Heft 
(1906) 29
Seite
611
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Janfredrik," hob der Vorsteher nach einer Weile wieder an,du hast zuverlässige Freunde und treue Nachbarn in Schmalenbeek. Und wir all haben, jedereiner dazu getan, daß du dein Haus un Hof in gutem Zustand wiederfindest. Dein Saatkorn liegt auf der Hille, und über das Viehkaufen, und was du sonst brauchst, sprechen wir morgen."

Wieder schwieg Janfredrik. Stumm wanderten sie eine Weile. Dann sprach Ehlers von neuem:Laß dein Flunken nich zu tief hängen, Janfredrik Holm. Das Leben, süh, das is wie so'n heißen Sommertag. Das gibt da Sonnenschein in un Sturm un Unwetter auch. Und wir Menschen müssen das hinnehmen, wie Gott will. Du hast dir vergessen un hast dein Bestrafung abgesessen. Nu mach' da einen Strich unter, Janfredrik. Hier in Schmalenbeek is keiner, der sich nich freut, daß du da wieder bist."

Sie standen vor Holms Haus. Da tat der Heimgekehrte endlich die Lippen voneinander und antwortete:Doch, Vor­

steher Ehlers, da is ein, der hat das Freuen verlernt. Un der ein, das bin ich."

Er sprach nicht sein heimisches Platt. Ohne daß er's wollte, kam Hochdeutsch ihm auf die Lippen. Das Gefühl, daß etwas ihn fortan von seinen Mitbürgern schied, das nicht wegzulöschen, nicht zu vergessen sein würde, machte es ihm unmöglich zu sprechen, wie er einst gesprochen hatte.

Ehlers stieß die Tür auf und entzündete die kleine Öl­lampe am Herdhimmel. Bis auf die leeren Viehstände sahen Diele und Flett ganz wohnlich aus. Der Boden war rein gefegt. Sauber glänzten die Töpfe auf ihren Borden. Im Feuerloch lag der Torf zum Anstecken bereit, ein Stück Schinken, Brot und Butter warteten auf dem Tisch.

Akkurat als ob er da noch wär'."

Plötzlich, ununterdrückbar überkam Janfredrik ein wil­des Schluchzen, das volle Bewußtsein seiner Einsamkeit. Er stürzte auf das Mosaikpflaster des Fletts, das Brün und er gemeinsam ausgebessert hatten, stieß die Stirn gegen die Steine.

Ich war besessen, besessen, besessen! Der Teufel hat mir die Hand geführt!"

Ehlers empfand diesen Gefühlsausbruch peinlich, als eine Verletzung herber Manneswürde. Aus Scham für den am Boden Liegenden ging er sacht aus der Tür.

Janfredrik hörte den Schritt verhallen. Er fühlte in seinem nüchternen Sinn selbst das Beschämende, Nutzlose,

fast Unanständige seines Ausbruchs. Aber seine knorrige Kraft war in drei hinter Gefängnismauern verbrachten Jahren gebrochen. Er konnte sich nicht zügeln. Er schrie, er brüllte um seine Tat und den Gefährten hier an der Stelle, wo von Brüns Weser und Wirken jeder Gegenstand die Spur trug.

Als der Schmerz abflaute, fühlte Janfredrik sich zu matt, um in fein Bett zu kriechen. Angekleidet, auf den Steinen des Fletts, neben der kalten Feuerstätte fiel er in die bleierne Bewußtlosigkeit äußerster Erschöpfung.

Der Morgen kam, die Nüchternheit des Morgens. Vor Janfredrik lag die Arbeit, die getan sein wollte, ein ver­ödeter Hof, den er zum Leben erwecken, brachliegende Fel­

der, die er der Fruchtbarkeit Zurückgeben sollte. Er schüttelte die steif gewordenen Glieder, hastig von dem Brot auf dem Tisch. Arbeiten! Arbeiten! Vielleicht brachte ihm das Vergessen.

Doch als er beginnen wollte, sah er, daß das Arbeiten nicht so einfach war. Er war zweisam gewesen zu allen Ver­richtungen - nun war er einsam. Er brauchte Vieh, er

brauchte Futter. Er brauchte einen Knecht. Wie sehr er sie scheute, er brauchte Menschen.

Als er noch um den Mut rang, sie aufzusuchen, kamen sie schon zu ihm, schwerfällig und ernsthaft wie ihr Heimat­boden und voll verborgener Güte und Milde wie er. Ehlers, Jan Meier-Elüvers, Laiwesen, eine ganze Schar. Aus ihren Schultern trugen sie Säcke, Packen, Körbe, an Stricken

führten sie Ziegen und Ferkel. Jeder schleppte oder zog seine Gabe auf die Diele vor den vor Bewegung stummen Mann, drückre ihn: die Hand und sagte seinen Spruch, jeder denselben.

Gu'n Dag ook, Janfredrik Holm. Dat's got, dat du dr wedder büst. Un dat dor wardst woll vör'n Anfang bruken künn'."

Es waren auch Frauen mitgekommen. Die räumten flink die Grütze und Butter in den Schrank, führten Ferkel und Ziegen in ihren Stand und öffneten den Hühnern die Körbe.

Wenn du 'n Kuh brauchst," sagte Ehlers,ich Hab' ein, die wollt' ich nach Scharmbeek aufm Markt treiben. Falls sie dir ansteht, können wir das ja gleich hier richtig machen."

Die tatkräftige Freundlichkeit seiner Dorfgenossen tat Jan­fredrik doch wohl. Wie er zwischen ihnen stand, schien's ihm, als würde der schwankende Boden unter seinen Füßen wieder fest, als würde er vielleicht doch wieder unter ihnen leben können ein Gleicher unter Gleichen, kein Gezeichneter.

Nahwers," sagte er, während er wieder und wieder ihre harten Hände drückte,Nahwers, das vergeß' ich euch nich. Das werd' ich euch wahrhaftig nich vergessen."

Er ging gleich mit Ehlers, um die Kuh zu sehen.

Des. Vorstehers Mutter, die Matrone der Familie, saß noch aufrecht am Feuer und bewachte den Grütztopf. Alheid trat ihm entgegen, gab ihm wortlos die Hand. Unverändert schien ihr längliches Gesicht unter dem silberblonden Scheitel, unverändert der herb zuverlässige Blick der Hellen Augen. Und wie sie vor ihm stand, schlank und ruhig, in der kühlen Reinheit, die sie umfloß, die ganze Erscheinung verfeinert, durch­geistigt durch das Leid, das sie um ihn getragen hatte, da schoß es ihm durch den Sinn, daß bei dieser Frau der Friede wohne, daß ihr wie den weisen Frauen aus alten Sachen wohl die Macht gegeben sei, von Schuld zu entbinden, ein ent­weihtes Haus neu zu heiligen durch ihre Gegenwart.

Sie sprachen kein Wort, sie drückten einander nur die Hände.

In beiden waren die letzten Reden lebendig, die sie am Brunnen draußen gesprochen hatten, die Prophezeiung des Mädchens, das seine Liebe zur Seherin gemacht hatte.

Die gekaufte Kuh am Strick wanderte Janfredrik heim. Er besorgte seinen Hausstand, kochte sein Essen mit hastigen Bewegungen in einer Eiligkeit, die ihn: sonst nicht eigen gewesen war. Die Schatten in den Winkeln der dämmerigen Diele erfüllten ihn mit seltsamer Unruhe. Er hastete, hinaus­zukommen auf das freie Feld, in die stechende Tageshelle, die keine Schatten sich zusammenballen läßt.

Die Kuh hatte er eingespannt. Es war hohe Zeit, den Boden umzubrechen für die Wintersaat. Während er den Pflugsterz in das hart gewordene Erdreich drückte, war Andacht in seiner Seele, eine ihm fremde Demut. Als ein Glück über Verdienst empfand er's, daß er wieder den eigenen Boden bestellen durfte, ein freier Mann. Emsig zog er Furche, auf Furche, kämpfte mit zusammengebissenen Zähnen gegen die Mattigkeit, die ihn ob der lang' entwöhnten Anstrengung befiel. Nicht rasten! Arbeiten! Arbeiten!

Aber in der frühen Herbstdümmerung nahin das junge Birkengestrüpp seltsam verschwimmende Formen an. Es war ein unheimliches Leben in den Fetzen von schweflig leuchtendem Gelb, die noch am entblätterten Gesträuch hingen. Sooft er sich dem Ackerrand nahte, senkte er scheu die Augen. Beobachtete ihn nicht ein weißes Gesicht zwischen den gelben Blättern hervor? Strich es nicht wie Klage über den blei­farbenen Tümpel dort?

Plötzlich stand der Pflug. Beide Hände preßte Janfredrik auf sein wie ein Hammer pochendes Herz.

Da war ein Ruf gewesen, eine Frage. Hatte seine eigene Seele sie getan? Der Nachtwind? Oder einer, den Menschen­augen nicht mehr sahen, der doch gegenwärtig war?