Heft 
(1906) 21
Seite
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heraus sie zum ersten Male suhlte, was alles aus dem Herzen dieses stillen Mannes lag. Und dann sah sie das Ende wieder klar vor Augen: Frau Gerold und Herrn Erispi in dem einen Zimmer, und ihn Herrn Heinrich Gerold mit den Kindern, bis es ihn auftrieb von dem Sitz am Harmonium, bis Spiel und Sang mit einem Mißklang zer­rissen und er an der Portiere der Tür, im Angesicht der beiden zusammenbrach.

Und diese beiden Menschen, die so durch Schuld verbunden waren, die wollten nun, da noch kein Jahr seit Heinrich Gerolds Tod verflossen war, trotz alledem sich jetzt die Hände reichen?

Frau Bang ergriff es wie ein Schwindel. Mit einer traumhaften Bewegung schob sie den Schöpflöffel, den sie noch immer in der Hand gehalten hatte, auf die Herdplatte, dann ließ sie sich matt auf den Küchenstuhl sinken.

War denn das alles möglich konnte denn das sein?

Sie strich sich über die Stirn, als wollte sie das ganze Hirngespinst dieser Gedanken so beiseite streichen.

Ob es nicht vielleicht damals bei der Katastrophe doch so gewesen war, wie Frau Gerold den Hergang später dar­gestellt hatte? Ob sie der Frau nicht doch vielleicht Unrecht tat?

Starr ging der Blick der Frau Marie Bang ins Weite. Dann aber wiegte sie den Kopf. Nein. . .!

Sie sah sie wieder vor sich, so wie sie noch vor einer Viertel­stunde im Zimmer nebenan ihr gegenüber gesessen hatte. Sie hörte das leise gurrende Lachen und die Reden, die zielbewußt, Wort für Wort, dem eigentlichen Zweck des Kommens näher gerückt waren. Nein, nein, das war schon alles so ein Zweifel daran war nicht möglich!

Lange sah Frau Bang mit ernsten Augen so vor sich hin, dann aber zog ein Schein von Güte und von Liebe mit mitleidvoller Wehmut über ihr Gesicht. Es war die kleine Sephi wieder in den Kreis ihrer Gedanken getreten.

Frau Bang stand erst auf, als von draußen die Glocke ertönte das Zeichen, daß Georg aus der Schule nach Hause kam.-

Nun wußte Georg, daß er die Sephi Wiedersehen würde, und die Tage vergingen ihm in der Sehnsucht nach dieser kommenden Zeit viel langsamer als sonst. All' das, was er sich ausgeträumt hatte an abenteuerlichen Phantasien, an selt­samen und wunderbaren Fügungen des Schicksals, die ihn und Sephi wieder sich zusammenfinden ließen, war beiseite ge­schoben durch diese schlichte Wirklichkeit: Frau Gerold war da­gewesen; sie wollte wieder heiraten, und Sephi sollte für die erste Zeit, bis die neue Wohnung völlig eingerichtet war, hier bei seiner Mutter und bei ihm wohnen. So hatte ihm Frau Bang das damals dargestellt, als er nach Hause kam und in dem Zimmer stand, in dem ein süßlich milder Duft von Flieder noch an Frau Gerold gemahnte.

Ganz still, nur mit einem leisen Zittern in den Armen und in den Kniekehlen, das er kaum beherrschen konnte, hatte er damals den Worten seiner Mutter zugehört. Aber er hatte gefühlt, wie blaß er ward und wie das Herz ihm klopfte. Nur damit die Mutter das nicht merken sollte, hatte er dann ver­sucht zu sprechen:

. . . Sephi soll kommen . . .?"

Die Mutter breitete das Tischtuch aus, strich eine Falte glatt und legte die Bestecke auf. Ihm war's, als sähe sie ihm absichtlich nicht in die Augen, aber er war dankbar dafür.

Ja weißt', wir müssen uns halt dann einrichten. Ent­weder sie kriegt das Zimmer vom Herrn Schneeberger oder du schläfst drüben und sie bei mir herüben ..."

Er nickte.Ich glaub', es wird besser sein, wenn ich drüben schlaf ..." Und ein Gefühl knabenhafter Freude, der Sephi den Platz im Zimmer der Mutter abgeben zu können, war in ihm zugleich mit dem männlichen Stolz, daß er dann ganz allein das Zimmer haben sollte, das ihm, so

lange Herr Schneeberger es bewohnt hatte, stets besonders würdig erschienen war.

Das alles war nun drei, vier Tage her, ihm aber schienen diese Tage wie ebensoviel Wochen. Ununterbrochen war er in Gedanken bei Sephi, malte er sich ihr Hiersein aus und sann er nach, was alles er ihr sagen und zeigen wollte, damit sie sich nicht langweilte. Manchmal ging sein Blick auch prüfend durch die Stube, über die alten Stahlstiche an den Wänden, die in den schmalen Goldleistenrahmen sachte immer mehr vergilbten, über die polierten Möbel, die auch nicht jünger geworden waren in all' den Jahren, über den breiten Ohren­stuhl und den Sticktisch der Mutter. Wenn ihr das alles nur gefallen konnte! Früher - das war 'was anderes da war sie nur auf ein paar Stunden hier - nun aber würde sie doch lange bleiben ... Er rückte nun selbst gern die Bettdecken zurecht, wenn sie nicht glatt und saltenlos lagen; er versuchte es, einer abgescheuerten Stelle im Leder des Lehn­stuhles mit Tinte wieder zu verflossener Jugendlichkeit zurück zu helfen, und als er sich erinnerte, in der Probenummer einer illustrierten Zeitung, die Herr Schneeberger einmal mit nach Hause gebracht hatte, imBriefkasten" ein RezeptStock­flecken aus Papier Zu entfernen" gelesen zu haben, da kramte er die alte Nummer vor, nahm sichHeinrich den Achten, der Katharina Howard verstößt" von der Wand und sah die un­glückliche Frau des grausamen Tyrannen lange und prüfend an.

In ein halbes Liter Wasser geben Sie dreißig Gramm pulverisiertes phosphorsaures Natron und bringen Sie diese Flüssigkeit dann zum Sieden; alsdann gießen Sie das Ganze in eine große flache Schale und legen den zu reinigenden Stich in diese hinein ..." '

Mein Gott eine so große flache Schale hatte er in seinem ganzen Leben noch nicht gesehen! Mit einem Seufzer hing er die stockfleckige vierte Gattin des Königs wieder an ihren alten Platz.

Aber während er so in Gedanken immer bei Sephi war und ihrem Kommen sehnsüchtig entgegenträumte, war doch ein Gefühl von Unfreiheit in ihm, wenn das Gespräch auf sie kam. Ihm war es dann immer, als müßte er verbergen, wie sehr es ihn beglückte, von ihr reden zu hören, und wenn die Mutter gar mit Fragen in ihn drang:Sag' freuest du

dich denn gar nicht, daß sie kommt? Ihr habt euch doch immer so gern gehabt..." dann konnte es wohl sein, daß er in einer Aufwallung von knabenhaftem Trotz mit ein paar gleichgültigen überlegenen Worten antwortete mit Worten, die ihn dann selber quälten, die ihm, wenn er an sie dachte, noch nachträglich das Rot der Scham in die Wangen trieben, und die er seiner Freundin dann, wenn er des Nachts im Bett lag, mit heißer Reue in Gedanken abbat.

Etwa acht Tage nach dem Besuch der Frau Gerold be­kam Frau Bang des Morgens, als Georg eben weggegangen war, einen Brief, der Herrn Schneebergers Handschrift auf der Adresse zeigte und am Kopfe des Umschlages die Firma seiner Buchhandlung trug.

Mit einer unbestimmten Erregung öffnete sie das Hanf­kuvert. Die Freude, daß der alte Freund sich nun doch wieder meldete, stritt in ihr mit der Sorge, was in dem Brief wohl stehen mochte, so sehr, daß ihre Hände leise zitterten. Dann las sie die wenigen Zeilen.

Liebe Frau Bang!

Ich möchte Sie bitten, heute mit dem Georg zu mir in das Geschäft Zu kommen, da ich in der Sache der weiteren Ausbildung des Buben mit Ihnen sprechen möchte. Von zwei bis vier Uhr treffen Sie mich allein, weil mein Gehilfe um diese Zeit zu Tisch geht.

Mit freundlichem Gruß

Ihr Franz Schneeberger."

Frau Marie Bang faltete das Schreiben zusammen und legte es auf ihren Nähtisch.