund. Es handelt sich um etwas anderes. Seh'n Sie, Frau Bang — wenn ich mich wieder verheirate, so werde ich von Wien wegziehen. Mein — zukünftiger Mann
übernimmt eine größere Exporthandlung im Süden — in Triest. Nun wissen wir nicht, ob das dem Kind dort guttun wird — ich mein' das andere Klima -— eine gewisse Gefahr ist das für die Kinder immer — und zart ist die Sephi ja . . ."
Frau Bangs Blick ging in die Ferne. „Freilich," sagte sie leise und sinnend, „zart war sie ja immer ..."
„Nicht wahr? Und nun ist doch da unten die Gefahr der Malaria so groß! Ja — also das wäre ein Grund, der Hauptgrund. Aber es ist doch noch verschiedenes anderes auch, was da mitspricht. — Wissen Sie, Frau Bang — Sie müssen das nicht mißverstehen, was ich da sage — mein zukünftiger Mann hat Kinder furchtbar gern' — aber g'rad' in der ersten Zeit — nicht wahr? Mein Gott — so 'was läßt sich so schwer sagen — aber Sie wissen schon, wie ich's mein' — nicht wahr?"