Heft 
(1906) 33
Seite
704
Einzelbild herunterladen

704

erreichten nach raschem Marsch die Stelle wieder, an der wir tags zuvor umgekehrt waren. Dann stiegen wir, mehr dem Instinkt als wirklicher Überlegung folgend, eine lange Geröll­halde am Fuß der das Tal abschließenden Tete de Bai Pelline hinauf, bis wir den Gletschersturz erreichten. Nun folgte eine lange Wanderung durch die mächtigen, sich steil auftürmenden Eismassen, eine Wanderung mit all der Aufregung und bangen Erwartung, die stets mit einer solchen schwierigen Gletscherwanderung verbunden sind. Immer wieder standen wir vor gähnenden Schründen, senkrechten, glatten Wänden, trüge­rischen Brücken, immer wieder muß­ten wir im Zickzack bald hierhin, bald dorthin ausweichen oder das Hinder­nis, das sich in den Weg stellte, übersteigen. Aber in dem Bestreben, uns stets möglichst an dem seitlichen Rand des Glet­schers zu halten und stets Hohe zu gewinnen, waren wir doch vom Glück begünstigt und sahen das ge­fährliche Labyrinth nach mehrstündi­gem Kampf schließ­lich hinter uns liegen. Wir stan­den jetzt am Rand eines sanft ansteigenden Plateaus, das sich mehrere Kilometer weit nach rechts hin ausdehnte, während zur Linken das Tiefenmattenjoch sich nur wenig über unsern Standpunkt erhob. Inzwischen war es Tag geworden und wir konnten das großartige Schauspiel eines Sonnenaufgangs bewundern, das sich in der eisigen Umgebung doppelt schön gestaltete. Wie funkelnde Lichter hoben sich die Bergesspitzen von dem sich rötenden Himmel ab, dann fluteten die Lichtstrahlen in dicken Büscheln über die vorliegende Höhe herüber und warfen lange Schatten auf die weiten Gletscherflächen. Der Schnee begann zu glitzern, und die Spalten, die bisher in

trügerischem Grau dagelegen hatten, hüllten sich jetzt in tief­schwarzes Dunkel.

Machen wir nun kurz einen Abstecher nach der benach­barten Tete de Bal Pelline, um die Umgebung des Berges zu betrachten, die unser untenstehendes Bild wiedergibt, das mein Mann und ich dort einige Jahre später in Erinnerung an unsere erste Besteigung der Dent d'Hörens aufnahmen. Wir sehen da unsern Berg zur Rechten des Matterhorns sich als eine präch­tige, schlanke und steile Pyramide aus dem Grat des in Schatten gehüllten Tiefenmattenjochs erheben. Zwei hängende

Gletscher liegen übereinander an der steilen Firn­wand, scheinbar in Verleugnung ihrer eigenen Schwer­kraft. Jenseits des Tiefenmatten­jochs sehen wir die weite Hoch­fläche des Za-de- Zangletschers, die in einen zackigen Kamm ausläuft und den Col des Grandes Murailles trägt, der links neben der Dent d'Herens sichtbar wird.

Wir hatten un­mittelbar am jen­seitigen Fuß des Tiefenmattenjochs bei den großen Spalten Halt gemacht und überlegten, was jetzt zu tun sei. ZweiWege" standen uns zur Verfügung. Bei dem einen handelte es sich darum, den Col des Grandes Murailles zu erreichen und von dort nach links in die Höhe zu klettern. Ersteres war leicht. Ob es uns aber gelingen würde, den richtigen Weg über die Felswand zu finden, die auf unserm Bilde wesentlich verkürzt erscheint, war zweifelhaft. Jedenfalls war die Gefahr des Verirrens hier vorhanden. Die andere Route führte ohne Schwierigkeit nach dem Tiefenmattenjoch und von da über den sich schlank emporschwingenden Felsgrat nach der breiten Firnfläche über die hängenden Gletscher und

^ ""

Wundt, Phot.

Prarayö.

Die Dent d'Äörens von der Töte de Val Pelline.