Heft 
(1906) 29
Seite
621
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Gestalt von Waffen und andern:Nützlichen" geführt Hütte, nachdem die Voraussetzungspielend" gewonnen war.

Daß dieser Mensch aber jetzt mit dieser Werkzeugtechnik sich trotz der bedrohlichen Zeichen eines neuen Weltentages erhalten konnte, das war eben seine Schicksalswende, es drückte ihm inmitten eines gewaltigen Zusammenbruchs der alten Welt die heimliche Königskrone auf sein Haupt!

Was ihn zunächst dabei aus seinem Asyl verjagte, braucht noch nicht gleich die Eiszeitkälte unmittelbar gewesen zu sein. Wir denken uns dieser zunächst doch wohl von den Polen langsam niedersteigenden Abkühlung vorauf oder parallel gehend starke Wandlungen von Meer und Land. Sein Paradies konnte sich, früher abgeschlossen, plötzlich einwandernden Feinden geöffnet haben. Denn die Kälte selbst brachte wieder un­geheure Tierwanderungen hervor, die gegen den Äquator zunächst abströmten. Vielleicht wurde er selbst durch all das zur Aus­wanderung gebracht und geriet dann auch in den Kältegürtel, der sich tief und tiefer herabschnürte. Hier mußte besonders die Technik der künstlichen Feuererzeugung, deren Spuren wir bei ihm schon mitten in der Eiszeit deutlich vorfinden, ent­scheidend für sein Bestehen im Existenzkampf werden.

Vergessen wir auch nicht, daß der Mensch offenbar von früh auf ein soziales Wesen war, das innerhalb seiner Stämme gemeinsam sich durchhalf, früh eine Genossenschaftsmoral bei sich ausbildete und diese tiefbedeutsame Urseite des Lebens, die vor Äonen schon die Zellen seines Leibes geeint und zu einem friedlich harmonischen Gesamtorganismus zusammen­gefügt hatte, auf höchster Stufe wieder in schönste Blüte bei sich brachte. Mensch mit Mensch, nicht Mensch gegen Mensch: das kam schon damals herauf wie ein früher Klang, der endlich nach Jahrtausenden sein herrliches Echo finden sollte in dem hehren Wort von derMenschenliebe".

Das rührende Bild der biblischen Legende: wie dieses arme Menschenpaar, das aus dem Paradies seiner Jugend­spiele verbannt wird auf den rauhen Acker des Daseinskampfes, doch wenigstens einPaar" ist, wie ihm Kinder aufwachsen, wie die Familie sich gründet und endlich der Stamm, das Volk, das vereint durch die Daseinswüste zieht, wieder einem fernen Gosen mit grüner Weide zu dieses Bild findet sein j

großes weltgeschichtliches Gegenstück in diesem Sozialwesen des kraftvoll unter allen Prüfungen immer strahlender sich empor­ringenden Menschen auf der Schwelle der Kultur, der aus engem Waldwinkel, wo sein Leben ein Paradiesvogelidyll war, auszieht auf die Erderoberung. Das Werkzeug selber war dabei eine unvergleichliche Förderung gerade auch dieser sozialen Seite, denn die Axt, das Ruder, die von Hand zu Hand gingen, vom Vater auf den Sohn erbten, die einer dem andern leihen, ersetzen konnte, die gemeinsame Herdflamme, um die sich die ganze Familie scharte sie erhoben sich zum sozialen, zum genossenschaftlichen Organ im Gegensatz zu Hand oder Fuß oder Auge, die jeder nur für sich angewachsen mit herumtrug und sterbend jedesmal mit ins Grab nahm.

.... Die letzten aufbäumenden Wasser der wilden Ur­welt sind verströmt. Über der stillen blauen Fläche spannt sich ein lieblicher bunter Regenbogen aus, Sonnenlicht, gebrochen in unendlich vielen kristallhellen Wassertröpfchen.

So bricht sich das Urlicht zuletzt in Millionen Menschen­augen, Menschengehirnen, Menschenherzen auf dieser Erde.

Das ist der letzte Akt des Weltenwerdens, den wir kennen.

Unter dem bunten Regenbogen, den dieses im Menschen gespiegelte Licht als Helles Geisteszeichen über die ganze alte Erde spannt, werden weise Männer auf Gesetzestafeln den ersten vergeistigten Text der sittlichen Weltentwicklung, die zehn Gebote der Moral, aufzeichnen.

Unter diesem leuchtenden Bogen, der wie eine neue Feste diese Menschenerde, diese Geisteserde von allen Urwelten fortan sondert, wird ein milder Menschenlehrer die neue vergeistigte Form des urältesten NaturrufesEs werde Licht!" verkünden: Friede sei auf Erden! Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Die Liebe höret nimmer auf!"

Vor diesen höchsten Kulturworten, die nicht mehr im träumenden Mythus, sondern der Ausdruck unserer wichtigsten treibenden Entwicklungswerte selber sind, die Stimme der auf­wärtsstrebenden Gottnatur in uns selbst tritt der Natur­forscher bescheiden zurück, der uns durch die Vorwelten geleitet. Hier erforscht er nicht mehr, was gewesen ist. Hier verehrt auch er das Lebendige, das dauert nicht das Gleichnis, sondern den Sinn nicht das Bild, sondern die Kraft.

Georg Bangs Liebe.

(15. Fortsetzung.) Roman von Aarl Rosner.

Sommer kam und ging. Ein wenig stiller war in I ^ dieser Zeit das Treiben in den weiten Geschäfts- und Lagerräumen der Firma A. G. Gutkind, ruhiger und mit weniger schreiender Hast ging das Arbeitsleben seinen Gang. Herr Felix Gutkind selbst war verschwunden, er war mit Männe, dem getreuen Dackel, der sein Husten nicht verlernen wollte, trotz aller Hitze nach Italien gezogen, und Herr August Thienemann wußte in behaglichen Feierstunden wahre Wunder­geschichten zu erzählen und geheimnisvoll anzudeuten von dem mystischen Treiben seines Chefs da unten in Neapel, in Palermo und Syrakus, wo er sich trotz aller Hitze in jedem Sommer aufzuhalten pflegte. Die Schwingen wuchsen dem geduckten, verängstigten Gehilfen mit seinen jetzt einundzwanzig Jahren Dienstzeit förmlich in diesen Sommertagen, da er den alten sonderlichen Herrn fern wußte. Bis in das Geschäft und an das tintenklecksige Pult begleitete Herrn August Thienemann nun oft der Glanz seiner bescheidenen Lebensfreudigkeit.

Frau Karola aber, die blühend Rundliche, die hatte frei­lich doppelte Sorge und konnte nicht genug beschwichtigen und glätten, wenn ihrem Mann ein gar zu übermütiges Wort ent­fahren war.Na, nu klauben Se nur nich alles das, Pang, was mein Mann da ausmährt der veralbert uns doch alle beide cha . . . Un', nich wahr, Auchust ..."

Aber Herr Thienemann gab nicht nach:Nu, wenn ich toch sache: er ist kesähen worden in Balermo vor zwei Chahren mit einer chung'n Dame! Kanz kenau beschrieben hat ihn der Herr Kottwald: ü' spitz'schen Galapreser hat er auf'm

Gopp kehapt und ä blauen Mantel umkewickelt, daß nur unten die krumm' Beine rauskekukt haben ..."

Aber Auchust . . . nu Here doch mal . . !" Ganz rot war das gutmütige dicke Gesicht über dem breiten Doppelkinn.

Nu, hat er vielleicht geene krumm' Beine? Nee, Garolachen! Alles was recht ist, aber was die Beine von Herrn Kudgind sind, da gann de Männe durchspring'n wie durch ü Reisen!" So suchte sich der in drei Jahrzehnten gedrückte Münnerstolz August Thienemanns zur Sommerzeit alljährlich sein Ventil.

Aber nicht nur Herr Gutkind war in seine Ferien gefahren, auch sonst war mancher aus Georgs bescheidenen: Bekannten kreis verreist. Bor allen: Frau von Hellstein. Die saß nun in der grünen Steiermark, in einen: kleinen Häuschen an: Altnusseer See, das einstmals, da ihr Franz noch lebte, das junge Paar mit seinem jungen Glück beherbergt hatte. Alljährlich lebte sie auf diesen: ihr teueren Besitz in der Sommerzeit Monate, die nur der Erinnerung und der Musik gewidmet waren. Hier in den: kleinen Häuschen hatte ihr Franz einst seinenBergmann von Falun" zun: besten Teil geschaffen da unten auf dem See