Heft 
(1906) 22
Seite
463
Einzelbild herunterladen

463 o

auf einem fahlen Gelbbraun den wie in blasser Sepia getuschten Felsen, wie sie über die Bahn hängen, die in den langen Grat des Juragebirges einschneidet. Mit grellstem Weiß ragen die Kreideklippen Rügens, der uralt verhärtete Tiefseeschlamm der Kreideperiode, aus dem silberblauen Meer von heute. So liegt der Schutt dieser drei Weltentage über der Erde gehäuft. Doch wir schlagen mit der Hacke in den Schuttberg, und aus der geöffneten Schichtenfolge bricht eine große Platte

alter Oberfläche Geheimnisvolle Schrift steht darauf. Kreuz und quer über die Platte ziehen sich ungeheure dreizehige Fuß­spuren, einst dem weichen Ufer­schlamm tief, daß die Ränder quollen, einge­preßt. Halb­meterlang ist gelegentlich eine solcheTatze, Die Schritte, die ihr Träger gemacht hat, spannen bis zu zwei Metern.

Unwillkürlich geht das Auge über der Platte in die Höhe und mißt den Luft­raum, den ein nach Menschen­art aufrecht wandelndes Wesen (und ge­rade diese größ­ten Fährten stapfen nur zwei­beinig) entspre­chend dieser Sohlenlänge durchragt haben müßte. Man wird auf fünf, sechs Meter ra­ten müssen; wenn diese Ur- weltler auf ei­nemkleinen Fuß" lebten, noch mehr.

Wir kennen sie heute, die

Wandler im roten Stein, als er noch rötlicher Schlamm war. Im Museum zu Brüssel stehen ihre Skelette Skelette zehn Meter langer Riesen, die in der Tat auf den Hinterbeinen einherschritten wie wir. In dem gleichen Schlamm, der ihre Tatzen abzeichnete, sind sie gelegentlich ganz versunken. Ihre Hautkämme, ihre fetten Bäuche sind verfault, nur das ge­schwärzte Gerippe blieb in dem verschlingenden Grunde stecken, als er selber zu trockenem Stein wurde. So sind sie bis auf uns gekommen, zufällig aufgeschachtet, als der Bergwerksbetrieb ihr Grabgewölbe durchsägte, das sie seit sieben Millionen Jahren umklammert hielt. Diese Jguanodonten, wie man sie getauft hat, waren Reptile, am ehesten für unsere Zeit noch zu

vergleichen aufrecht schreitenden Riesenkrokodilen. Zum ersten­mal war mit solchen Formen das feste Land erobert von wirklich großen, das Feld beherrschenden Tieren. Alles, was im Steinkohlenwalde zuerst das Trockene bestiegen hatte, war ein Ppgmäenvolk gewesen: die Schnecken, die Tausendfüße, die Insekten. So hoch es auch Ameisen und Bienen im Jn- sektenstamm gebracht haben mögen, sie blieben Liliputer, die höchstens einmal durch Massenansammlung wirkten. Noch die

ersten aufklim-

L-.

> '"-HL

. -L-

wenden Amphi- bien und Repti­lienselbst waren winzige Gesellen gewesen. Aller große Fort­schritt im Leben­digen scheint ja über solcheKlei- nen zu gehen. Jetzt aber kam hier das Erstar­ken der Kraft. Mit der Sekun­därzeit beginnt bei dem Reptil auf dem Fest­lande die Größe des Individu­ums. Die Jgu­anodonten klet­terten nicht mehr mit kleinen Füß­chen am him­melragenden Baumstamm aufwärts, sie reckten sich vom festen Erden­stand empor und rissen die belaubten Äste herunter.

Mit einem ganz anderen Größenmaß, das andere Be­dürfnisse und andere Macht schuf, begann das alte kaleido skopische Form­bildungsspiel jetzt ganz an­ders und wahr­haft ungeheuer­lich im Ergeb­nis einzusetzen. Bald wurde der

ganze Körper in einen undurchdringlichen Panzer gehüllt; die Schildkröte führt uns das noch heute anschaulich vor Augen. Oder aus der Haut wuchsen Jgelstacheln, wie Lanzen; den Rücken schützten kolossale Knochenplatten, senkrecht aufgebäumt, wie ein Molchkamm; Ochsen- und Rhinozeroshörner bewaffneten den Schädel; aus dem Maul bogen sich lange, krumme Walroß­hauer; der lange schwere, straff bewegliche Schwanz schmetterte Bäume über den Haufen; die Fußknochen bauten sich bald fein und steil empor, wie bei Störchen oder Springmäusen, bald sanken sie schwer mit Hufen, wie bei einem Rhinozeros, auf den Plan. Schob die Schildkröte sich beinahe zur kugel­förmigen Nuß zusammen, so neigte umgekehrt bei anderen der