Heft 
(1906) 29
Seite
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trotzig, ein bißchen ernst, spröde und verliebt zugleich, auf­opferungsvoll und leichtfertig, ist sie es, deren braune Locken zum Netz werden, in dem sich der Bursche verfängt. Ist es nicht, als stehe sie leibhaftig vor dir mit den schelmischen Augen und dem Kranz aus dunkelrotem, gar leicht entblättertem Mohn in ihrem Haar?

Auf der großen Harfe dieser Volkslieder stellt die Liebes­lyrik gleichsam nur eine Saite dar. Es schäumt auch der Wein im Becher, und hier findet sich das köstliche, noch heute viel gesungene Trinklied:Die liebste Buhle, die ich Han, die liegt beim Wirt im Keller". Daneben wird mit dem Wächter auf dem Turm Zwiesprache gehalten, Rätselfragen werden gestellt und prompt gelöst, die alte Form des Wettstreits, ein­mal zwischen Wein und Wasser, stellt sich ein. Was immer die Menschen drei Jahrhunderte hindurch bewegt hat, gewinnt hier seinen Ausdruck. Von Turnieren wird gesungen und von blutigen Schlachten, Ausschnitte aus Chroniken werden lebendig, aber auch zu Bluthochzeiten und Mordtaten steigt das Bänkel­sängerlied hinab, während sich das religiöse Gedicht aus leichten Schwingen zu Jesu und Maria in den Himmel wagt. Sehr häufig sind Märchenmotive, denen sich Zauberformeln gesellen. Als beinah gleichberechtigt treten die Tiere neben die Menschen, und ein gutes Mitleid, das die Jagdlust nur selten verdrängt, nimmt sich ihrer an. Unbestrittener Liebling ist der Kuckuck, wenn auch die Liebende es vorziehen mag, mit der Nachtigall Zwiesprache Zu halten. In dem LiedDer Star und das Badewännlein" findet sogar das alttestamentliche Motiv, dem­zufolge Gott sich der Tiere als seiner Boten bei den Menschen bedient, Verwendung: durch den Star kommt es an den Tag, daß die arme Magd ein geraubtes Fürstenkind ist; der ihr noch eben Gewalt antun wollte, erkennt sie als seine Schwester und führt sie zur Mutter heim.

Immer drängt die Volksdichtung neben der ja freilich imWunderhorn" auch viel alte Kunstdichtung steht zur dramatischen Form. Ganz unvermittelt stellt sich direkte Rede ein, um alsbald von Gegenrede abgelöst Zu werden. Der alte Spruch, den Arnim vom Giebel eines Schweizer Hauses abgeschrieben, gibt erst Teil, dann seinem Kind das Wort. Aus der dramatischen Form aber erwächst das, was ich das Flackernde dieser Volkslyrik nennen möchte. Es ist etwas darin, das an Rembrandt erinnert. Grell fällt das Licht nun hierhin, nun dorthin, schwere Schatten lagern dazwischen. Fast jeder neue Vers überrascht. Ist das Gedicht aber verklungen, so rücken die vorher befremdenden Einzelzüge zusammen, Tragik und Groteske durchdringen einander, ein Schauer erfaßt ' das Gemüt, als hätte man das Leben selbst in seinem bizarren, dennoch naturnotwendigen Werdegang belauscht. Aus dieser reichen Krone eine Perle:

Maria, wo bist du zur Stube gewesen?

Maria, mein einziges Kind!

Ich bin bei meiner Großmutter gewesen,

Ach weh, Frau Mutier, wie weh!

Was hat sie dir denn zu essen gegeben?

Maria, mein einziges Kind!

Sie hat mir gebackene Fischlein gegeben,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Wo hat sie dir denn das Fischlein gefangen?

Maria, mein einziges Kind!

Sie hat es irr ihrem Krautgärtlein gefangen,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Womit hat sie denn das Fischlcin gefangen?

Maria, mein einziges Kind!

Sie hat es mit Stecken und Ruten gefangen,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Wo ist denn das übrige vom Fischlein hinkommen?

Maria, mein einziges Kind!

Sie hat's ihrem schwarzbraunen Hündlein gegeben,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Wo ist denn das schwarzbraune Hündlein hinkommen?

Maria, mein einziges Kind?

Es ist in tausend Stücke zersprungen,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!

Maria, wo soll ich dein Beltlein Hinmacheu?

Maria, mein einziges Kind!

Du sollst mir s auf den Kirchhof machen,

Ach weh, Frau Mutter, wie weh!"

Goethe schrieb in seiner ausführlichen Besprechung, die er demWunderhorn" widmete, über dies Gedicht die lapidaren Worte:Ties, rätselhaft, dramatisch vortrefflich behandelt". Es mag sich dennoch dem modernen Hörer nicht gleich, bei einem ersten Lesen, erschließen: an eine gar so andere äußere poetische Formengebung sind wir gewöhnt. Hier ist Hanf statt Seide. Es offenbart aber dies Gedicht in wunderbarer Weise das noch dunkle Regen einer großen, dichterischen Kraft, es hat in einziger Weise, was Goethe dieinnere Form" nannte.

Und neben solcher bewegten, dramatischen Sprache in andern Gedichten die größte Schlichtheit, die edelste Sinnfällig­keit des Ausdrucks. Auch sie ist nichts äußerlich Angeflogenes, sondern ein innerlich Erwachsenes. Die Naivität spricht hier in ihren Worten. Da am rührendsten, wo sie mit fromm ge­falteten Händen zum Himmel aufblickt.

Ganz menschlich ist die Religiosität; dasAbba, lieber Vater" ist zu rührender Wirklichkeit geworden. Es mag uns nicht behagen, wenn Jesus in der Schäferdichtung als Daphnis auftritt und sich so in das konventionelle Kleid der Zeit schicken muß: das naivere Volk sieht ihn als Gärtner bei den Blumen. Die heidnische Sultanstochter betet Zum Herrn der Blumen, und siehe! Jesus tritt in ihr Kämmerlein, sie in seinen himmlischen Garten zu führen. Nicht viel anders ergeht es der Tochter des Kommandanten von Großwardein, die von einem irdischen Bräutigam nichts wissen will. Jesus gesellt sich zu ihr, da sie in ihrem Garten vor der Hochzeit wandelt, und in warmer Ursprünglichkeit werden beide, der Herr und die fromme Magd, alsVerliebte" bezeichnet:Da gingen die Verliebte Zwey, brachen der Blumen mancherlei): Jesus, der sprach zu seiner Braut:Kommt, meinen Garten auch be­schaut". Es fehlt nicht ganz an einem grausamen, asketischen Zug, der diese Erde verneint; aber er tritt gegen jenen andern, der Himmel und Erde als eines Vaters Reich ersaßt, zurück. An den Pforten der Hölle darf sich die Kindesmörderin auf das Unerschöpfliche der göttlichen Gnade berufen, und ein leicht­fertiges Mädchen, das Petrus von der Himmelstür zurück­gewiesen hat, wird von Maria selbst in die Herrlichkeit eingeführt. Gar herzig gesteht Maria einmal, daß ihr das himmlische Kind, mit dem sie sich trage, keinerlei Beschwerde mache, und da die Jungfrauen sie fragen, warum sie mit ihren zarten Füßen so schnell über die rauhen Berge wandle, antwortet sie wie eine sittige Bürgerstochter:Jungfrauen will es gebühren gar nicht, viel unter Leuten umzuziehen". Die heilige Katharina verlobt sich einem frommen Ritter, und sie erzeigt sich nachher nicht weniger eifersüchtig als die Meerfee, die in einem verwandten Gedicht ein ähnliches Bündnis eingegangen ist.

Solcher Naivität steht der Humor Zur Seite. Petrus wird, da er das Schwert für Jesus zieht, vom Herrn einErz­bärenhäuter" genannt, und im Himmel sieht es gelegentlich sehr lustig aus:Fällt im Himmel Fasttag ein, speisen wir Fo­rellen, Peter geht in Keller 'nein, tut den Wein bestellen". Dem entspricht es in anderer Weise, wenn neben frommen, morali­sierenden Ermahnungen kecke Ehebruchsstücklein vorgetragen wer­den. Was immer menschlich, hat hier eine Zunge gefunden. Auf der Brücke des Lebens, die sich in diesen Liedern baut, herrschen derbes Stoßen und Drängen, Blut färbt nicht selten die Steine: es spannt sich aber darüber in lichten Farben ein Regenbogen.