Heft 
(1906) 22
Seite
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Riesenleib zu einer schier endlosen Streckung, es tauchte schon die bis heute noch so bedeutsame Schlangenform auf. Gerade in dieser Gestalt sind in der Kreidezeit märchenhaft lange Drachen auch wieder nach jener schon früheren Methode des Ichthyosaurus in das Meer zurückgekehrt und haben die Gestade der Felsengebirgsinseln im damaligen Nordamerika in Form fast regelrechter Seeschlangen mit beinahe zweihundert Fuß Länge alsMosasauriden" umkreist. Wo eine solche Seeschlange die Flut sieden machte im rasenden Ansturm hinter einem großen Fisch her, da schauten von den Uferklippen gleichzeitig seltsame anderthalb Meter hohe Vögel, in langen Reihen, wie unsere flugunfähigen Pinguine und Riesenalke, herab: das war der königliche Westvogel" (HoZperornw) wie der Entdecker, der zuerst sein versteinertes Gebein wieder auffand, ihn getauft hat selber noch ein echter Reptilsproß, der im Maul eine lange Reihe starrender Saurierzähne trug, gleich dem älteren Reptilvogel Archäopteryx; im ewigen Auf und Ab der Dinge hatte er aber schon einmal wieder das Fliegen abgeschafft und war als fischender Taucher fast ebenso zum Meerleben zurück- gekehrt wie die schwimmende Mosasaurusseeschlange selbst.

Wer aber im Lichte dieses wunderbaren Weltentages tiefer landeinwärts gewandert wäre zum Ufer sumpfiger und üppig krautbewachsener Süßwasserseen, der wäre dem Tollsten dort gelegentlich begegnet, was das reptilische Landwachstum auf der Höhe seiner äußeren Kraft sich geleistet. Der Brontosaurus hätte sich ihm gezeigt, der typische Drache, wie ihn heute Wagners Siegfriedsdichtung braucht. Auf vier hohen Krokodilbeinen ein schaukelnder Tonnenleib, an den von der kolossal entwickelten Beckengegend an ein Schwanz sich schloß, so massiv und dick, als fange hier jenseit der Hinterbeine noch einmal ein ganzes zweites Tier an, während umgekehrt ein girafienartig endloser feister Hals in einem Köpfchen endete, das man sich eher als Schwanzquaste hätte denken mögen. In der Tat lag die nervöse Zentralleitung dieser verzwackten Maschine offenbar nicht mehr so im Gehirn, als vielmehr im sehr viel stärkeren Rückenmark der Beckengegend. Was diesesSchwanzgehirn" dirigieren mußte, waren dem Gewicht nach ungefähr 20000Kilo, bei gegen hundert Fuß Länge. Die Phantasie erlahmt etwas vor diesem Brontosaurus, derDonnerechse", wie das Wort übersetzt heißt! Der Boden muß unter ihr gedonnert haben, und wo sie in den Wald brach, fielen die Bäume wie von: Blitz. Aber auch die Phantasie der Natur war mit ihrem

Reptiltypus offenbar hier bei einer gewissen Grenze angelangt. Indem sie einen Berg belebte, drohte ihr, daß sie lebendig versteinte.

Vom Koloß, dem Elefanten, wird erzählt, daß er dem Tiger mutig begegne, aber sich in rasender Angst vor der winzigen Maus scheue. Hat den Brontosaurus vielleicht auch dieser instinktive Schauder stutzen lassen, wenn aus dem Ast­loch des morschen Araukarienbaumes, den er umstürzte, ein mausgroßes Geschöpfchen sprang und sich mit ein paar pfiffig verwegenen Sätzen auf einem anderen, widerstands­fähigeren Urwaldriesen in Sicherheit brachte? Dieses kleine Wesen mit seinen geschmeidigen, wunderbar zielsicheren Be­wegungen und seinen scharf spähenden Äugelchen war im unscheinbaren Zwergengewand zwischen all den täppischen reptilischen Riesen dieses Weltentages doch schon derheim­liche Kaiser". Es war das Säugetier.

Gleich dem Urvogel Archäopteryx trug es auch in seiner Brust tief verwahrt schon das Geheimnis der eigenen Heizung, der inneren Körperwärme, die dauerte, während auch der riesige Brontosaurus nur in der Sonnenhitze seine Leibes­maschine ordentlich geheizt bekam, in der kühlen Nacht aber auch innerlich von Kälte starrte bis ins Mark. Wie der Vogel durch seine aus Schuppen entstandenen Federn, so wahrte dieses mäusehafte Säugetierchen diese Jnnenwärme mit einer mindestens ebenso gutenKaffeekannenhaube", nämlich mit gewissen Hautgebilden, die anfänglich noch zwischen den Schuppen und in ihrer Lage beeinflußt von diesen sich heraus­gebildet hatten: den Haaren. Das Mäuschen trug einen

schützenden Pelz! Am Bauch hatte es damals noch einen Hautbeutel, in dem es wie in einem angewachsenen warmen Nest sein Junges oder gar erst ein Ei, in dem dieses Junge reifte, schleppte, wie heute unsere Beutel- und Schnabeltiere es noch tun. Leistungsfähiger als bei sämtlichen Reptilien war im Köpfchen das Gehirn, feiner das Geruchsvermögen, vielseitiger das Gebiß, und entsprechend nach einer praktischeren Methode an den Schädel angelenkt der Unterkiefer.

Bei alledem verleugnete sich nicht, daß auch Beutel­mäuschen mit dem schlauen Hirn und warmen Herzen ursprünglich einmal selbst vom Reptilienvolk ausgegangen war. Ganz früh, als die Reptile selber noch klein und äußerst entwicklungseifrig waren, hatte es sich von einer besonders glücklichen Ecke dort abgespalten. Wahrscheinlich war es in der Nähe gewisser Saurier geschehen, deren Knochen­reste wir heute besonders in der Gegend der Burentreue und der Diamanten finden, im Kapland, Saurier, die noch lange Zeit verdächtige Säugetiergebiffe sich bewahrt hatten und auch im Unterkieferanschluß verrieten, daß siedabei gewesen" seien. An allen drei Schöpfungstagen der Sekundärzeit, dem roten, braunen und weißen, die ganzen zwölf Millionen Jahre durch, haben dann diese Beutel- und Schnabeltiermüuschen schon ganz still und klein, wie ein kluges Zwergenvolk, in den verborgenen Felsklüften der blauen Berge mitgelebt und neben den Reptilriesen hingelebt. Sie warteten auf ihren Schöpfungstag". Nicht einen Tag im Sinne jenes alten Jugendtraums der Menschheit, wo durch eine unbegreifliche Kraft plötzlich die Scholle Mäuse oder Hasen hervorgehen ließ. Wohl aber auf den Tag, wo ein großartiger Wechsel der Bedingungen ihnen (den längst vorhandenen) plötzlich wunderbaren Raum geben sollte, sich zu entfalten und alle jene kaleidoskopischen Möglichkeiten, die vorher die Reptile bewährt, auf einer höheren, das Reptil im ganzen über­bietenden Stufe neu von sich aus jetzt durchzuführen.

Die Geschichte der Schöpfung durch die Logik des Natur­gesetzes erzählt uns nicht bloß vom Werden. Durch ihre Saiten rauscht auch das Lied des Vergehens. Wer nur eine gewisse Spanne des großen Weges überschaut, der knüpft an dieses Vergehen die ewige Resignation. Alles Gewordene ist wert, daß es wieder zugrunde geht. Es scheint doch ein trauriges Spiel. Wer aber tiefer blickt, wer von der wunder­baren Kraft des modernen Menschen, Millionen von Jahren in eins zu schauen, Gebrauch macht, der gewahrt ein Drittes noch über jenen beiden Begriffen des Werdens und der Ver­gänglichkeit. Er gewahrt den Fortschritt, in dem auch das Vergehen nur eine Stufe, nur ein Mittel ist. So erscheint in

unserer menschlichen Kulturgeschichte ein Volk auf leuchtender Höhe, etwa die Griechen. Eine Weile erhält es sich wie ein vollendetes Gebilde von lauterster Harmonie. Plötzlich aber ändern sich die Anforderungen. Das Volk sinkt herab, sein harmonisches Dasein zerbricht scheinbar roh. Wie eine furcht­bare Mahnung fegt der Sturm der Vergänglichkeit durch die zertrümmerten Säulen. Andere Völker drängen sich brutal im Moment vor auf der Weltbühne, es droht ein großes Chaos. Aber Jahrhunderte gehen wieder hin. Und aus dem Wirrwarr hebt sich wie ein Phönix eine neue Kulturblüte: die Renaissance. Alles Höchste des Griechentums zeigt sie wieder auflebend ge­rettet und sie zeigt es doch zugleich innerlich fortgeschritten; sie hat das Liebesideal des christlichen Gedankens, das erweiterte Erdbild, eine höhere Technik, neue Kunstziele, neues Sehen, kurz all die großen Errungenschaften seither vermählt mit dem besten Kern des Alten. Trotz aller Vergänglichkeit hat der Kulturgang nichts verloren, sondern er ist reicher geworden, ist um eine ganze Fortschrittsstufe heraufgerückt. Eine Har­monie hat sich gelöst zugunsten einer höheren, vollkommeneren, die viel weiteren Anforderungen genügt.

Griechenkultur und der Brontosaurus mit seinen 20 000 Kilo Fettgewicht am Ufer eines vorweltlichen Sees sind das aber nicht sinnlose Vergleiche? Doch das ist ja eben das Allertiefste, Allerbedeutsamste einer geläuterten und wahrhaft