Heft 
(1906) 29
Seite
623
Einzelbild herunterladen

623

und das Tiefste zugleich, und nichts Hohes ist und nichts Tiefes ohne das..."

Georg und Joseph Teltscher sprachen an jenem Abend nur noch wenig während ihres gemeinsamen Ganges. Aber als sie eine Strecke lang schweigend und jeder im Bann seiner Gedanken nebeneinander hingeschritten waren, fragte der Bild­hauer unvermittelt:Neue Nachrichten von Falk haben Sie

wohl auch nicht bekommen?"

Nein..."

Teltscher klopfte mit gefurchter Stirn die kurze Holzpfeife an seinem Stock aus und schob sie in die Tasche.

Der Professor Bernhardi war gestern bei uns im Atelier. Ich werd' ihn modellieren - mein Professor hat mir den Auf­trag zug'schanzt ja. Und das Fräul'n Else war auch mit da . . . Hirnmel Herrgott! der Kerl, der Falk..."

Er sprach nicht weiter. Aber die Furchen blieben auf seiner festen, knochigen Stirn, und seine Gedanken kamen nicht los von dem lieben Mädchengesicht, das sonst so blühend schön gewesen war, und aus dem nun Sorge und Bangen und angstvoll verhaltene Tränen sprachen. . .

Weiter ging die Zeit. Sie trug den Sommer vorüber und brachte den Herbst. Sie führte die Menschen alle zurück in die Stadt und gab dem Leben der Arbeit wieder seinen vollen Schwung. Und Georg stand fest auf seinem Platz und tat seine Pflicht. Die Unsicherheit, die in dem ersten Jahr in der Fremde in ihm gewesen war. die war von ihm gefallen. Nicht daß die Sehnsucht nach den Seinen und nach der Heimat schwächer geworden wäre; aber er war stärker ge­worden. Er wußte, daß er nur ein Gast hier war, und daß er aushalten mußte und alle seine Kräfte stählen, wenn er die Ziele seiner Träume erreichen wollte.

Die Träume aber waren gleich geblieben. Nur weniger phantastisch ruhiger und klarer waren sie geworden. Sie strebten nach wie vor zu seinen Lieben und ließen ihn ein eigenes Besitztum sehen, in dem er für Sephi und die Mutter schaffte. So waren seine Briefe, die er nach Hause sandte, voll Zuversicht und Liebe. Er gab mit ihnen den beiden Menschen in der stillen Gasse Ruhe und Freude, so wie er selbst aus den guten Briefen der Frau Marie Bang und Sephis die Kraft und das Gleichgewicht für sein Leben gewann.

Und wie ein Äußeres floß neben diesem verschwiegenen Innenleben das weitere Treiben um ihn her an ihm vorüber. Oft, wenn er durch die Straßen schritt und die Menschen plaudernd an ihm vorüberhasteten, wunderte er sich selbst, wie wenig zugehörig zu all diesen Wesen er sich fühlte. Gewiß, da waren Menschen, die ihm liebe Freunde geworden waren

Frau von Hellstein, die Feine, immer so herzlich Gütige, Mariane Molenaar, die in dieser Zeit die Frau des Doktor Mann geworden war, Joseph Teltscher und die Thienemanns - und doch wie jäh verschwand und brach die fesselnde Kraft all dieser Menschen, wenn in ihm seine Sehnsucht nach der Heimat erwachte.

Besonders stark hatte er das eines Abends gefühlt, als er allein und müde von der Arbeit nach Hause schritt. Da waren Extrablätter ausgerufen worden, und Telegramme waren an allen Schaufenstern und Plakatsäulen angeschlagen. Der Kron­prinz Rudolf hätte sich in seinem Jagdschloß Meierling bei Wien erschossen, hieß es, und die Gerüchte gingen, er wäre dort nach einem frohen Mahl von trunkenen Genossen erschlagen worden.

Da standen mit einem Mal, bei all der tiefen Ergriffenheit, sein Wien und seine Heimat und all die Menschen seiner frühen Jugend wiederum hell vor Georgs Seele. An Heinrich Gerold mußte er mit einem Mal denken, und dann wuchs ihm in der Erinnerung klar wie zum Greifen ein Bild empor: er und Sephi. Um sie beide der weite Wiener Burghof, feierlich und still wie ein grauer Riesensaal. Auf den langen Bänken der Kaiserwache die Bosniaken mit rotem Fes und an der schwarzgelben Barriere bei den Gewehren die verblichene Fahne. Ruhe und feierliche Stille wie Erwartung über allem

nur der Taktschritt des wachenden Postens. Da plötzlich ein

Ruck ein Ruf:Gewährrraus!" Und nun eine jähe Hast in all den braunen Gesellen, die nach den Waffen greifen, ein wirbelndes Rasseln der Trommel, das Blitzen eines Säbels im Salut und ein Hofwagen mit goldblinkenden Speichen, den Leibjäger auf dem Bock, der in eiliger Fahrt über den kies- bestreuten Platz und durch das hallende Burgtor jagt.

Damals, am Tag vor seinem Scheiden aus Wien, hatte er neben Sephi den Kronprinzen zum letztenmal gesehen. Nun war der tot, und Georg war zumute, wie wenn ihm zugleich ein Stück seines Jugendlebens entrissen worden wäre.

Im folgenden Frühjahr schied Falk plötzlich aus den: Rabenhaus. Er hatte einen vorteilhaften Antrag von einem amerikanischen Konzertunternehmer bekommen und rasch zu­gegriffen. Sein Abschied von Georg war hastig und seltsam zurückhaltend. Er sprach von den großen Verhältnissen, in die er nun mit einem Schlag träte, von den vorzüglichen Aussichten, die sich ihm böten, und wie er drüben in kurzer Zeit und mühelos beinahe erreichen würde, was hier mit tausend Plagereien und Quälereien kaum zu erringen sei. Er werde gewissen Herrschaften schon zeigen, daß er der Mann sei, sich in großzügiger Umgebung, die frei sei von Philistertum, sein Künstlerleben zu gestalten. Von Else sprach er nicht, doch Georg wußte, daß der Professor Bernhardi, der von der Liebe seiner Tochter zu Falk erfahren, mit diesen: sich ernst und lange ausgesprochen hatte. Er hatte dabei fest darauf bestanden, daß Falk, ehe er Else wiedersähe und im Haus verkehrte, sich eine Stellung schaffe. Wie einen Feind sah Falk seitdemden Alten" an.

Wieder kam Ostern, und es brachte diesmal doppelte Freude für Georg: sein Aufrücken zumÄltesten" zum ersten Lehrling und den Besuch des Herrn Franz Schneeberger. Zur Messe war der herübergekommen nach Leipzig, wie er sagte, um denBahöll auch amal wieder mitzumachen", wie aber Georg wohl fühlte, zum besten Teil, um nach ihm zu sehen. Und er schien zufrieden zu sein mit dem, was er fand. Denn er war bei all seiner Knurrigkeit, die gegen früher noch zugenommen hatte, doch immer von einer verbissenen guten Laune und ließ Georg, den er sich für die Tage seiner Anwesenheit von Herrn Gutkind freigebeten hatte, kaum von seiner Seite.

Herr Franz Schneeberger hatte sich nur wenig verändert in den beinahe zwei Jahren, während deren Georg ihn nicht gesehen hatte. Nur das Grau seiner Haare war jetzt noch Heller, und die Furchen in seinem Gesicht hatten sich gemehrt und waren schärfer geworden. Und noch etwas Neues war da: eine größere Sicherheit war jetzt in ihm, man sah ihm an, daß er auf seinem Platz im Leben festen Fuß gewonnen hatte. War sein Buchladen in Mariahilf auch nur klein er war doch unbeschränkter Herr darin wie irgendeiner von den Chefs der ersten deutschen Häuser, die sich zur Messe und zum fröhlichen Kantateessen in Leipzig zusammenfanden, und in der langen Liste der eingetroffenen Mitglieder, die das Buchhändler-Börsenblatt" veröffentlichte, stand der Name Franz Schneeberger so gut wie der von Adolf Kröner, von Wilhelm Hertz, Hallberger oder sonst einem von den Ersten! Aber bei all dieser größeren Sicherheit sein sprunghaftes Wesen, das aus der Weichheit und Wärme so gern in die vor­geschützte Härte und Herbheit floh, war gleichgeblieben. Das hatte Georg schon bei dem ersten Wiedersehen gemerkt, als der alte Herr am Bahnhof schimpfend und polternd an seinem Auge gerieben hatte, um ein angeblich ihn: zugeflogenes Staub­körnchen herauszuwischen, und das war auch in der Folge immer wieder hervorgetreten. Es war deutlich,während Herr Schnee­berger Georg über tausend Dinge des Geschäftsbetriebes aus­fragte, und während er selbst von Wien, von seiner alten Freundin, der Mutter Georgs, und von dem Mädel, der Sephi, erzählte.

Was s' macht, die Mutter? Na, halt wie immer: arbeiten und sich sorgen und sich kein' Ruah gönnen und eigen­sinnig is' auch Helsen mag sie sich nicht lassen! Es is' a Kreuz, wann ma' mit Frauenzimmer zu tuan hat ja 's is' bei deiner Mutter a net anders! Da hat s' doch das