627
Fledermäuse. Das Studium der Verbreitung der Tiere, die Mittel und Wege hierzu: Wanderung und passive Verschleppung, kurz: die mancherlei Faktoren, die hierbei in Betracht kommen, zählt mit zu den interessantesten Kapiteln der Zoologie. Die Fledermäuse selbst haben freilich das geringste Verdienst an ihrer großen Verbreitung: als Bewohner der Lüfte sind sie weit weniger an die Grenzen des Raumes gebunden als die landbewohnenden Genossen unter den Säugetieren.
Meeresarme, Gebirge, für viele andere Tiere ein unüberwindliches Hindernis, meist scharfe Barrieren in der Verbreitung der Tiere bildend, werden von ihnen leichter überwunden als von allen anderen Säugetieren. So wundern wir uns auch nicht, wenn wir Fledermäuse auf den entlegensten Inseln finden; ja, in Neuseeland ist eine Fledermaus überhaupt das einzige ursprüngliche Säugetier.
Abb. 7. Flughunv auf dem Marsch.
Um so mehr ist freilich dabei zu verwundern, daß Fledermäuse auf anderen Inseln fehlen, so z. B. auf Island,
St. Helena und den Galapagos- inseln.
Noch manches konnten wir erzählen von diesen nächtlichen Luftgestalten; z. B. wie mancher Zoologe ihnen nicht um ihrer selbst willen nachstellt, sondern um seltene Parasiten zu erhalten, die sich im dichten Pelz der Fledermäuse finden. Allein wir fürchten, wenn wir auf dieses bei den wenigsten Menschen beliebte Thema der Flöhe und Konsorten eingehen, möchte mancher Leser sich wieder mit Abscheu von den ungerechtfertigt gehaßten Fledermäusen nbwenden, und ihnen Freunde zu gewinnen, wenigstens das eingewurzelte
Mißtrauen gegen Tiere, die unsere Sympathie verdienen, zu verscheuchen, sollte der Zweck dieser Zeilen sein.
Zum fünfzigjährigen Jubiläum des „Vereins deutscher Ingenieure"
Von Franz Bendt.
er allgemeine Aufschwung den die physikalischen Naturwissenschaften namentlich um die Mitte des vorigen Jahrhunderts genommen haben, hat diesem den stolzen Namen des Zeitalters der Naturwissenschaften ausgeprägt. Damals begannen ihre Jünger in Theorie und Erfahrung diese Errungenschaften zum Nutzen der Allgemeinheit auch praktisch auszumünzen. Waren sonst technische Fortschritte seltene Erscheinungen, so fingen jetzt diese Früchte der physikalischen Forschung an zu reifen, und die Ernte war über die Maßen groß. Die bedeutenden Männer, mit deren Wirken die moderne Technik eng verknüpft ist, erfüllten zum großen Teil in der Mitte des vorigen Jahrhunderts ihre geschichtliche Mission. Die Helmhottz, Siemens, Morse, Faraday, Krupp und so fort stellen die Pfadfinder und Baumeister dar, die dem vorigen Jahrhundert seine eigenartige Stellung in der Weltgeschichte geben. Neben dem ideellen Streben nach der Beantwortung des
„Was" und „Wie" zeigte sich überall ein praktisches Drängen nach Verwendung der Naturkräfte im Interesse des Menschengeschlechts. Das Zeitalter der Technik setzte mit großen energischen Schlägen ein. -—
In den großen Kulturstaaten fand sich damals überall der Boden vorbereitet für strebsame Menschenkinder zur Entfaltung ihrer Kräfte. Die unheilvolle Zerklüftung Deutschlands machte es hier fast allein unmöglich, mit solchen Bestrebungen in Wettbewerb zu treten. Dem deutschen Techniker fehlte z. B. von seiten der Regierung fast jeder Schutz für seine Erfindungen. Die Folge davon war, daß die technische Intelligenz Deutschlands in die Fremde flüchtete — Zum Schaden des Vaterlandes. In so schwerer Zeit haben die deutschen Naturforscher und Techniker rühmlich bewiesen, daß sie die Kraft besaßen, sich jene Einigkeit, die ihnen der Staat nicht bieten konnte, aus eigener Kraft zu schaffen.
Als vor fünfzig Jahren eine Schar junger Ingenieure zur Feier des Stiftungsfestes des Zeichenvereins „Hütte" in schönen Frühlingstagen in Halberstadt zusammentraf und auf froher Fahrt nach Alexisbad im hohen Leiterwagen dahinrollte, da wurde in ihnen der längst gehegte Plan reif, einen Verein der Ingenieure zu gründen, der alle Interessen des deutschen Technikerstandes hegen, pflegen und beschützen solle. Wenn es auch noch kein geeinigtes Deutschland gäbe, heißt es in der späteren Stiftungsurkunde, so sollte doch der Verein deutsch sein und ganz Deutschland umfassen.
Die Stiftung des „Vereins deutscher Ingenieure" war eine Kulturtat ersten Ranges. Die technischen Künste haben der neueren Zeit ihr Kolorit verliehen und zum großen Teil ihren Inhalt gegeben. Der „Verein deutscher Ingenieure" wurde dieser Entwicklung im ganzen Umfang gerecht. Wenn unsere Industrie in den letzten Jahrzehnten in so gewaltiger Weise erstarkte und sich unser Vaterland zu einem Industriestaat hohen Ranges erhob, so hat der „Verein deutscher
Ingenieure" seinen reichen Anteil dazu durch seine Anregungen und Bemühungen beigetragen.
Von Beginn an stand die neue Gemeinschaft unter einem glücklichen Stern. Leitete doch einer der genialsten Technologen den Deutschland damals besaß, der jugendliche Franz Graßhof, seine ersten Schritte und widmete ihm einen großen Teil seiner Arbeitskraft. Der Boden, der so geschickt und Zielbewußt vorbereitet wurde, trug denn auch reiche Frucht. Jede Eroberung auf technischen: Gebiet fand während der letzten fünfzig Jahre im „Verein deutscher Ingenieure" ihre Förderung. Nicht geschwärmt wurde, sondern Taten wurden vollbracht; so hat der Verein auch erzieherisch auf die Stärkung des deutschen Charakters mit eingewirkt. Das gelang um so besser, weil die Großmeister technischen Könnens und technischer Kunst fast alle eifrige Mitglieder des Vereins gewesen sind; ihr Wirken war sein Wirken.
Die dreiundzwanzig Stifter des Vereins hatten es sich zur Aufgabe gemacht, durch Förderung der technischen Wissenschaften, durch Bildung von Bezirksvereinen, die über ganz Deutschland verbreitet werden sollten, und durch Schaffung einer großen Fachzeitung zu wirken. Seitdem spürte man bei jeden: bedeutenden technischen Fortschritt den Einfluß der Vereinigung. Die Geschichte der neueren Technik ist eng mit der Geschichte des „Vereins deutscher Ingenieure" verknüpft.
Bereits in seinem Gründungsjahr hatte der Verein Gelegenheit, in einer wichtigen technischen Angelegenheit sich in: Kampf mit der Rückständigkeit des Beamtentums zu betätigen. Die Dampfmaschine bedarf, um ihr segensreiches Tun ohne Gefahr und in wirtschaftlicher Weise betätigen zu können, der fachgemäßen regelmäßigen Überwachung; diese fehlte damals in Deutschland. Nach englischem Vorbild begann deshalb der Verein, freiwillige Dampfkesselüberwachungsvereine ins Leber: zu rufen, die sich zum großen Teil aus Mitgliedern zusammensetzten. Auch in: weiteren verstanden sie es, die Überwachung der Dampfkessel und Maschinen sicher und zweckmäßig Zu gestalten.
Einer der größten Mängel in: deutschen Wirtschaftsleben während der Mitte des verflossener: Jahrhunderts bestand ir: einer unzureichenden Patentgesetzgel-ung. Das ganze Elend der deutscher: Verhältnisse, unter dem einst unsere Väter seufzten, kam irr: gewerblicher: Rechtsschutz oder besser Nichtrechtsschutz jener Tage zum Ausdruck. Es war die Zeit, ir: der ein preußischer Handelsminister aller: Ernstes der: Patentschutz für schädlich erklären und die Aufhebung der Patentgesetze den Handelskammern empfehlen konnte. Eins der berühmtesten Mitglieder des „Vereins deutscher Ingenieure", Werner Siemens, hat in Gemeinschaft mit seiner: Vereinsgenosser: das Verdienst, dieser: Riesenzopf der Verwaltung beseitigt zu haben.
Wo man auch Hinblicken mag in der Geschichte der Technik und des deutschen Wirtschaftslebens während der letzten fünf Jahrzehnte,