Heft 
(1906) 29
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Nein, er war doch nicht wie die andern, konnte nie wieder werden wie sie. Er hatte eine Erfahrung vor ihnen voraus: das in Entsetzen verzerrte Gesicht, die brechenden Augen Brüns.

Seine Hände hatten nicht mehr die Kraft, die Schärfe des Pflugs ins Erdreich zu drücken. Mit knickenden Knien, das bedächtige Zugtier ungeduldig nach sich zerrend, flüchtete er aus der freien Weite in die umschließenden Mauern. Aber es ward drinnen nicht besser. In der Stille, die so groß war, daß er meinte, das leise Rinnen der Zeit zu hören, in der Einsamkeit brachen die Gedanken aus ihren Schlupfwinkeln, Heere quälender Erinnerungen und Vorstellungen. Diele und Wett waren voll von ihnen.

Er zündete eine Kerze an, setzte sich in die Stube. Die Bibel legte er auf den Tisch, begann zu lesen. Mit dem Finger die Zeilen entlang fahrend, las er die oft gelesenen Stücke. Und immer weiter. Er hatte nicht das Herz, die Augen Zu heben. Er fürchtete sich, er wußte nicht wovor. Aber die Buchstaben verschwammen endlich vor ihm. Sein Gesicht sank auf die Blätter.

Mit einem gräßlichen Schrei fuhr er auf. Hier am Tisch hatte einer gestanden, er hatte ihn deutlich gesehen, nimmer würde er es sich ausreden lassen, hatte mit weißen Lippen, nicht zornig, traurig nur gemurmelt:Warum hast du mir

das getan, mein Bruder? Ich war jung, ich mochte gern leben. Ich Hab' dich nie gekränkt. Bruder Janfredrik, warum hast du mich ermordet?"

Janfredrik riß den Leuchter vom Tisch. Mit hoch er­hobenem Arm leuchtete er rings um sich. Da war nichts. Er verriegelte die Stubentür, verkroch sich im Bett. Aber ob er gleich die Bettüren zuzog, den Kopf tief in die Kissen ver­grub, er hörte die ganze Nacht draußen vor den Fenstern eine feine Stimme:

Komm mit! Komm mit! Was willst du noch bei den Lebendigen? Zu denen gehörst du nicht mehr. Du ge­hörst zu mir, mein Bruder Janfredrik. Ich führe dich. Komm mit!"

Fast erfüllte Janfredrik mit Zorn, was er erlebte. Hatte er nicht seine Sache dem Menschengericht übergeben? Das hatte ihm die Buße festgesetzt. Er hatte sie getragen ohne Murren in dem naiven Zutrauen, daß seine Seele dadurch .frei werden würde. Aber kaum kehrte er zurück in die ge­wohnte Umgebung, so fühlte er den Segen dieser Buße Hin­schmelzen wie Frühjahrsschnee. Umsonst der Losspruch von Richter und Dorfgenossen. In seiner eigenen Brust der Richter wollte nicht lossprechen, und der Schatten des Erwürgten reckte sich zürnend vor ihm auf und forderte bessere Sühne.

Vor Tau und Tag war er auf dem Acker. Er wollte sich Frieden erzwingen, wollte die Angst nicht Herr über sich werden lassen. Und plötzlich stieg sie doch so hoch, daß er alles stehen und liegen ließ, zum Nachbarhof hinüberlief, Menschen Zu sehen, Menschen sprechen zu hören, sich an der Seite von Menschen sicher zu wissen vor Gespenstern. Und am Abend saß er stumm, in sich gekehrt, an einem fremden Herd.

In der Nacht stand Brün Lorensen trotzdem wieder an seinem Bett, fragte mit leiser, trauriger Stimme:Warum

hast du mich ermordet, mein Bruder?"

Vier Tage kämpfte Janfredrik einsam. Dann faßte er

seinen Mut zusammen, vertraute sich dem Schullehrer. Der glaubte nicht an Gespenstererscheinungen toter Leute, wohl aber an die zerrütteten Nerven Lebendiger. Er gab Jan­fredrik eine Mixtur mit der Versicherung, daß sie alle Spuk­gestalten bannen würde. Er sprach auch mit Vorsteher Ehlers. Man dürfe Janfredrik nicht sich selbst überlassen. Er sei auf dem Weg, sich Torheiten in den Kopf zu setzen.

Am nächsten Tag, als er vom Feld heimkehrte, fand er seinen Kessel dampfend, die Mittagsgrütze und frischgebackenes Brot auf dem Tisch. Alheid hatte sich den Rock aufgesteckt und wusch ihm Flett und Diele auf.

Dat du dat ook en beten akkurat Heft, as sik dat vor di hürt. Ji Mannslüe verstecht dr nix vun."

Sie hielt sich nicht auf. Kaum daß sie ihm die Hand gab.

Von ihrer lieben Gegenwart blieb doch etwas wie Frieden im Haus hängen. Und Janfredrik saß den langen Abend und grübelte, wie es jetzt sein würde, wenn er ihr nicht die Treue gebrochen hätte, wenn sie seine Frau geworden wäre. Dann wohnte das Glück in seinem Haus, die Wirtschaft gedieh, die Vorräte häuften sich in den Truhen. Liebe Kinder­chen sähen ihn mit Alheids ehrlichen Augen an, riefen ihn Vater, und Brün Brün wohnte bei ihnen in Kraft und Jugend, und sein Frohsinn würfe Sonntagsglanz über jede Alltagsstunde.

Es wurde aber nicht besser mit chm trotz der Tränkchen des Lehrers. Mitten in der Arbeit überkam es ihn, daß er die Arme sinken ließ, untätig der einen Frage nachsann, die Brün chm in jeder Nacht wiederholte:Warum?"

Er sah Brün jetzt auch am Tag. In der Schattenecke hinter den Pferdeständen stand er, wartete.

Janfredrik Holm," sagte Ehlers eines Tags,hier in Schmalenbeek is keen, de di helpen kann. Ook use Schol- meester weet vun sökke Saken nich Bescheed. Du schüllst mol to'n niegen Pastor in Grasdorf gähn. De het 'fief Johren up nix anners studeert, as wo he Sünners met ehrn Herr­gott wedder utsöhnen künn. De mutt woll en Rat vör di weeten."

Am nächsten Sonntag ging Janfredrik zum Pastor.

Es war ein junger Mann von der Geest, der Bibel und Kirchenlehre gut kannte weniger gut die Anschauungen der Moorleute, dieses kräftigen friesischen Stammes, auf dem das Christentum nur als loses Pfropfreis haftet, in dessen Verständnis das Alte Testament mit seinem Aug' um Auge, Zahn um Zahn sehr wohl eingeht, dessen eigenster Empfindung der Begriff Vergebung aber immer etwas Fremdes bleiben wird, fast etwas nicht ganz Anständiges, weder für den, der Übeltat vergibt, noch für den, der sie sich vergeben läßt.

Er sprach, wie Amt und Überzeugung ihn hießen, wies mit eifrigen Worten auf das Blut Christi hin, das zur Vergebung für alle Sünder geflossen sei, und dessen Wunder­kraft jeder einzelne durch herzlichen Glauben sich zu eigen machen müsse.

Janfredrik sann nach.Das is swer, Herr Pastor. Könnt' ich mein Schuld nich lieber abpflügen, abackern? Ich mein', irgendwie abarbeiten?"

Fast erschrocken schüttelte der Pastor den Kopf. Nein, nein. Keine äußere Tat. Im Geist müsse die Wandlung geschehen. Eine völlige Wiedergeburt durch den Glauben.

Janfredrik hörte zu. Endlich antwortete er:Ja, Herr

Pastor, das seh' ich ein, das mag ganz gut angehen, daß der liebe Gott mir vergibt. Weil er mit der Ewigkeit rechnet, macht es für ihn ja nich ganz viel aus, ob ich ihm Brün eine kurze Zeit früher zuschicken tat, als er ihn haben wollt'. Es is man, daß Brün mir nich vergibt, den ich sein Leben gestohlen Hab', Jahrens, viele glückliche Jahrens, Frau und Kinders, die er hält' haben können un daß ich mir nich vergeben kann, daß ich das getan Hab', Herr Pastor. Ich nich, verstehen Sie? Ich nich ich nich."

Gegen den Schluß wurde seine ruhige Rede leidenschaftlich. Er stand hochaufgereckt. Etwas Erschütterndes lag in diesem Aufschrei eines dumpf verschlossenen, stolzen und starren Menschen. Den jungen Seelsorger in seiner Sicherheit durch­schauerte zum erstenmal die Ahnung, daß es Seelen und Leiden gäbe von solcher Art, daß aller Trost der Kirche, den er zu spenden wußte, davor versagte.

Ungetröstet, unerleichtert stapfte Janfredrik nach Schmalen­beek zurück. Die Winterdämmerung brach herein, als er sein Haus erreichte. Zögernd, fast furchtsam öffnete er die

Tür. Da sah er Feuer auf der Herdstätte glimmen. Am

Herdhimmel brannte das Lämpchen. Der Kessel dampfte. Al­heid stand davor.