703 -
Seite, ein Umstand, der dem richtigen Bergfexen eigentlich als ein Vorzug gilt. Doch hier sind die Schwierigkeiten und Umständlichkeiten allzu groß, so daß man sich mit dem Berg meist lieber gar nicht erst befaßt.
Ich selbst wurde auf ihn anläßlich einer Besteigung des Matterhorns aufmerksam, die ich von der italienischen Südseite her unternahm. Man hat ihn da etwa sieben Stunden
lang unmittelbar hinter sich und interessiert sich unwillkürlich
Unsere Karawane war vier Personen stark. Ein Zermatter Führer begleitete mich, und mein Mann hatte einen jungen Tiroler Burschen mitgenommen, den er in die Geheimnisse der Bergsteigerkunst einweihen wollte. Da wir alle den Berg auf seiner Anstiegseite nicht kannten, so wurde der erste Tag nach unserer Ankunft in Praraye einer Rekognoszierung gewidmet. Wir zogen eine Stunde weit das von Wäldern und prächtigen Matten bedeckte Tal hinauf, überschritten bei einer tief eingeschnittenen Klamm den Bach und erreichten unter Umgehung der senkrecht abstürzenden Felswände die lange, von unzähligen Trümmern bedeckte Moräne, deren Überschreitung recht mühsam war. Dann wurde der sanft abfallende, spaltenfreie Gletscher Za-de-Zan betreten, der sich mehrere Kilometer weit in das Gebirge in der Richtung von Zermatt erstreckt. Aber wenn wir gehofft hatten, von hier aus einen Überblick auf unfern Berg zu erhalten, so wurden wir enttäuscht. Der Hang zu unserer Rechten, von dem sich ungeheure, zerklüftete Gletschermassen steil herabsenkten, versperrte jeden Ausblick nach ihm, und im Weiterschreiten konnte man nur dann und wann seine höchste Spitze sehen. Nach mehrstündiger Wanderung mußten wir unverrichteter Dinge wieder umkehren, was recht mißlich
KM
-' ^
Matterhorn und Dent d'Äörens aus der Gegend von Zermatt.
für ihn. Die gewaltige Pyramide mit den hängenden Gletschern zur Rechten, den riesigen Felswänden links und dem prächtigen Grat, der zu ihr hinüber führt, bildet bei jedem Ausblick den eindrucksvollen Vordergrund und lockt förmlich, auch sie zu bezwingen. Denn der Kenner sieht sofort, daß der Ausblick von dort drüben, insbesondere auf das Matterhorn überaus großartig sein muß. So wurde auch bei meinem Mann und mir der Wunsch rege, die Besteigung auszuführen, aber immerhin vergingen mehrere Jahre, ehe es dazu kam und wir, nach einer Überschreitung des Hauptgebirgkamms, das obere Val Pelline durchwandern konnten. Es ist dies ein Seitental des bekannten, zum Fuß des Montblanc führenden Valle dÄosta, das sich bei dem gleichnamigen Städtchen abzweigt und etwa 36 Kilometer weit das Gebirge durchzieht. Es ist auf beiden Seiten von schwer erreichbaren Felsrücken eingeschlossen und hat nur wenige dürftige Ortschaften aufzuweisen, die eine äußerst primitive Unterkunft gewähren. Auch kein Schienenstrang durchschneidet das Tal, kein Pfiff der Lokomotive wird hier hörbar, so daß es so gut wie gar nicht besucht wird. Dies Letztere ist recht bedauerlich, denn die am obersten Talende gelegene Alm Praraya gehört mit ihrer großartigen, gletscherreichen Umgebung mit Zu dem Schönsten, was es in den Alpen gibt. Aber schließlich ist die Einsamkeit, die man da findet, nur geeignet, die Reize des Tals zu erhöhen.
2
Die Dent d'Äerens von den Südhängen des Matterhorns.
war, denn bei der langwierigen Besteigung durften wir nicht viel Zeit verlieren, und ob es uns ohne vorherige Kenntnis des Geländes gelingen würde, durch das steile Eislabyrinth an den Fuß des Bergkegels zu gelangen, war zum mindesten fraglich. Hatte uns doch ein Freund die tröstliche Auskunft gegeben, daß wir ruhig acht Tage lang zwischen den Eistrümmern herumirren könnten, wenn wir nicht gleich den richtigen Weg fänden. Und ein Schritt abseits konnte schon genügen, um einen solchen Mißerfolg unserer Wanderung zu zeitigen.
Die Nachtruhe war kurz. Schon um ein Uhr traten wir beim Schein einer Laterne in die dunkle Nacht hinaus und