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Ihm war's wie einen: Kind, das sich im Dunkeln gefürchtet hat und unerwartet seine Mutter vor sich stehen sieht. Süße Beruhigung überkam ihn. „Du! — Du."
„Du Heft jo keen Minschen." Sie schöpfte geschäftig die fertige Grütze in die Schüssel, schnitt Brot und Wurst. Er stand, sah ihr Zu.
„Wat hatt de Pastor seggt, Janfredrik?"
Er runzelte die Stirn, legte sein Gesangbuch weg. „Der weiß auch nix."
Sie sah ihn an. Da er aber nichts redete, vor sich hinstarrend am Feuer stand, nahm sie leise ihr Tuch, ging Zur Tür.
Da wendete er sich erschrocken um. „Hast Zu tun, Alheid?"
Sie schüttelte den Kopf. „Hüt is jo Sünndag."
„Dann bleib noch, bleib. Ich bitt' dich."
Alheid legte das Tuch wieder hin. „Wenn du dat
hebben magst."
Er saß jetzt am Tisch und sah ins Leere. Sie störte ihn nicht. Ganz ruhig hielt sie sich am Herd. Eine Weile schwiegen beide.
Plötzlich stand er auf, holte die Bibel aus der Stube, schlug sie auf, nahm ein vertrocknetes Kräutchen heraus, wies es ihr. „Weiße Heide. Die is von ihm. Ich Hab' sie ihm aus dem Knopfloch gerissen, weißt, damit daß er nich sterben sollt' — ich!" Er lachte traurig. „Verstehst das?"
„Janfredrik," sagte Alheid innig, „wenn Brün seihn künn, wo du di afhärmst, dat würd' em de Ruh im Grass nehmen."
„Nee!" widersprach Janfredrik lebhaft. „Er kommt ja immers mir zu mahnen."
Alheids Augen füllten sich mit Tränen, sie hielt seine Hand fest. „Janfredrik, du büst to veel allem. Du mötst een hebben, der üm di sorgt, di behüd'd."
Sie stockte. Ihre Augen waren den seinen begegnet. Mit seltsamem Ausdruck sah er sie an. Der gleiche Gedanke war in ihnen beiden, und einer las ihn im Blick des andern, der Gedanke, was hätte sein können.
„Jo," sagte er mit erstickter Stimme, „gegen dich Hab' ich auch als ein flechten Kerl gehandelt. Du solltst hohnlachen — und du weinst um mich."
„Janfredrik, dat Minschenhart ännert sich nich as de Maand. Wiens kann nich anners. Dat föhlt dien Glück met di un dien Leed ook."
„Alheid — Alheid —"
Eine heiße Hoffnung stieg in ihm auf. Die Versuchung trat an ihn heran, mächtig, übermächtig in der stillen Stunde, vor dem Mädchen, in dessen treuen Augen er Liebe las, Ergebenheit trotz allem, über alles hinweg bis ans Ende. Ein Schatz war da vor ihm, so köstlich, so einzig, wie es ihn in
der Welt nicht zum zweitenmal gab, er brauchte ihn nur Zu heben, und sein von hoffnungsloser Qual zermürbtes Herz wurde schwach. Sie an sich reißen, an eine warme Menschenbrust sich flüchten vor dem rachgierigen Schatten, nicht Mehr allein sein! Von warmen Händen sich die Falten von der Stirn streichen zu lassen — nicht mehr allein sein in der fürchterlichen Einsamkeit seiner Schuld, von der aus keine Brücke zu der übrigen Menschheit führte.
„Janfredrik!" sie neigte sich zu ihm. Sie flüsterte. „Jk hebb di leiw. Dat schallst weeten. Wat du ook dohn Heft, wat du ook noch dohn muggst — ik hebb di leiw."
„Nee, nee, nee!"
Er riß sich los. „Brün in sein kaltes Grab — und ich ein glücklichen Menschen! Das darf nich sein! Das siehst."
Er ergriff die Bibel, blätterte drin, wies mit bebendem Finger auf eine Stelle. „Unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde, die sein Blut getrunken hat. Das hat Gott zu Kain gesagt — zu mir auch. Ich muß allein sein, allein bleiben — allein mit ihm, Brün. Siehst das, Alheid?"
Der Rosenschimmer auf ihren Wangen war erblichen.
„Jo, Janfredrik, ik süh dat."
Er faßte wieder ihre Hand, drückte sie schmerzhaft. „Alheid, das weißt nich, daß es das Schwerste ist, was ich für Brün tun kann?"
„Doch!" antwortete sie leise.
„Und du bleibst mir gut?"
„So lang, as ik liv, bliff ik vör di, wat ik vun Anbeginn was. Jk kann nich anners", sagte sie einfach.
Er beugte sich, küßte sie. Schwer ging sein Atem.
„Wie hebb keen Glück, keen Glück, mien Bern."
„Wi doh, wat wi möt", sagte sie. „Jk wutt nich, dat du anners wörst, as du büst, Janfredrik."
„Alheid!" Er haschte noch einmal ihre Hand. Noch einmal kam die Versuchung in ihrer ganzen Macht über ihn. Er bezwang sich. „Geh nu zu Haus", sagte er rauh.
Er legte den Arm auf die aufgeschlagene Bibel, die Stirn auf den Arm. So saß er, während die Stunden unbemerkt über ihn wegglitten, wieder und nochmals und immer wieder den schweren Kampf in sich durchkämpfend, in dem er blutenden Herzens den Sieg gewonnen hatte, immer wieder die Versuchung niederkämpfend, aufzuspringen, zum Haus des Vorstehers hinüberzujagen, zu schreien: „Gib mir deine Schwester,
Ehlers. Ich will nicht ausgestoßen sein! Ich will ein Mensch sein wie ihr andern. Ich will eine Frau haben, Kinder, ich will wissen, für wen ich arbeite."
Sein starrer Gerechtigkeitsinn siegte immer wieder. Brün im kalten Grab und er ein glücklicher Mensch! Nein, es ging nicht! (Fortsetzung folgt.)
-O-
Aus hundertjährigem Jungbrunnen.
„Des Knaben
Von Ernst
n der Berliner Jahrhundertausstellung hing ein kleines, bescheidenes Bild, an dem gar mancher achtlos vorübergegangen sein mag. Es heißt „Auf der Brücke", und Meister Schwind hat es gemalt. Stromabwärts sieht nran in eine heitere Hügellandschaft, ein treues Kirchlein steht Zur Seite, fern, von einer der Höhen, grüßt die Burg. Auf der Brücke selbst aber ist ein lebhaftes Treiben. Die Alte schiebt mühsam ihren mit Gemüse beladenen Schubkarren; ein Soldat, das Gewehr auf der Schulter, geht vorüber, ein Mägdlein blickt sinnend in das Wasser; das Ehepaar stolziert behaglich untergefaßt; der wandernde Handwerksgesell aber, in Flausrock und Mütze, das Ränzel auf den Schultern, den Knotenstock in
Wunderhorn".
Leilborn.
der Hand, die Pfeife im Mund, kehrt eben der Stadt seinen Rücken, sein Heil da draußen, irgendwo in der Fremde, zu erproben.
Als ich das Bild zum ersten Male sah, mußte ich des deutschen Volksliedes gedenken. Hatte der wandernde Handwerksgesell es mir angetan, oder war es das zufällige Zusammen vieler, einander Fremder, deren Schicksale hier seltsam in verwandtem Ausdruck Zusammengefaßt scheinen? Ich weiß es nicht. Nun aber fügt es sich, daß auch das deutsche Volkslied eine Art Jahrhundertfeier, nicht die des Geburts-, doch, wenn man will, des Namenstages begehen kann. Denn hundert Jahre sind vergangen, seit Achim von Arnim und Clemens Brentano