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Stoßzähne, einst auf das Knicken der Zweige im Pflanzendickicht angelegt, sind auf dieser platten, baumlosen Steppe wertlos geworden — wie Nägel eines Struwwelpeters, die nicht abgenutzt werden, haben sie sich grotesk aufgebäumt und verkrümmt, den Trägern selber nur zur Last.
So erscheint das Mammut uns, der verschlagene, auf einen rauhen unfruchtbaren Acker verbannte Waldgast aus dem Paradies. Blinkende blaue Gletscher, auf denen die Sonne vergebens gleißt, versperren ihm wie blitzende Schwerter den Heimweg in das verlorene grüne Jugendland. Die kalten Ströme führen kein Bernsteingold mehr aus dem Zauberwald. Als eisige Schmelzwasser rinnen sie vor dem Gletscherfuß. Wenn die schweren Tiere zur Tränke niedersteigen wollen, brechen sie in schaurige Eisspalten des tief hinab gefrorenen Uferbodens. So ist jenes Mammut damals, im vergeblichen Bemühen, aus einer solchen Spalte sich wieder emporzuarbeiten, endlich hockend zur Eismumie erstarrt, das heute in seiner natürlichen Fundstellung im Petersburger Museum wieder aufgebaut worden ist. Wird eine solche Eisklust, die bis heute noch nicht getaut ist, uns eines Tags auch noch einmal den Menschen von damals Zeigen als starre Mumie mit Haut und Haar, die Hand um das Steinwerkzeug geklammert, den Adam, der seine Jahrmillion im Tropenparadies der Tertiärzeit gelebt hatte und jetzt mit seinem Mammut in den Flechtenacker der wilden eisigen Tundra, auf die Moränenhalden, wo die vom Gletscher verschleppten Gesteinsscherben wie Trümmer einer geschleiften Riesenburg um ihn starrten, verbannt war?
Ein solcher im Eis verunglückter Menschenkörper der Diluvialzeit, der sich wohl nur noch in einzelnen Merkmalen (zum Beispiel vorspringenderen Knochenwülsten über den Augen) von den heute lebenden Menschenrassen unterscheiden würde, könnte uns aber noch eine ganz eigentümliche Paradiesgeschichte erzählen.
Es läßt sich nach dem ganzen anatomischen Bau des Menschen fast mit untrüglicher Gewißheit behaupten, daß in seiner Tertiärgeschichte noch ein besonderes „paradiesisches" Geheimnis gesteckt haben muß, das mehr war als bloß eine Jugendzeit in einem tropisch grünen Wald.
Es ist gesagt, wie auch in diesem Tertiärparadies nicht der Löwe neben dem Lamm lag. Der wilde Daseinskampf war älter als dieser Wald. Jahrmillionen vorher hatten schon die Ichthyosaurier die Tintenfische gefressen und die Tintenfische die Krebse. Solange die Zauberflämmchen des Lebens sich jetzt, immer wieder aneinander entzündet, Weitergaben, so lange war auch der Hauch da, der ein solches Flämmchen verlöschen konnte, auch der Tod war unendlich viel älter als das Paradies. In den Koprolithen, den versteinerten Kotballen jener Ichthyosaurier, die die Zeit, mit Groteskem scherzend, zu niedlichem Schmuckstein umgewandelt hat, bilden die feinen Muster dieses Schmuckschliffs neben den Spuren der Spiralwindungen im Darm des alten Sauriers Fischschuppen, Sepiaschulpe und andere Reste „Gefressener", die ganz gewiß bei diesem Prozeß schon ihr junges Urweltleben eingebüßt. Und dem Schmerz des Todes entsprach der Schmerz des Werdens. In eben solchem Jchthyosaurusleib liegt das Skelett eines noch Ungeborenen, der das Licht der Welt eben erblicken sollte, als die Mutter ihr Grab im Schlamm der Tiefe fand. Das alles lange, lange schon vor dem Paradies! Anderseits dürfen wir uns die Dinge dort aber auch nicht anders ausmalen, als sie heute sind. Es gibt heute noch
ganz gewaltig große Gebiete der Erde, wo ein Lamm oder Reh das vollkommenste Paradiesleben führen könnte, weil es nämlich keine Raubtiere dort gibt. Das ganze riesige Waldrevier der Insel Madagaskar besitzt seit alters nur ganz kleine, marder- oder katzenhafte Raubtiere; wenn wir hören, daß ehemals dort Halbaffen von der Größe eines Gorilla neben kleinen Nilpferden, Riesenschildkröten und großen Straußvögeln gelebt haben, so müssen sie im Punkt Raubtier sich wie im wirklichen Paradies gefühlt haben. Der ganze Kontinent von Australien beherbergte, als der Kulturmensch ihn betrat, außer einem wohl schon vom Menschen selbst ein
geführten Hund kein einziges echtes Raubtier und nur eine Anzahl winziger Raubbeuteltiere, die kein Kind fürchten würde. Neuguinea hat nur ein paar ebenfalls kleine Naub- säuger neben ungezählten Vögeln. Mit Neuseeland und der ungeheuren Inselwelt Polynesiens hören die Säugetiere bis auf ein paar Mäuse und Fledermäuse überhaupt auf, also auch alle Angreifer aus ihrer Reihe. Es steht nichts im Wege, sich zu denken, daß solche Friedensasyle auch in der Tertiärzeit selber schon bestanden haben trotz ihres Säugetier- Überflusses; für Australien ist es beispielsweise sicher, daß echte Raubtiere niemals, weder Bären noch Katzen, seinen Boden betreten haben, und die ehemaligen Riesenbeuteltiere dort scheinen sämtlich Pflanzenfresser gewesen zu sein.
Mancherlei gewichtige Gründe sprechen nun dafür, daß der Mensch sich gerade in einem solchen Asyl entwickelt habe, wo der Kampf ums Dasein nach dieser Seite ursprünglich nicht rauh war. Nur so ist es denkbar, daß er schon ganz früh jene merkwürdige Kopfbildung erlangen konnte, die sein beispielloses Gehirnwachstum ermöglichte, gleichzeitig aber durch Verkümmerung des Geruchssinnes (Rückbildung der Nasenteile des Kopfes) und extreme Aufgabe eines starken Kampfgebisses mit mächtigen Beißmuskeln und Eckzähnen auf sonst überall gültige Vorsichts- und Verteidigungsmittel verzichtete, während die Gliedmaßen zwar gelenkig, aber doch auch keineswegs besonders schutzfähig, weder im Sinne von Raubtierklauen, noch von rasch eilenden Hufen, blieben. Bei einem ganz kleinen, unscheinbar im Dickicht verschwindenden Wesen wie etwa dem winzigen Koboldäffchen mochte das hingehen; ein so großes Geschöpf wie den Menschen aber mit solcher ursprünglichen körperlichen Wehrlosigkeit durchzuretten, muß es für den Anfang einer besonderen Situation bedurft haben. Wir denken, wenn das Paradies im Bild eines Tropenurwaldes auftaucht, zunächst an dicht belaubte Bäume als Asyl. Die Verkümmerung des Geruchssinns hat bei Landtieren wohl nur bei Baumgeschöpfen einsetzen können, ohne die Art zu schädigen. Aber man braucht nur den Schädel eines Menschen mit dem eines der größten Affen, eines Gorilla oder Mandrill, zu vergleichen, um zu erkennen, wie sich selbst diese Affen ihre Eckzähne und ihren ganzen Beißapparat als Verteidigungsmittel bis heute bewahrt haben, während er dem Menschen fehlt und fehlen muß, wenn eine solche Gesichts- und Gehirnbildung, wie sie ihn verklärt, möglich werden soll. Dabei beschränkte sich aber gerade der Mensch nicht auf das Vaumleben, sondern er stieg auf die flache Erde herab. Er lief hier nicht wie der Mandrill auf allen Vieren, sondern er versuchte sich in einer vom Verteidigungs- und Fluchtzweck aus jedenfalls ganz besonders bedenklichen Stellung: im aufrecht balancierenden Gang. War das grüne Blätterdach noch allgemein ziemlich raubtierfrei für ein so großes Wesen, so geriet ein wandelndes Geschöpf dieser Art unten ganz gewiß ins gefährlichste Bereich, falls der Wald überhaupt große Angreifer barg. Daß der Mensch sich unbehelligt nach seiner Seite entwickelt hat, gibt wohl das Gottesurteil der Geschichte dafür, daß er eben in einem Asyl aufwuchs, wo diese Angreifer zunächst fehlten. Es braucht darum noch nicht notwendig, wie neuerdings wohl vorgeschlagen worden ist, Australien selbst der Ort gewesen zu sein, weil es zufällig der einzige Fleck ist, von dem wir auch für die Tertiärzeit wissen, daß er ein solches Asyl war. Noch schließt der alte erdumspannende Paradieswald jener Tage zäh als sein tiefstes Waldgeheimnis ein, wo der Mensch zuerst in ihm gelebt hat. Aber etwas wie Duft des Paradieses als Friedensasyl muß wirklich darüber gewesen sein. Vielleicht war die giftige Schlange allen Ernstes der einzige Feind, der darin lauerte. Wie viel Träume möchte man knüpfen an dieses Wirklichkeitsparadies! Sei es erlaubt, sich noch einem hinzugeben. Wo das Lebendige bei frischer Kraft stark vom Daseinskampf entlastet wird, da scheint jene Kraft des grenzenlosen Formenbildens, jenes „rhythmische Phantasieren", von dem wir gesprochen haben, in verstärkter Fülle aufzublühen. Einzelne sehr glückliche Anpassungen, die einen langen Spielraum ge-