Heft 
(1906) 21
Seite
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Frau Gerold schwieg einen Augenblick und hob den Blick von ihren Fingern, die immer noch an dem dünnen Gold­kettchen des Lorgnons genestelt hatten. Sie sah Frau Bang an, lächelte ein wenig unsicher und befangen und drückte dann die Hände gegen die erhitzten Wangen.

Ganz heiß ist mir geworden . . . Sie werden mich aus­lachen, Frau Bang. Aber nicht wahr, die Sephi, die ist ja schließlich jetzt auch schon elf Jahr' alt und dann, Sie wissen ja, in ihrer ganzen Art hat sie auch so 'was wie mein armer toter Mann - ich mein' so 'was Stilles, das einem immer nachgeht . . ."

Wie sich der Georg freu'n tat', wenn er sie Wieder­sehen könnt' ..." meinte Frau Bang.

Wieder kam dieses leise gurrende Lächeln aus Frau Ge­rolds Kehle.

Ja, nicht wahr, Sie haben sie beide lieb, meine Sephi? Das haben wir eben gewußt jaund d'rum hat auch Carlo d'rum hat auch mein Zukünftiger Mann eben gleich an Sie gedacht . . . Wir wollen nämlich mit einer großen Bitte zu Ihnen kommen ..."

Frau Gerold machte eine Bewegung, als wollte sie die Hand von Frau Bang wieder ergreifen; dann hielt sie ein, schüttelte den Kopf und fiel in einen leisen klagenden Ton:

Sie werden mich für eine ganz schlechte Mutter halten, Frau Bang, aber das bin ich nicht, ganz gewiß nicht! Ich Hab' ja das Kind so riesig lieb aber Gott! schließlich ist man ja doch auch selbst auf der Welt und schließlich will man doch auch selbst ein bisserl 'was vom Leben haben! . . . Und dann, es handelt sich ja nur um ein paar Monate höchstens um ein paar Monate. Also wir wollten Sie fragen, ob Sie das heißt natürlich gegen eine Entschädigung, soweit man einen solchen Freundschaftsdienst entschädigen kann ja also, ob Sie die Sephi für diese erste Zeit zu sich nehmen könnten . . .?"

Frau Bang nickte sie verstand. Ihr Blick lag in der Ferne, und sie dachte an das zarte kleine Ding, das nur so wenig Raum und Sorgfalt brauchte für sein Kinder­leben, und für das sich nun in der neuen Ehe seiner Mutter der enge Raum und die bescheidene Liebe nicht mehr finden wollten. Sie dachte an Herrn Heinrich Gerold, dem dieses Kind am Abend seines Lebens das Höchste war, und fühlte: es darf nicht sein, daß sie es wie ein Überzähliges und Lästiges beiseite schieben, daß es geduldet nur und heimatlos im Haus der eigenen Mutter welke . . . Und ein Wort, das die Frau Gerold eben gesprochen hatte, fiel ihr wieder ein: . . . mein zukünftiger Mann hat Kinder furchtbar gern aber ..." Der Frau Marie Bang war es zumute, als griffe eine kalte Hand ihr an das Herz. Der Mann, der Kind und Mutter trennen konnte, der von der Mutter dieses Opfer forderte der kannte wohl die rechte Liebe nicht nicht die zum Kinde und nicht die zur Frau. Besorgt und fragend blickte sie hinüber zu ihrem Gast, aber da las sie auf dem rosigen Gesicht, dessen Wangen trotz der feinen Fältchen an den Augenwinkeln noch immer weich wie Pfirsiche waren, nur die eine Erwartung: Sie wird doch Zusagen?! Und als sie immer noch nicht sprach, fragte Frau Gerold:

Frau Bang . . .?! Nicht wahr, es geht -- wenn Sie's nicht machen könnten wir wüßten uns sonst wirk­lich niemand . . . und in ein Institut, unter ganz fremde Menschen ..."

Bringen Sie uns nur die Sephi her," sagte Frau Bang. Sie soll nur kommen; was wir für sie tun können, daß es ihr nicht Zu einsam wird ich und der Georg - das woll'n wir sicher tun . . . Der Zimmerherr, der so viel Jahre lang bei uns gewohnt hat ich weiß nicht, ob Sie sich erinnern? der Herr Schneeberger? der ist ausgezogen. Die Sephi soll das Zimmer haben. . . und daß sie mir ist wie mein eigenes Kind, das wissen Sie..."

Die erwartende Spannung war aus den Zügen der Frau Gerold gewichen, eine freudige Hast war jetzt in ihr.

Ja, das weiß ich, Frau Bang. Wenn ich nur auch wüßte, wie ich Ihnen das danken soll! Seh'n Sie, wenn das Kind bei Ihnen ist, da kann ich so ganz beruhigt es wär' doch schrecklich für mich, wenn ich bei allem immer denken müßte: Mein Gott, wie geht's jetzt der Sephi? Ist

sie auch in guten Händen? Fehlt ihr nichts? . . . Das ganze Leben könnte einem dadurch vergällt werden. Aber so . . ."

Wann würde die Sephi dann kommen?"

Vis zum August kann sie bei der Familie auf dein Land' bleiben... ja im September wollten wir heiraten. . ." Sie wurde verlegen und strich eine Falte ihres Rockes glatt. Es spielen da ein paar Dinge mit, die das veranlassen ich meine, die Übernahme des Geschäftes in Triest na - und anderes . . . Würde Ihnen das passen, wenn wir die Sephi Ende August brächten?"

Frau Marie Bang nickte:Sie soll nur kommen

wann es auch ist..."

Frau Gerold stand auf von ihrem Stuhle.Nein, wie ich Ihnen dankbar bin, Frau Bang, nie werd' ich Ihnen das vergessen! Und wegen der materiellen Frage, da werden wir uns ja leicht verständigen."

Im Herumblicken hatten die Augen der Frau Gerold die weißen Batisttücher gestreift, in die Frau Bang soeben die Initialen stickte. Sie trat näher und prüfte das Gewebe zwischen den Fingern.

Hübsch ist das," sagte sie dann,sehr hübsch, das möcht' ich mir eigentlich auch anschaffen. Wo bekommt man das? Bei Schostal? So. Ja, also liebe Frau Bang, nochmals vielen, vielen Dank. Und grüßen Sie mir Ihren Sohn, der muß ja jetzt schon bald erwachsen sein? Ach Gott, ja, die Kinder! Also bei Schostal haben Sie gesagt? Nochmals Adieu und Ende August also vielen Dank. Adieu!"

Nun war die Flurtür hinter Frau Gerold wieder geschlossen.

Die Hand noch auf der Klinke, stand Frau Marie Bang im Vorzimmer und hörte gedankenlos, wie das Rauschen der seidenen Röcke auf der Treppe verklang. Dann strich sie sich über die Stirn und trat in das Zimmer, in dem ein feiner Duft von Flieder an die schöne Frau gemahnte.

Wie seltsam das alles war! Frau Bang war ganz wirr von all den Eindrücken und Worten. Und dabei war doch fest und klar ein Fühlen in ihr, das sie ganz erfüllte.

Du sollst's gut haben bei uns, arme kleine Sephi, dachte sie immer wieder, du sollst's gut haben.

Mechanisch griff sie nach ihrer Brille, um sie aufzusehen und die Arbeit wieder aufzunehmen, aber dann blickte sie nach der Uhr und hielt ein. So spät schon?! Da mußte ja der Bub gleich kommen.

Nun ging sie eilig nach der Küche, um dort am Herd nach dem Rechten zu sehen.

Und da, während sie den Schaum von der Suppe schöpfte, fiel es ihr plötzlich ein: wen sie eigentlich heiraten würde, das hatte Frau Gerold nicht gesagt. Nur Carlo hatte sie ihn genannt. Carlo

Mit einem Male aber hielt Frau Marie Bang ein, griff, wie nach einer Stütze suchend, mit ihrer Linken nach der Lehne des hell gescheuerten Ahornstuhles und stand still.

Mein Gott- Carlo das war der Herr Crispi! Na­türlich Herr Crispi!

Wie ein Schlag traf Frau Marie Bang dieser Gedanke, der sie mit einem Male klar erkennen ließ, was ihr bisher noch verhüllt und verborgen gewesen.

Crispi, dieser Herr Crispi, den sie selbst nur einmal ge­sehen hatte damals auf den: Friedhof, als inan Herrn Heinrich Gerold zur letzten Ruhe trug. Bleich und mit zu­sammengepreßten Lippen war er da abseits gestanden, und als er die weinende Frau begrüßte, da war es, als kennte er sie kaum, so ernst und fremd schien sein Gruß. Und der der. . . Vor Frau Marie Bang entrollte sich die eine Szene wieder, die sie des Abends einst, als sie Georg holte, im Hause des Herrn Gerold miterlebt hatte, die Szene, aus der

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