Heft 
(1906) 29
Seite
627
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Es war ein großer, schwerwiegender Verlust für die Reichshauptstadt, daß Stockhaustn 1878 nach Frankfurt übersiedelte und dort, erst als Lehrer des Hochschen Konservatoriums, dann an der selbstgegründeten Gesangschule, die studierenden Sänger und Sängerinnen nach'zog. Diese Schule, die heute noch besteht, aber seit neuerer Zeit in die Hände des Musikdireltors Parlow übergegangen ist, hat viele der schönsten, glänzendsten Talente herangebildet, und ein zweibändiges Werk, in dem Stockhausen seine Unterrichtsmethode niedergelegt hat, ist das Brevier zahlloser Gesangstudierender. Ter 80. Ge­burtstag Stockhausens wird den über die ganze Welt verstreuten Schülern und Schülerinnen des verehrten Meisters Gelegenheit geben, ihn mit Beweisen der Dankbarkeit, der Liebe zu über­schütten, uns aber soll er erinnern an das, was Stockhausen geleistet und errungen hat, als aus­übender Künstler vornehmster Art und als Lehrer Tausender, denen er Ziel und Wege gewiesen.

Drachen im Gewitter. Der Drachen, sonst ein Spielzeug der Jugend, wurde von Benjamin Franklin in den Dienst der Wissenschaft gestellt und half dem großen Amerikaner, die geheimnis­volle Natur der Gewitterentladungen zu enträtseln.

Nach einer langen Pause wird er in der Neuzeit von den Meteorologen wieder zur Erforschung der höheren Luftschichten benutzt. Bei seinen Auf­stiegen ist er natürlich oft der Einwirkung der Wolkenelektrizität ausgesetzt. Damit hierbei kein Unglück geschehe, trifft man selbstverständlich Vor­sorge. Die Winde, um die der Drachendraht ge­wickelt ist, wird durch Leiter gut mit der Erde verbunden, damit kein Spannungsunterschied zwischen Winde und Erde entstehe und elektrische Schläge vermieden werden. Wenn aber der Drachen rasch emporsteigt und in Wolkenschichten gerät, die eine von der bis­herigen Umgebung gänzlich verschiedene elektrische Ladung besitzen, oder wenn bei böigem Wetter dunkle, stark elektrisch geladene Wolken gegen den Drachen anstürmen, dann geschieht es wohl, daß der Draht solchen Spannungsänderungen einen zu großen Widerstand bietet und eine Ent­ladung längs des Drahtes erfolgt. Uber solche Katastrophen hat neuer­dings Or. Perlewitz in denAnnalen für Hydrographie" berichtet. An ei­nem Apriltage wurde auf dem Hamburger Versuchsfeld wäh­rend einer Schnee- und Wolkenbö ein Drachen aufgelassen.

In wenigen Minu­ten stieg er von 2000 auf 2350 Meter.

Da erfolgte ein Blitz längs des Drahtes.

Ein Heller Funken- regen wie bei einem Feuerwerk ergoß sich weit fort über das Drachenfeld. Er rührte von den glühenden Teilen des geschmolzenen Drahtes her, dessen Restbestandteile man als kleine Hohlkügel­chen auf der feuchten Wiese sammeln konnte. Während des ganzen Tages war diese Entladung das einzige Zeugnis einer elektrischen Er­scheinung in der At­mosphäre; nicht ein Blitz oder Donner wurde sonst wahr­genommen. Ein ähnlicher Fall er­eignete sich an einem Julitage vorigen Jahres bei böigem Westwind mit schwarzen Haufen­wolken. Man hatte bereits 2980 Meter Draht aufgelassen, und der Drache stand etwa 1400 Meter hoch, unsichtbar in

einer Wolke, die bis 1250 Meter herabreichte. Man wollte die ab- warten und, wenn der Zenith sich aushellte, einen Hilfsdrachen nachsenden. Da erfolgte plötzlich ein furchtbarer Krach: eine hellrot und weißglühende, fast 3000 Meter lange Linie zog sich vom Standpunkt der Beobachter bis hoch in die Wolken hinauf. Binnen kurzen: wurde sie in einen gelblich roten Dampfstreifen verwandelt, der langsam vom Wind verweht wurde. Während dessen vernahm man ein dumpfes, ziemlich langanhaltendes Don­nerrollen. Die und die Gewitterwolke ver­schwanden, desgleichen aber auch der Drache mit 3000 Meter Draht, der vollständig verdampft wurde. Diese Beobachtungen lehren, daß es wohl möglich ist, durch Drachenaufstiege elektrisch ge­ladene Wollen zu entladen und ein Gewitter ein­zuleiten oder einen Gewitterschlag an einem beliebigen Ort hervorzurufen. Andererseits kann man auch durch solche Entladungen ein sich bilden­des Gewitter zunichte machen oder seinen Aus­bruch verzögern. Eine praktische Anwendung dieser Methode ist nicht ausgeschlossen, allerdings sind solche Experimente gesährlich, da sich an der Drachenwinde Kugelblitze bilden können.

Die feierliche Grundsteinlegung zum neuen Ilniversitätsgeöäude in Kreiöurg i. A. ver sammelte in der badischen Universitätsstadt viele Würdenträger, die gesamte studentische Jugend und zahlreiche Ehrengäste, u. a. den Großherzog und die Großherzogin von Baden, die die ersten Hammerschläge auf den Grundstein des neuen Universitätsgebäudes taten. Vor nahezu 450 Jahren wurde die Freiburger Hochschule durch Erzherzog Albert Ludwig von Österreich gegründet. Der Wellenschlag geschichtlicher Ereignisse brauste über sie her, erst als sie nach dem Preßburger Frieden an die Krone Baden kam, nahm ihre Entwicklung einen ruhigen Verlauf; hoffentlich steht dieser gute Stern auch über ihrer neuen Stätte!

Der russische Kieryandel. Die russische Hühnerzucht hat all­mählich einen derartigen Umfang gewonnen, daß sie einen großen Teil des Eierbedarfs in den westlichen Kulturstaaten decken kann. Das

Haupterzeugungsgebiet umfaßt die Gouvernements Tambow, Kurts, Orel,

Rjäfan, Tula und

Professor Julius Stockhausen feiert seinen 80. Geburtstag.

Am Strand

die Gegend all der mittleren Wolga. Rußlands Eieraus­fuhr kommt der Menge und Beden tung nach gleich hinter die Haupt- aussuhrartikel Ge­treide und Flachs zu stehen. Allein über die europäische Grenze wurden im Jahr 1903 2768

Millionen Eier im Wert von 51 Milli­onen Rubeln ver­sandt. Die Eier gehen mit der Eisen­bahn zumeist nach den Ostseehäfen, um dort nach Deutsch­land, den Nieder­landen, Belgien, England und Frank­reich verschifft zu werden. Verhält­nismäßig gering ist die Eierausfuhr über die deutsche Grenze mit der Bahn; sie betrug 1903 nur .. 670 000 Pud. Uber die österreichi­sche Grenze gingell 2 075 000 Pud', über die rumänische 406 000 Pud.

Die Eröffnung der Jintschgan- öahn. (Zu der

umstehenden Ab­bildung und Karte.) In Gegenwart des Erzherzogs, Eugen von Österreich