den ersten Band ihrer Sammlung „Des Knaben Wunderhorn" veröffentlichten.
Etwa zwanzigjährig hatten die beiden um die Jahrhundertwende als junge Jenenser Studenten den Plan zu ihrem großen Sammelwerk gefaßt; sechs Jahre gingen noch ins Land, ehe er zur Ausführung kam. Nun muß man sich die beiden nicht, selbst Wanderburschen gleich, das Land durchziehend denken, obwohl sie auch manches nur mündlich überlieferte Lied aufschrieben und zu ihren Zwecken gemeinsam eine Rheinreise unternahmen: vielmehr, eine stille und emsige Gelehrtenarbeit wurde hier getan. Manches alte fliegende Blatt, Handschriften der Minne- und Meistersänger, vergilbte Gesangbücher und Jahrmarkts drucke, doch auch die Liederbücher bekannter Dichter des siebzehnten Jahrhunderts lagen auf dem Schreibtisch, und die nächtliche Lampe Zog die jungen Forscher in ihren friedlichen, gelben Kreis. Und doch war es wieder nicht Gelehrtenarbeit in unserm Sinn, die sie leisteten! Es kam diese jungen Dichter keine Scheu an, selbstmächtig zu ändern und zu bessern, manch eigenes Lied, das ihnen in seiner Weise volkstümlich klang, wurde mit eingeschmuggelt. Trotz Goethes herzlichem Willkommen stieß „Des Knaben Wunderhorn" bei seinem Erscheinen denn auch auf heftigen kritischen Widerspruch, und leidenschaftlich wetterte der alte Joh. Heinrich Voß darein, in seinen klassizistischen Idealen, aber auch in seinem Verlangen nach philologischer Gründlichkeit verletzt. Man tat den jungen Dichtern unrecht! Nur so, wie sie es angefaßt hatten, aus jener großen Liebe und jenem holden Leichtsinn heraus, konnte eine Sammlung entstehen, lebensvoll in sich, wie das Volkslied selbst immerdar jung bleiben wird.
Nun tut sich in des „Knaben Wunderhorn" doch noch eine andere, sehr viel gewaltigere Brücke auf, als die auf dem lieblichen Schwindschen Bild: die des Lebens selbst, die
von dem dunklen Gestade in das unbekannte Land hinüberführt, ein kurzer Steg im Sonnenschein, zwischen den Finsternissen verankert. An dem Handwerksburschen, der sein Liedchen trällert, fehlt es auch hier nicht. Soldaten ziehen vorüber. „Es ist nichts lustiger auf der Welt und auch nichts so geschwind als wir Husaren in dem Feld, wenn wir beim Schlachten sind". Sehr viel lebhafter aber als die Freuden des uniformierten Standes treten dem Volk dessen Leiden entgegen. Die einsame Schildwache auf nächtlichem Feld singt das Lied vom Liebeskummer. Den armen Tambourgesellen begleitet man zum Galgen. Dem Schweizerbuben, den des Alphorns Klang zur Fahnenflucht verleitet hat, gilt eins der schönsten Volkslieder deutscher Zunge: „Zu Straßburg an der Schanz, da
ging mein Trauern an . . ."
Der Bettler steht am Weg, und er macht mit lustigem Augenblinzeln sein Recht an des Reichen Beutel geltend. Dem Bettelvogt, der den armen Burschen in den Stock legt, ist das schlimmste Schicksal nur eben billig, und das Ende vom Liede will, daß der Vogt am Galgen schaukelt, der Bettler aber die junge Witwe tröstet. Der Krüppel beschwichtigt sich wohlgemut damit, daß der liebe Herrgott, als er ihm den Rücken geschaffen, seine Kurzweil ganz besonders daran geübt habe. Für den Wegelagerer, den Strauchdieb, den bayerischen Hiesel hat man das beste, teilnahmvolle Verständnis. Sogar für den Raubritter, der durch Verrat der rächenden Justitia in die Hände fällt, ist man voll Sympathie.
Die Gewerke rücken nacheinander auf den Plan. Das Lied vom Schmied läßt die alte Form der Geselleneinkehr und -frage neu erstehen. Der Schneider ist kein Held; seine Abenteuer sind mannigfaltig. Ihrer drei nehmen einmal eine Schnecke für einen Bären und bestehen den Strauß kläglich. Begegnet ihnen ein Bock, so ist für Schimpf und Schande gesorgt. „Und als die Schneider recht lustig waren, da hielten sie einen Tanz, da tanzten ihrer neunzig, neunmal neunundneunzig auf einem Geißenschwanz". Doch weiß das schwache Schneiderlein in der Hölle den Teufeln so tüchtig am Fell zu flicken, daß sie Reißaus nehmen. Und eine seltsame Symbolik führt in des Schneiders Werkstatt einmal die Parzen, so daß
die Schere des Handwerksmeisters und die der Schicksalsgöttin bedeutungsvoll durcheinander klappern. Eine ähnliche Symbolik ruft auch die Bergknappen und Weinbauer zum mystischen Dienst in Gottes Bergwerk und Weinberg auf. Der Schreiber wiederum erscheint als komische Figur, wenn ihn ein andermal auch sein Amt den Fürsten nahestellt. Schwebt er im Korb an der Winde, in den ihn das falsche Liebchen gelockt hat, so ist die Spottlust größer als das Mitleid. Die zärtliche Schäferdichtung des 17 . Jahrhunderts bringt den Schäfer mit seinen Lämmern, Jesus selbst tritt mehrfach als Daphnis auf. Der Jäger zieht ins Feld, ein Wild stellt sich ihm zum Schuß und siehe! plötzlich hat es sich in ein schwarzbraunes Mädchen verwandelt. Hin und wieder trifft das Blei sie ins Herz, daß sie sterben muß, es kommt aber auch vor, daß sie ihr Jung- sernkränzel nur mit der Haube zu vertauschen hat. Ein feierliches Hochzeitskarmen auf Kaiser Leopoldus wird nach solcher Jägerweise gedichtet. Hier aber tritt auch das entgegen, was für das Empfinden des Volkes so rührend Zeugnis legt: religiöses und weltliches Gefühl spielen durcheinander. Der Gassenhauer wird zum Kirchenlied, das Kirchenlied zum Gassenhauer. Ein Jägerlied hebt an:
„Es wollt ein Jäger jagen Dort wohl vor jenem Holz,
Was sah er auf der Heiden?
Drey Fräulein hübsch und stolz."
Im Kirchenlied aber heißt es:
„Es wollt gut Jäger jagen.
Wollt jagen auf Himmelshöhn,
Was begegnet ihm auf der Heiden?
Maria, die Jungfrau, schön."
Schier unerschöpflich wie das Leben selbst ist die Stofffülle in diesen Gedichten. Hier stammelt die Liebe, aber sie pocht und trotzt auch auf. Die Standesunterschiede stellen sich trennend zwischen die Liebenden — einmal ist's gar die Frage nach dem leidigen Geld — und oftmals wiederholt sich der Gang von Abschiednehmen zu einem Wiederfinden auf der Bahre oder im Kloster; ein Traum hat inzwischen den treulosen Buhlen gewarnt. „O du verdammtes Adelleben! O du verdammter Fräuleinstand! jetzt will ich mich der Lieb ergeben, der Adel bricht mein Liebesband: Ach dacht ich oft bey mir
so sehr, ach wenn ich nur kein Fräulein wär". Ein wenig hartherzig wird gelegentlich die Probe der Treue angestellt; ist aber die Geliebte wahr erfunden, so blasen die Trompeten um so lustiger zur Hochzeit. Sehr häufig sind die Foppereien der Liebe, schnippische Fragen werden gestellt, und wenn ihr der Schalk im Nacken sitzt, so weiß er sich mit einer andern, Zahmeren zu trösten. Guter Humor und Leichtlebigkeit finden hier ihren erquickenden Ausdruck, und der alte Botengruß ist noch heut aus aller Lippen:
„Wenn du zu meinem Schützet kommst,
Sag: ich ließ sie grüßen,
Wenn sie fraget, wie's mir geht,
Sag: auf beyden Füßen.
Wenn sie fraget: ob ich krank?
Sag: ich sey gestorben.
Wenn sie an zu weinen sangt,
Sag: ich käme morgen "
Sehr viel ernster, befremdlich melancholisch sogar wird der Ehestand aufgefaßt. Dem lustigen Burschen begegnet im Wald ein Jüngling, der ein schweres Joch trägt, an Füßen und Armen stählerne Ketten schleppt. Auf Befragen meldet er, daß er der Ehestand dieser Welt sei, und macht damit dem Burschen zum Heiraten übel Lust. Aber auch die Braut, die ihr Kränzlein ablegt, wird beklagt. „Meine Mutter hat nur ein schwarzbraune Kuh, wer wird sie denn melken, wenn ick heiraten tu?" Wenn die andern zu Tanze gehen, muß sie an der Wiege sitzen, und aus dem Ringlein ist gar bald eine schwere, drückende Kette geworden.
Ob nun aber die Hochzeitsglocken läuten, oder ob es nur ein verliebtes Stelldichein am Brunnen gilt, immer lugt das „schwarzbraune Mädchen" aus diesen Liebesliedern. Ein bißchen