Heft 
(1906) 29
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wahrten, sehen wir schier ins Unendliche dieses Spiels inner­halb des allgemeinen Existenzschutzgebiets eintreten; so die Muschel und Schnecke mit ihrem unerschöpflichen spielerischen Farben- und Formenreichtum, der den Sammler entzückt; -so den Schmetterling, der neben den nötigen Schutzfarben gleich­sam im freigegebenen Feld alle Herrlichkeiten rhythmischer Kunstformen der Natur" erzeugt. Diese Dinge wachsen, je mehr wir uns den im ganzen immer üppigeren, immer paradiesischeren Verhältnissen der Tropen nähern. Immer herrlicher werden dort die Schneckengehäuse, immer köstlicher und verschwenderisch reicher die Farben und Formen der Schmetterlinge und Käfer. Wo aber wahre Asylverhältnisse

beginnen, da beginnt in einzelnen Tiergruppen wahrhaft das Schönheitsmärchen. Ein solches Asyl ist beispielsweise der Urwald Neuguineas für gewisse Vögel. Paradiesvögel haben wir sie bedeutsam genannt. In eine Fülle der Arten zer­

splittert, stellen sie in jeder dieser Arten ein besonderes Kunst­werk auf den Plan, zwecklos in seinen Schönheitsformen vom alten Kampfesboden aus, nur erklärbar als ein Gebilde jener rhythmischen Bildekraft auf dem Neutralboden eines wirklichen paradiesischen Asyls. Wir wissen nicht, wo diese formspielende Kraft im Innersten der Organismen verankert liege. Aber es ist zweifellos mehr als eine selber bloß spielende Analogie, wenn wir sie als uralten, urtiefen organischen Trieb in eine Beziehung bringen zu dem Kunstschaffen des Menschen, zu seiner Freude am Erzeugen rhythmischer Ornamente, Farben­bilder, Klänge und zu seiner intuitiv aus dem Innersten her­vorbrechenden Dichter- oder Tonkünstler- oder Malerkraft, solche Gebilde selbsttätig zu schaffen. So weit zurück wir vom Menschen wissen: immer schwelgt er in diesem Kunstschaffen. Völker wie die Bakairi-Jndianer im Herzen Brasiliens, die noch heute nackt in der Steinzeit leben, verklären jeden kleinsten Gebrauchsgegenstand mit ihrer färben- und formenfrohen Kunstphantasie. Bei den ältesten Kulturresten aus der Eis­zeit liegt rote Farbe zum Malen und Tätowieren, finden sich kunstvolle Tierzeichnungen und Ornamente. So wett wir dieses Menschenwesen sehen, immer ist es ein Kunstwesen. Wir sehen es sein Haus bemalen und ausschnitzen, hören es singen und dichten. In Versen hat alle Geschichtstradition begonnen. Dichtung, rhythmische Dichtung sind alle Schöpfungs­legenden selbst. Gesang ist die Wiege der Sprache. Kunst ist die Wiege aller Wissenschaft. Lange ehe der Mensch ein Tier abstrakt beschreiben konnte, hat er es kunstvoll abbilden, ja als freies Muster für ornamentale Ausgestaltung benutzen können. Ist dieser uralte Kunstmensch nun nicht auch ein Kind des Paradieses, ein Paradiesvogel, ein Geschenk des Asyls? Hat er sein farbenfrohes Auge, sein Singen, sein Rhythmisieren aller Dinge nicht als Schönstes schon mit­gebracht aus jener jungen Friedenszeit, mitgebracht aus dem Paradies, wo er keinen schleichenden Feind zu wittern, keinen Gegner mit scharfem Eckzahn wegzubeißen hatte, dafür aber seine Stirn aufrecht erhob, sein Auge schweifen lassen konnte über den lustigen Frieden der Dinge, wo er spielen und singen konnte jahrhunderttausendelang. . .

Bis die Stunde kam, die ihn vertrieb! Da er mit den Mammuten am trostlosen Eisgletscher wanderte, umbrüllt von hungrigen Raubtieren, in der schauerlichsten Todesnot jetzt des unerbittlichsten Daseinskampfes.

Mit dem Klimawechsel im letzten Drittel der Tertiärzeit beginnt der Zusammenbruch der kolossalen Säugetierentfaltung dieser Tertiärzeit ebenso unaufhaltsam wie einen Weltentag früher der des Sauriergeschlechts. Gleichzeitig wächst aber jetzt mit absoluter Entschiedenheit ein Wesen dieser Erde in das volle Licht seiner Kraft und Entfaltung hinein: eben jenes körperlich vielleicht wehrloseste aller größeren Geschöpfe jener Zeit der Mensch. In jenem Asyl, das ihm in guten Zeiten allein seine Existenz innerhalb dieser Wehrlosigkeit sichern konnte, muß dieser Mensch sich doch etwas Un­geheures erworben haben, das jetzt, in der Zeit höchster Be­drängnis und allgemeinen Niedergangs selbst der bisher Wehr­

haftesten um ihn her, ihm nicht nur dauernd das einfache nackte Dasein weiter verbürgte, sondern das ihn gerade jetzt wie in einer stählenden Probe auf seine Kraft zu schwindelnder Herrscherhöhe Hinauftrieb. Dieses Ungeheure war das Werk­zeug, darüber ist kein Zweifel. Das Werkzeug in seiner un­endlichen Gestalt des vergeistigten Überorgans: als Waffe gegen den Feind, als Grabschaufel, der eine Höhle grub, als Baustein oder Pfahl, der ein Haus mauerte und trug, als gehöhltes Boot, das über den See führte, als Axt, die den Baum füllte, als Feuerstein und Reibeholz, die das Herdfeuer entfachten, als Topf, in dem auf diesem Herd das Wasser kochte. Es ist nur ein Schritt von diesem kochenden Topf bis zur Dampfmaschine, ein Schritt von diesem sprühenden Fünkchen des Steins bis zur Bernsteinkraft, der elektrischen Kraftwelle.

Schon das Tier nähert sich hier und da der Stufe des Werkzeugs. Es heißt eine Waffe, also ein Werkzeug gebrauchen, wenn unser kleine Ameisenlöwe, eine in tiefem Sandtrichter lauernde Insektenlarve unseres Kiefernwaldes, mit Sand nach seinen Opfern, die dem gefährlichen Schlund entrinnen wollen, höchst Zielgerecht wirft. Das charakteristisch Menschliche aber ist die Verarbeitung des natürlich gegebenen Hilfsmittels, die Schärfung und künstliche Ausgestaltung etwa des einfachen Feuersteins zu einem zweckentsprechenden Messer oder Beil. Wo wir solchen bearbeiteten Stein finden, da ahnen wir so­gleich den Menschen selbst. Dieser Bearbeitung des Materials muß aber eine lange Epoche voraufgegangen sein, in der auch hier das Material bloß gesammelt, bloß als solches benutzt wurde. Wie aber ist der Mensch auf diese Beschäftigung mit allerhand Steinmaterial und Ähnlichem, mit Kristallstückchen, Muschelschalen, Elfenbeinteilen, Geweihen und Hörnern ur­sprünglich geraten in seinem Asyl, wo die Waffe zunächst keine große Rolle gespielt haben kann?

Wieder schweift unser Blick zu jenen Kunstneigungen hin­über. Die Paradiesvögel Neuguineas schmücken zu ihrer Liebeszeit die Hochzeitslauben ihres Paradieswaldes mit bunten Blüten, roten Beeren, farbigen Federchen. Die Laubenvögel Australiens tragen zu solchem lustigen Zweck alles zusammen, was glänzt oder auffällige Form hat: blinkende Bachkiesel, hübsche Muscheln, einen Bergkristall, ein Stückchen glitzernden Schwefelkies. Hat der Mensch auch eine ganze lange Epoche hindurch so gespielt mit bunten Steinchen, mit glänzenden Feuersteinstückchen? Hat sie zusammengetragen, gehäuft, sich damit geschmückt? Vielleicht sind jene kaum noch bearbeiteten ältestenEolithen", aus denen man heute die Existenz des Menschen mitten im Tropenparadies der Miozänzeit ableitet, und die stellenweise in rätselhaften Massen beisammenliegen, nichts anderes als solche Spielreste. Noch heute greift das ganz kleine Kind nach dem glänzenden Steinchen und lacht, lange ehe es daran denken würde, dieses Steinchen etwa als Hebel oder Messer zu benutzen.

Sehr gut könnte noch auf dieser Stufe des einfachen Wohlgefallens am hübschen Naturstein die erste Bearbeitung selbst schon eingesetzt haben, auch zunächst bloß im künstlerischen Trieb. Bei einen: Steinchen, das fast wie ein Sternchen aussah, irgendein wohlgefälliges Ornament roh andeutete, wurde nachgeholfen. Ränder wurden gekerbt. Die Phantasie sah irgendeine Ähnlichkeit hinein, und die Hand half un­beholfen nach. Warum sollen unsere Kinder nicht in diesen alten Entwicklungsvorgängen wirklich noch unsere berufenen Lehrmeister sein? Gerade das überquellende erste Phantasie­leben aller Kinder sieht ganz und gar nicht nach Kultur­vererbung, sondern nach Üranlage des Menschenwesens aus.

Die wirklicheTechnik" als Erhaltungsmittel im Existenz­kampf wäre dann erst die zweite Stufe gewesen, in gewissem Sinn erst ein Produkt der ersten wie das Kind schließlich doch gegen den Hund, der es anbellt, den Stein als Ver­teidigungswaffe schleudert, den es sich zunächst bloß zum Spielen gesucht hat. Es wäre die Notwendigkeit der mit der veränderten Stunde, mit derAustreibung" aus dem Waldasyl, gegebenen neuen Situation gewesen, die auf diese Werkzeugtechnik in