Heft 
(1906) 29
Seite
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liebe Madel, die Sepherl, die s' auch noch mit durchschleppt. Was Hab' i' ihr zuag'redt, sie soll mich da auch a bisserl beisteuern lassen nein! Das muaß' allein machen! Ihren Kopf muaß' durchsetzen Und gar wann s' auf dich zum Reden kommt g'rad als ob's d' no a kleiner Bua wärst, für den ma' tausend Ängsten haben muaß!"

Eine Frage nach Sephi stak Georg in der Kehle. Er hätte viel, viel von ihr hören mögen und würgte doch lange vergebens, bis er die Worte über seine Lippen brachte. Und so seltsam gespannt, so ruckweise und drängend kam dann bei aller Ruhe, zu der er sich zwang, seine Frage heraus, daß Herr Schneeberger scharf von der Seite zu ihm hinüberblickte, ehe er Antwort gab. Dann hob er vorsichtig die Vrillenstange vom linken Ohr, führte sie im Vogen über die Nase weg und hakte sie auch an der rechten Seite los. Und während er mit seinein großen roten Taschentuch bedächtig die Gläser rieb, kam sein Bericht:Die Sepherl- ja, die is auch scho'

a ganz a groß' Madel g'worden in der Zeit. No, was da

alles Traurig's g'wesen is', das hat dir die Mutter ja g'schrieben. Nachher is' 'rauskommen: der Haderlump, der Herr Crispi, der is' scho' voller Schulden g'wesen, wie er die Mutter von der Sephi g'heirat' hat. Und nachher hat er der ihr Gerstl verspielt und verjuxt, der Katzelmacher der. Jetzt wissen mir ^gar nix mehr von ihm Gott sei Dank! Das heißt i' Hab von jemand g'hört: Croupier in Monte Carlo soll er sein. Und d' Sepherl" Herr Franz Schneeberger setzte die Brille mit Sorgfalt und Um­ständlichkeit wieder auf seine Nase -ja, die is' gut, die wird nach ihrem Vätern. Z'Haus hilft s' der Mutter, wo s'

nur kann auch bei der Stickerei. Die wird einmal a

Frau, Georg ja."

Ganz rot war Georg geworden, während Herr Franz Schneeberger so sprach. Es tat ihm so wohl, die guten Worte über Sephi zu hören, und er hätte doch nichts darauf zu sagen gewußt. Sie klangen nur immer wieder nach in ihm, während er neben dem alten Freund hinschritt die Grimmaische Straße hinauf, nach Auerbachs Keller hin, wo sie mit dem von Herrn Schneeberger zu Tisch geladenen Herrn August Thienemann Zusammentreffen wollten.

Und dann Wien! Erst, als Georg danach fragte, kam eine Flut von galligem Ärger, von nörgelndem Gebrumm und Mißvergnügen: kommunale Sauwirtschaft über- einand' liberale Schlamperei und der ganze lahm- lackerte G'müatlichkeitsschwindel!"

Aber als Herr Thienemann, der mit gespitzten Lippen und strahlenden Augen den Rüdesheimer aus dem grünen Römer schlürfte, es wagte, sachte in diese Tonart einzustimmen: Cha cha! Man heert's aber ooch allchemein, Herr Schneebercher! Wien ist im Rickgank, Perlin wird Wien noch iberfliecheln!" da kam der Wind in Herrn Schneebergers Rede sogleich von einer völlig andern Seite!

Was? Berlin?, lieber Herr von Thienemann! Hören S' mir damit auf, g'rad' jetzt bin i' zwei Tag' dort g'wesen, bevor ich daher nach Leipzig 'kommen bin! Berlin mit urfaden Kartandelhäuser! Berlin, wo ma' in der ganzen Stadt kei' vernünftig's Glas Bier kriegt, und wo ma' im besten Hotel schlechter ißt als in Wien im kleinsten Vor­stadtbeisel! Hab'n den neuen Burgring g'sehn in Wien? Sein amal im Burgtheater g'wesen? In an Stück mit dem Sonnenthal und dem Lewinsky und dem Baumeister und der Wolter? Hab'n . . ."

Cha cha kewiß, Herr Schneebercher ..."

Bitte, ausreden lassen! Hab'n amal an Ausflug in' Wienerwald g'macht i' bitt', in' Wienerwald, net in' iJrunewallü mit seine Föhrenstangerln, bei denen's Grüne erst im vierten Stock oben anfangt! Hab'n amal Wiener Volkssänger g'hört? Kennen den Prater? Die Wiener Universitätslehrer? Die Burgmusik? Hab'n amal a Wiener Rindfleisch g'essen? Oder Zwetschkenknödeln? Sein amal in an Fiaker g'fahr'n?"

Nee, das nu kerade nich ..." Ganz verdutzt und be­nommen von diesem Redeschwall sah Herr Äugust Thienemann auf sein Gegenüber.

Na alsdann, mein lieber Herr von Thienemann, dann reden S' nix! Nacher kommen S' erst amal nach Wien und schaun S' Jhna dös alles an, dann werd'n mir seh'n, ob's Ihnen g'fallt in Wien oder net! Und jetzt nix für ungut!"

Für unkud? I von wächen!" Herr Thienemann hob sein Glas.Bröstchen, Herr Schneebercher! Ihr Wien soll läben!"

Und die drei Gläser klangen aneinander.

Sie klangen noch manches Mal zusammen in dieser Stunde in Auerbachs Keller, und Georgs Gedanken waren dabei da­heim bei der Mutter und bei Sephi, deren Bilder ihn: so lebendig vor Augen standen, als gingen sie, unsichtbar für die andern, leis' durch das Dämmerlicht des alten Kellers, in

dem einst Doktor Faust den Zauberritt vollführte.

Auch auf Georgs Zukunft kam Herr Schneeberger zu sprechen in diesen Tagen seines Leipziger Aufenthaltes. Ganz aus sich selbst griff er am letzten Abend, da Georg ihn nach dem Hotel in der Roßstraße begleitete, die Frage auf:Z'erst

muaßt auslernen, und dann wird sich schon was finden. I' Hab' mit dem Herrn Gutkind schon d'rüber g'redt. Bei

ihm bleiben, in seinem Haus, sollst' nicht, das hat kein'

Zweck, denn was d' in die drei Jahr' net g'lernt hast hier,

das lernst a später nimmer. I' mein', du sollst dann in a Sortiment als G'hilf eintreten. Herr Gutkind wird schon an dich denken, wenn 'was frei wird bei einem von seine' Kom- mittenden. > Da hast' dann dein' G'halt und bist a selbständiger Mensch. Und da halt'st mir dann noch a paar Jahr aus bei mir is' auch net anders g'wesen und recht is' so. Und später ..." Herr Schneeberger räusperte sich, und sein Gesicht wurde wieder einmal ganz verkniffen in Unnahbarkeit und Brummigkeit.Na ja, wann's d' es scho' durchaus wissen magst, später kannst' dann amal bei mir eintreten ..." Doch als hätte er damit schon zu viel gesagt, setzte er dann hastig hinzu:Aber das brauchst' net wieder der Mutter zu schreiben, wird's schon noch erfahr'n, wann's Zeit is', das sag' i' nur dir, daß d' an Weg vor dir siehst, und daß d' dir keine Sorgen machst ..."

Und als Georg, der all die Weichheit im rauhen Mantel dieser Worte wohl fühlte, nach Herrn Schneebergers Hand griff, da entzog dieser ihm rasch seine Finger und legte ihm in hastiger und unbeholfener Bewegung den Arm um die Schulter.

Bua dummer!" sagte er, und während er sich wieder räuspern mußte und seine Stimme zwischen einem tief inneren Lachen und einem ärgerlichen Brummen schwankte: Und was für a Mordstrumm Lackel als er g'word'n is' . . . länger beinah als i'!"

Wieder Weihnachten für Georg das dritte in der Fremde.

Da trat um die Mittagstunde Herr Felix Gutkind in auffälliger Hast, eine Depesche in den Händen, in die Glas­tür, die sein Privatzimmer mit dem großen Kontor verband.

Cheorch!"

Herr Gutkind?" Georg kam hinter seinem Pult vor.

Gomm toch 'mal 'rein ze mir!"

Und als Georg hinter seinem Chef das kleine, von dickem Pfeifenqualm durchräucherte Zimmer betreten hatte, schritt Herr Gutkind an sein Pult und sah mit vorgesenktem Kopf unter der Brille hervor seinen ältesten Lehrling prüfend und ein­dringlich an.Es ist dir wohl begannt, daß ich seinerzeit

mit Herrn Franz Schneebercher eine dreichähriche Lehrzeit deinetwächen verabredet habe. . .?"

Ja, Herr Gutkind das weiß ich."

Hm. De hättest also noch bis ze Ostern Ze lernen bei mir. . ."

Ja."

Nu, da habe ich üben eine sehr trauriche Nachrichd begomm' . . . mein Kommittend, der Herr Hermann Schulze