626
Alter von ihrer frohen Jugend ein Stück ins Haus getragen haben. Auch Sie — ich weiß das, Georg — Sie werden mir nah und lebendig bleiben."
Sie hob die schmale, blasse Hand und strich ihm leise über den Arm. „Haben Sie Schmerlin gekannt? Ossipp Schmerlin — den Geiger? Aber natürlich haben Sie ihn gekannt — Sie waren ja Freunde! Sie mußten Freunde sein!" Mit einem Lächeln, das um Entschuldigung zu flehen schien, fuhr sie über die eingefallenen Schläfen. „Mir mengt sich die Vergangenheit oft ineinander — dann scheint mir Nahes fern und Fernes nah... Ja — was ich sagen wollte: auch Ossipp Schmerlin ist mir nahgeblieben — obwohl er doch über dem großen Wasser ist. Nun feiert man den feinen Künstler drüben in Washington und Philadelphia und in Chicago. Er aber schreibt mir, wie man einer Mutter schreibt ..."
Dann glitt es ernst und zitternd über ihr Gesicht.
„Verloren habe ich in dieser Zeit nur einen einzigen, auf den ich viel gehalten habe . . . Falk ... Es soll ihn:
übrigens recht gut gehen — Schmerlin hat ihn getroffen in Chicago: er hat sich dort verlobt mit der Tochter eines sehr reichen deutschen Brauers — vielleicht ist er auch schon verheiratet . . . Und denken Sie, mein lieber Georg, er soll sich hier ganz ernst auch für ein liebes junges Mädchen interessiert haben, die in meinem Haus verkehrt hat . . . Wie doch das Leben ist . . .!"
Georg küßte die lieben alten Hände, als er ging. Und wie sich dann das eiserne Gittertor des Gartens hinter ihm schloß, sah er noch lange zurück auf das zierliche Häuschen mit seinen Pergolen und Loggien, mit seinen Friesen und bunten Malereien, das in den schneebedeckten Beeten und Anlagen wie ein Stück glücklich träumende Vergangenheit gebettet lag — ein Märchenschloß im Geist Moritz Schwinds.
Und weiter ging sein Abschiedsweg, zu Teltscher, der jetzt schon seit einem halben Jahr ein eigenes Atelier besaß, und zu Mariane Mann. Er hätte nicht von Leipzig scheiden mögen, ohne auch ihre Hand zu halten. Und von dem Freund wie auch von der jungen Frau nahm er Bilder voll Stärke und voll Herzlichkeit mit auf den Weg.
Den Bildhauer hatte er bei der Arbeit an einem Mädchenkopf getroffen — und Teltscher, der sonst nie zu den Geheimniskrämern zählte, hatte bei Georgs Eintritt mit knurriger Verlegenheit ein nasses Tuch über das Werk geworfen. Und doch war's Georg in dem Augenblick, als sähen ihn da aus dem feuchten Ton zwei junge stille Augen an, ein liebliches Gesicht mit einem frühen Weh, darunter wiederum ein neues Blühen keimen will — Else Bernhardt.
Mariane Mann aber hatte, als Georg kam, den Weihnachtsbaum in ihrem jungen Heim geschmückt.
Es dämmerte, als Georg heimwärts schritt.
Hier und da schon waren die Fenster hell — der Widerschein strahlender Christbäume fiel durch die Scheiben. Und unten hasteten die Menschen, die meisten reich beladen mit Paketen und in den Zügen eine stille Freude.
Georg ging durch den Trubel der abendlichen Gassen.
Wie eng sie ihm heut wieder alle schienen — und doch wie heimelig sie waren! Auch von ihnen waren ihm manche in den Jahren, die er hier weilte, wie Freunde geworden, denen sein Abschiedsweg nun galt. Rasch schritt er durch die einen — hier war allein sein Nicken, ein Blick über die
Häuser und das Getriebe sein letzter Gruß. Langsam und zögernd ging sein Fuß durch andere. Da sahen ihn die
alten grauen Bauten mit ihren Schneekapuzen und ihren weißgekrönten Simsen an, als wüßten sie, was jetzt sein Fühlen war. Wie oft in Müdigkeit nach arbeitsvollen Tagen,
in Sehnsucht und in Träumen nach der Heimat war er hier
hingeschritten. Jetzt aber, da es ans Scheiden ging,
empfand er weh und staunend, daß die Fremde ihm doch nahegetreten war. Wie Herr August Thienemann und Frau
Karola! dachte er — und er ging rascher, denn er wußte, daß die mit ihrer Weihnachtsfeier in der „Guten Stube" auf seine Rückkehr warten mochten . . .
Und manche Träne floß an diesem Abend der guten Frau Karola noch in den Weihnachtspunsch und auf die selbstgebackenen Mandel- und Rosinenstollen, denn Georgs Reisekoffer — die alte Gabe des Herrn Franz Schneeberger — stand während der Bescherung schon offen in der schmalen himmelblauen Stube. Und ihr, der Frau in reifen Jahren, die nie ein Kind besessen hatte, war es trotz aller Worte ihres Mannes mit einen: Male so einsam und so weh in ihrem Herzen.
Den größten von den Mandelstollen mußte Georg mit in seinen Koffer packen, und auf dem Weihnachtstisch fand er ihr Bild und eine silberne Krawattennadel, die er, das mußte er versprechen — „stäts ästemieren un' in Ehren halten" wollte.
Als aber alles ruhig war im Haus und Georg in der schmalen Stube zum letzten Male an dem Stehpult stand, schrieb er noch einmal an die Mutter und an Sephi. Er wußte es, das war die beste seiner Weihnachtsgaben: der Schritt, den er im Leben weiter tat.
Am nächsten Morgen aber, früh, als noch der Dämmerschein der Heimgegangenen Nacht über den Straßen lag, gab Herr August Thienemann ihm das Geleit zum Bahnhof . . .
(Fortsetzung folgt.)
Deutscher Schulverein in Muenos Aires. Der siebente Jahresbericht des deutschen Schulvereins in Buenos Aires stellt erfreulicherweise ein stetes Anwachsen der Schülerzaht fest und läßt deutlich erkennen, daß auch das der deutschen Schule entgegengebrachte Interesse von Jahr zu Jahr zunimmt. Mit besonderem Dank wird der hochherzigen Beihilfe des Deutschen Kaisers gedacht, der auch im vergangenen Jahr 15 000 Mark aus dem Reichsfonds bewilligt hatte, und an diese Danksagung knüpft der Verein die an alle Freunde der deutschen Schulen im Ausland gerichtete Bitte, doch durch Zuwendung von Geld und entbehrlichen Schul- und Lesebüchern die Lehrer- und Schülerbibliotheken dieser Schulen unterstützen zu wollen. Wir schließen uns dieser Bitte an und möchten die Aufmerksamkeit unserer Leser darauf lenken, doch alle etwa in Schränken und Laden, Kinderzimmern und Rumpelkammern unbenutzt, ungelesen herumliegenden Bücher zu sammeln und sie der deutschen Schule in Buenos Aires einsenden zu wollen, sind doch diese Schulen die zuverlässigsten Stützpunkte für die Kulturarbeit deutscher Pioniere im Ausland.
Julius Stockljausen. (Zu dem Bildnis auf nächster Seite.) Am 22. Juli d. I. begeht Julius Stockhausen, der berühmte Gesanglehrer und einstige Meistersänge:', seinen 80. Geburtstag. Er gehört auf den: Gebiet der Gesangskunst und -Pädagogik zu den bedeutendsten Erscheinungen des vergangenen Jahrhunderts, und eine Reihe berühmter Sänger und
Sängerinnen verdanken ihm Ruhm und Karriere, sind aus seiner strengen Schule hervorgegangen. Julius Stockhausen war, was Talent und Liebe zur Musik betrifft, „erblich belastet". Seine Eltern waren beide ausübende Musiker: der Vater ein Harfenvirtuose, die Mutter, geb. „Margarete Schnuck", eine s. Z. rühmlichst bekannte Sängerin. Die holde Stimme der Mutter war es denn auch besonders, die des Knaben musikalisches Empfinden zur Entfaltung brachte, und er hatte das seltene Glück, die eigene Begabung und Neigung mit dem Wunsch der Eltern zusammenstimmen zu sehen. Das Pariser Konservatorium und des kürzlich erst verstorbenen Manuel Gareias nie fehlende Hand leiteten das junge Talent in die rechte Bahn, und eifrig betriebene Sprachstudien kamen dem Sänger Stockhausen zugute. Auf dem Musikfest zu Düsseldorf, im Jahre 1853, erregte der Gefang Stockhausens zum erstenmal Aufsehen bei Fachleuten und Publikum, und die nächsten Jahre brachten eine Kette glänzender Erfolge im Konzertsaal. Er war der gefeiertste Sänger Deutschlands geworden, und, von 1862 bis 1867 auch der Dirigent der Philharmonischen und Singakademie-Konzerte in Hamburg. Vorübergehend war Stockhausen auch in Süddeutfchland — so nahm er 1869 in Stuttgart eine Stellung als Kammersänger au — aber die Jahre 1874-78 finden ihn in Berlin, wo er als Direktor des damals verwaisten Sternschen Konservatoriums eine segensreiche Tätigkeit entfaltete und sicher geblieben wäre, wenn die Verhältnisse sich seinem Wunsch gemäß gestaltet hätten.