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in Breslau, der Inhaber der Schulzeschen Buchhandlung, hat sich heite nacht erschossen..."
Herr Gutkind hielt ein; seine Augen ruhten scharf auf Georg. Dann nickte er, griff die kurze braune Holzpfeife vom Tisch, zündete sie an und paffte ein paar dicke Wolken vor sich hin. Und obwohl der alte lendenlahme Dachshund, ganz ruhig und apathisch auf seinem einstmals grünen Fauteuil liegend, die Auseinandersetzung mit angehört hatte, sagte Herr Gutkind doch, in alter Gewohnheit: „Ruhich, mei' Hundche'! Cha — scheen ruhich, Männe! Soo —. Braves Hundche' — cha!"
Dann erst, als sein Blick wieder auf die Depesche gefallen war, wendete er sich wieder an Georg:
„Nu cha — also de gennst de Verhältnisse in der Schulzeschen Buchhandlung. Es ist eine alte Firma, im Grund auch gud — un' der Herr Schulze war mir befreundet. Ich habe dem Mann ziemlich viel Geld vorgeschossen — er war üben schon seit Jahren im Schlamassel. Nu hat er aufs Weihnachtsgeschäft wieder kroße Hoffnungen kesetzt — und wie's nich so king, wie er sich's dachte — es gamen da noch kanz eichen- artiche Dinge dazu..." Herr Felix Gutkind schüttelte leise den Kopf und sah in den blauen Rauch, der seine Wolken durch die Stube wob.
Plötzlich sprach er dann weiter:
„Nu also, um gurz ze sein: ich brauche ein'n Mann dort, auf den ich mich verlassen gann, bis das Keschäft ein' neien Besitzer hat. De hast dich tichtich kesiehrt in deiner Lehrzeit '— de bist ein ernster und verläßlicher Mensch keworden — ich schenk' dir die paar Monate, ich mach' dich zum Kehilfen und schicke dich dort hin. Un' nu' mußt de aber morchen frieh schon fahren — wenn's ooch der Christtach ist . . . .Geht das?"
„Ja, Pas geht", sagte Georg, und die Freude über das Vertrauen seines Chefs und die schöne Aufgabe, die vor ihm stand, drängte das Mitleid mit dem Mann zurück, dem schwere, ringende Sorgen die Waffe in die Hand gedrückt hatten.
„Nu, dann wollen wir rasch das Wichtikste besprechen . . ."
Und nun begannen in dem räucherigen Privatkontor die Erläuterungen des Herrn Gutkind zu dem traurigen Fall, in dem Georg seine Sporen als Gehilfe verdienen sollte. Beinahe eine Stunde währten die Ausführungen und Weisungen des Chefs, dann schrieb er noch das Lehrzeugnis für Georg und gab ihm Geld zur Reise und zur ersten Lebensführung.
Als Georg sich zum Schluß bedanken wollte, wehrte Herr Felix Gutkind ab: „Schon kuud — das nehm' ich als ke- nossen! Nu mach' dei' Sache kuud — un' mach mer Ehre da draußen im Läben! Un' nu' geh mit Kott'! Cha — un verkiß nich', kleich ze schreiben, wie alles steht. . ."
Herrn Felix Gutkinds Augen senkten sich und sahen durch die Brillengläser auf das Pult nieder. Langsam lesend bewegten sie sich von links nach rechts und rasch zurück und wieder von links nach rechts, als folgten sie den Zeilen des Kontos „Schulzesche Buchhandlung", das da noch vor ihm aufgeschlagen lag. Und ganz still war der große, seltsam häßliche Kopf bis auf das Leben dieser Augen.
Leise hüstelnd bewegte sich der Hund. „Ruhich, Männe — ruhich ..."
Georg stand noch immer da. Ihm war es, als müßte er noch etwas sagen — als wäre das kein Abschied von einem Mann, in dessen Dienst er durch beinahe drei Jahre gestanden, der sein Lehrherr gewesen war und ihm die Grundlage seines Berufes gegeben hatte. „Herr Gutkind..."
Die Augen hielten ein in ihrer Wanderung über die Zeilen und sahen unter der Brille hervor auf. Der Kopf bewegte sich nicht — nur ein fragendes Erstaunen lag in den Zügen.
„Cheorch — de bist noch da?"
Da fielen dem jungen Gehilfen all' seine warmen Worte ins Nichts. „Adieu, Herr Gutiind!" sagte er nur.
Und „Adchee — adchee..." klang es zurück.
Seltsam weh war es Georg dabei, und wie er draußen durch die mittagsstillen leeren Kontorräume schritt, da kiel es ihm mit einem Male ein, daß dieser unpersönliche,
verschlossene Mann ihm während der beinahe drei Jahre nicht einmal seine Hand gereicht hatte.
Nicht zum Gruß beim Kommen und nicht zum Abschied . . .
Dann schritt Georg über den jungen Schnee, der auf den Straßen lag, nach Hause — und dachte der Menschen, von denen ihn sein Leben nun trennen würde, und dessen, was die Stadt und die Jahre ihm gegeben hatten.
Bei Thienemanns wurde er schon mit Spannung erwartet. Die lange Besprechung mit dem Chef hatte die Neugier des Herrn August Thienemann aufs höchste gereizt. Erst hatte er abwarten wollen, bis Georg herauskommen würde, um gleich zu erfahren, worum es sich handelte, dann aber hatte ihm das zu lange gedauert — so war er gegangen.
Die Nachricht, die Georg brachte, traf Herrn August wie Frau Karola schmerzlich — sie hatten Georg beide liebgewonnen. Und namentlich die gutmütige und runde Frau machte kein Hehl aus ihrem Trennungsleid.
„Nu ist mer doch chahrelank beisamm' kewäsen — un' daß genn' Se nich' anders suchen, Pang — kuud haben Se's toch kehabt bei uns — nich wahr, Auchust? — wir haben toch kewiß nirgend was fehlen lassen — cha . .! Un' nu weeß ich gleich nich' mal, ob Se denn Ihre Wäsche so schnell noch kriechen genn' von der Waschfrau — un' das dritte Paar Schuhe is' ooch noch beim Schuhmacher. . . Aber da heißt's äben ooch: Aus den Auchen, aus dem Sinn! Nu geht er ze de fremden Leite, un was mer da chahrelank ketan hat, das is verkessen im' wechkeplasen..."
Und auf einmal setzte sich Frau Karola Thienemann mitten in der Guten Stube, in der schon Vorbereitungen für die abendliche Bescherung getroffen waren, kerzengerade auf einen der von ihren Schutzhüllen noch wohlverdeckten Prunkfauteuils, legte die beiden molligen Hände vor das Gesicht und begann gottsjämmerlich zu schluchzen.
Da mußte denn Herr August trösten: „Aber Garolachen — i, nu nee, sowas! Is' toch nur Breslau! Der wird sich umsähen! Breslau — un' nach Leibz'ch! Nu, so weine nur nich — muß doch ooch emal sein — oder soll er wie ich sei' Läben lang da in der Ferma A. Che. Kntgind kleben pleiben? . . . Nu also!" Und dabei flitzten seine blanken Elsternaugen hin und her. Sie blinzelten Georg zu und beruhigten Frau Karola — und hatten doch eine eigene Unsicherheit am Grunde, die sich in all' der Geschäftigkeit kaum verbarg.
Georg selbst wurde ganz weich. Die beiden Menschen standen ihm mit einem Male nun, da die Stunde des Scheidens kam, näher als je vorher.
Nachmittags nahm er Abschied von seinen Freunden.
Er war bei Frau von Hellstem, die ihn voll Güte und voll mütterlicher Liebe aufnahm.
„Sie gehen also auch, mein lieber Bang!?" Die alte feine Frau saß im Salon auf einem dieser mild verblichenen Seidenstühle, und auf dem kleinen faltigen Gesichtchen, in dem nur noch die beiden Augen ein träumerisches junges Leuchten hatten, saß um den schmal gewordenen Mund ein wehes Lächeln. „Wie doch die Zeit vergeht! Drei Jahre warm es beinahe? Ach nein — wie ist das möglich! Mir ist's, es wäre Monate erst her, daß ich Sie damals vor den: Bild meines Franz getroffen habe . . . Und das — das Hab' ich Ihnen nie vergessen, mein lieber Georg ..." Ihr Blick ging durch die offene Flügeltür und träumte auf den: großen Bild des schönen Mannes.
Nach einer Weile, die es still im Zimmer war, daß nur die alte Bronzependüle, an der Poseidon auf dem Wolkenwagen an einem dünnen Stänglein hängend als Pendel hin und wider fuhr, ihr Ticken hören ließ, sprach sie dann vor sich hin:
„Wie seltsam es in meinen: Leben ist. Die Menschen gehen alle, und nur ich alte Frau muß bleiben. Aber die einen gehen — und wenn sie auch gegangen sind und tot sind oder fern, so leben sie mir doch und sind mir nah. Das ist mit meinem Franz so, der meinem Leben erst die Sonne gegeben hat, und ist mit vielen jungen Menschen so, die meinem
1906. Nr. 29.
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