622
hatte er sie dann abends oft hinausgefahren. Und was da rings an Bergen und an Zinnen das Tal umschloß, das hatte damals auch auf ihn herabgesehen! Einen stillen, getreuen Kult trieb sie, wie in der Leipziger Billa, so auch im Alt- ausseer Sommerhäuschen mit ihrem Toten. Denn ihm, der einstmals wie ein Held und Sieger in dieses schüchterne und zarte Frauenherz getreten war, gehörte nun, da ihn schon so lange der Rasen deckte, noch alles, was dieses Herz umschloß und zu vergeben hatte.
Und mit der Wegfahrt der lieben, feinen Frau, mit dem Tag, da der alte Geidel in würdevoller Resignation die Polstermöbel im Salon verdeckt und den weißen Florvorhang über das Bildnis des schönen, kühn blickenden Mannes im Musikzimmer gezogen hatte, war's auch im Rabenhaus hinter der Villa anders geworden. Nun fielen diese schönen Sonntage, an denen sich die jungen Leute in Frau von Hellsteins Räumen unter ihren Augen vereinigt hatten, aus, und was an deren Stelle trat, das war nicht besser. Große Mengen von Bierflaschen wurden nun oft im Rabenhaus ein und aus getragen, und bis spät in die Nacht waren die Fenster manchmal erleuchtet, hallten Studentenlieder und Stimmenlärm über den Garten hin. Das hörte erst wieder auf,' als nach einer letzten kurzen, arbeitsreichen Zeit die Tore des Konservatoriums sich schlossen — denn nun flatterte in Hast und Jubel die Schar der Raben auseinander. In die Heimat, nach Hause zog es für die Ferienzeit die einen, kurzen, unschweren Verdienst bei einem Kurorchester, in einem Bad oder Sommertheater suchten die andern.
Mit leisem Neid, der nur die eigene Sehnsucht war, sah Georg alle diese scheiden. Wie gern wäre auch er heimgefahren, und wäre es auch nur für Tage gewesen! Er sah das liebe Gesicht der Mutter vor sich, die nun zu allen ihren Sorgen auch die um Sephi wie ein Selbstverständliches auf sich genommen hatte, und gedachte der Sephi selbst — und wußte, daß an die weite kostspielige Reise gar nicht Zu denken war, auch wenn er Urlaub erhalten hätte.
So blieb er, blieb wie die beiden, die allein das Rabenhaus jetzt noch beherbergte, weil ihnen das Leben keine andere Ruhestätte bot als dieses Haus, und weil sie auch während der Ferien nicht rasten wollten.
Teltscher, der Bildhauer, der mit verbissener Zähigkeit trotz aller Sommerglut tagtäglich zehn Stunden an dem Modell einer Brunnengruppe schuf, war dageblieben und Osipp Schmerlin, der Geiger. Und daß der gleichfalls wußte, was Heimatsehnsucht war, das hatte Georg selbst erfahren, als er an einem Abend spät ins Rabenhaus gekommen war, um Teltscher aufzusuchen. Da war tief aus dem dämmerdunklen Garten das Geigenspiel des Einsamen erklungen. Weich und schluchzend. Und alle heiße Sehnsucht nach jener fernen kleinen Judengemeinde tief im Innern Rußlands war darin gewesen und hinausgezogen in die Weite. Dort hatte er einst als Talmud-Chuchim, als Schüler der Weisheit, beim Umgang die Thora geküßt, hatte mit singender, jubelnder Stimme gebetet, die Schläfenlocken gedreht und die benetzten Hände in frommem Eifer zusammengeschlagen . . . Nun sang aus seiner Geige die Erinnerung. — Und so stark ergriff Georg dieses Spiel, das da im Duft der Rosenhecken zwischen den dicht geballten dunklen Bildungen der Sträucher und der Bäume klang, daß er den tief versunkenen Spieler nicht wecken und nicht stören wollte. Still stand er, bis das Spiel verklungen war, und als die Geige schwieg und nur das Summen des tausendfachen kleinen Lebens die Nacht durchzog, da ging er wieder. —
Auch Falk war fortgezogen aus dem Rabenhaus. Aus Norderney, wo er im Kurorchester für die zwei Ferienmonate das Cello strich und in den freien Stunden von all dem bunten Sommertreiben genoß, was sich ihm bot, sandte er Georg seine Grüße. Der aber konnte nicht begreifen, daß Falk, der doch mit allen Kräften sich vorwärts hätte ringen müssen, um bald dem Ziel nah zu sein, von dem er ihm in jener Winternacht in Lehmanns Garten mit so viel Sicherheit
gesprochen hatte, nun diese Zeit vergeudete in einem Tun, das so weit abseits von dem Weg nach jenem Ziel lag. Immer wieder mußte er in dieser Zeit des Urteils Teltschers über Falk gedenken und mehr noch des sorgenvollen Blickes, mit dem Mariane Molenaar die Liebe ihrer Freundin zu dem Cellisten verfolgt Hatte.
Einmal, da er eben mit Teltscher von einem Spaziergang kam, traf er Mariane, auf der Straße. Sie ging in lebhaftem Gespräch neben einem jungen, ein wenig gebückt schreitenden Mann von stillen ernsten Zügen. Beide grüßten. Ruhig und klar trafen dabei Marianens Augen den Blick Georgs, herzliche Freundlichkeit war in ihnen und noch etwas: ein stilles, starkes Glück.
Als das Paar vorüber war, blickte Teltscher sich nach den beiden um. Auch Georg blieb stehen, aber er sah nicht zurück. Das Herz schlug ihm heftig, es war das erstemal seit jenem Abend, da er sich zu ihr ausgesprochen hatte, daß er sie wiedersah, und alle Bilder jener Nacht waren lebendig vor ihm.
Wie sie dann weiterschritten, meinte der Bildhauer: „Jetzt
hat er sich doch wieder gut erholt."
„Wer?" Georg sah den Freund nicht an bei dieser Frage. Aber er fühlte bei all seiner Ergriffenheit, daß etwas Neues wie eine Lösung mancher stillen Rätsel nun auf ihn zugeschritten kam.
„Wer? No, der Doktor Mann — ihr Verlobter."
„Fräulein Molenaar ist verlobt?"
Teltscher blickte mit Erstaunen auf Georg.
„Freilich — haben S' das denn nicht g'wußt? Bald zwei Jahr' schon is' verlobt — eben mit dem Doktor Mann — Historiker is' er — Privatdozent hier an der Universität."
„So. . ." Und da fiel es Georg wie ein Schleier von den Augen. Das war es, was immer in ihr gewesen war bei allem, was sie sagte, und allem, was sie tat: diese starke, tiefe Liebe zu dem andern — zu ihrem Verlobten. Die hatte ihrem Leben das edle Gleichgewicht gegeben: die Ruhe und die Güte und das Verstehen. Er sah die leicht gebeugte Gestalt des Mannes wieder vor sich, der eben neben Mariane Molenaar an ihm vorbeigeschritten war, und wollte seine Züge sich wiederum in die Erinnerung rufen. . . Den also liebte sie! Was er wohl für ein Mensch sein mochte? Und bei all' diesem Denken war keine Spur von Schmerz in ihm oder von Leid. Wie etwas Großes, Heiliges erschien ihm die Liebe Mariane Molenaars; er wußte, daß ihm die Freundin niemals so nahegestanden hatte wie nun. Und eine Dankbarkeit zu ihr stieg zugleich in ihm auf — Dankbarkeit dafür, daß sie ihn in jener Nacht nicht abgespeist hatte mit Worten, die von ihrer Liebe und Verlobung redeten, daß sie ihm feinfühlig und gut gesagt hatte: Die Sehnsucht führt dich her, die sucht nach ihrem Heim, und die ging irre. . . Dann aber schwirrte ihm ein Satz, den Teltscher erst gesprochen hatte, noch einmal durch den Kopf: Jetzt hat er sich doch wieder gut
erholt ... So war der Bräutigam Marianens also krank gewesen? Da fragte Georg auch schon.
Und Joseph Teltscher nickte.
„Freilich war er krank. Mich wundert's, daß Sie das nicht wissen. Den ganzen Winter und das Frühjahr war er unten an der Riviera — vor ein paar Wochen ist er zurückgekommen. Ein Lungenleiden ist es gewesen, jetzt aber soll er doch ganz wieder herg'stellt sein. Is' übrigens ein ganz prächtiger Mensch, der das Mädel verdient!"
Und da verstand Georg auch das frohe Leuchten, das er in Marianens Augen gesehen hatte in jener milden Frühlingsnacht, als der Duft der blühenden Gärten sie beide umzog. Als dächte sie an etwas Schönes, Starkes, das nun seiner Erfüllung näher ging, war es ihm damals gewesen — aber die Deutung dafür hatte ihm gefehlt. Nun kannte er die Lösung: der Kranke, der fern gewesen, war gesundet und sollte wiederkommen. Und wie in jener Nacht, so klang Georg nun in der Erinnerung an sie die Stimme Marianens: „. . . Treu sein. . . glauben Sie mir, das ist das Höchste