Heft 
(1906) 37
Seite
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UM das Wohlergehen eines ganzen Armeekorps zu den eigenen Nöten schweiften, und als zum erstenmal der RufHilfe!" irgendwoher aus dem Wald an sein Ohr drang, hörte er kaum hin. Als einzige Wirkung ergab sich eine seltsame Jdeenoerbindung, die Erinnerung an ein altes Ammen­märchen aus längst vergangenen Kindertagen . . . So, hieß es, rief an schwülem Sommerabend die böse Waldmahr, wenn sie einen einsamen Wanderer erspähte, der arglos in ihr Revier geraten war, lockte ihn immer tiefer in Bruch und Heide, bis er im Borwärtseilen auf tückischen Moorboden trat, um rettungslos im abgrundtiefen Schlamm zu ver­sinken . . .

Troß der brütenden Hitze im engen Waldgestell lief dem Reiter ein jähes Frösteln den Rücken entlang, und unwillkür­lich flog's ihm durch den Sinn, daß sein ganzes bisheriges Leben eigentlich nichts anderes gewesen war als ein leicht­fertiges Schreiten auf trügerischem Boden, hinter Tand und Verlockung her; jeder Augenblick hatte den rühmlosen Unter­gang bringen können, und gottlob nur, daß noch zur rechten Zeit die Warnung gekommen war ... So eingesponnen hatte er sich in Traum und Erinnerung, daß er schon nach dein Zügel griff, um die Stute auf den Rückweg zu wenden, aber da, jetzt kam der Ruf wieder. Eine Helle Frauenstimme schrie lautHilfe!" drei-, viermal hintereinander, um dann jäh­lings wieder zu verstummen. . . Ein armes polnisches Tage­löhnerweiblein vielleicht, das auf verschwiegenem Schmuggler­gang einem der an der Grenze lauernden Straschniks in die Hände gefallen war und mit dem rohen Burschen um das bißchen armseligen Kram rang, den es sich wegen ein paar Pfennig Ersparnis aus dem preußischen Maldeinen geholt hatte ...

Einen Augenblick lang hob Henner den Kopf, um sich über die Richtung zu vergewissern, aus der der Ruf gekommen war, dann setzte er über den Graben und ließ die brave Bessie laufen, so rasch, wie das dichte Fichtenunterholz zwischen den hohen Kiefernstämmen es erlaubte. Vielleicht, daß es ihm gelang, das Herz des rauhen Russenkriegers durch eine blanke Reichsmark zu rühren, so daß er sein armes Opfer fahren ließ . . . Aber, Schwerenot noch mal, die Affäre, die sich dort ein paar hundert Schritte weiter hinter den Bäumen abspielte, schien weit weniger harmlos zu verlaufen, als er angenommen hatte. Der scharfe Knall eines Büchsenschusses zerriß die Luft, brach sich im Widerhall an den steilen Ufern des kleinen Waldsees, danach aber wiederum ein gellendes Hilfegeschrei, das nach ein paar Augenblicken genau so rätselhaft wie vorhin ver­stummte.

Da sprang er aus dem Sattel, warf die Zügel seiner Bessie um den nächsten Fichtenast und hetzte vorwärts: zu Fuß ging's rascher in dem dichten, von stachligen Wacholderbüschen durch­setzten Unterholz. Und als er endlich, außer Atem und das Gesicht voll Spinnweben geklebt, am Ufer stand, bot sich ihm ein Schauspiel, das ihn im ersten Augenblick unwiderstehlich zum Lachen reizte. Drüben, auf der russischen Seite des Sees, durch dessen Mitte die Grenze lief, stand ein ungeschlachter Kerl in dem schmutzigweißen Kittel der Grenzsoldaten, das Gewehr halb im Anschlag, und schimpfte wie ein Rohrsperling in den zischenden und gurgelnden Lauten seiner Muttersprache, ohne daß weit und breit jemand zu entdecken war, dem die greulichen Verwünschungen gelten mochten . . .

Im nächsten Augenblick aber verging dem Zuschauer das Lachen: da unten ging's um Tod und Leben! Aus den leichten Kräuselwellen, in denen das Licht der sinkenden Sonne sich mit tausend glitzernden Reflexen brach, hob sich ein blasses Menschenantlitz, ein kurzer Hilferuf hallte über das Wasser, und aus dem Gewehr des Russen brach ein Heller Feuerstrahl. Klatschend schlug die Kugel ein paar Handbreiten hinter der Stelle ein, an der der Kopf wieder verschwunden war, eine ganze Flut rotblonden, im Sonnenglanz aufleuchtenden Haares nach sich ziehend wie eine Welle aus Blut und Gold nahm es sich aus . . .

Den Bruchteil einer Sekunde stand Henner noch überlegend da . . . wenn er hier eingriff, gab's eine eklatante Grenz­verletzung mit nachfolgenden Berichten und Vernehmungen . . . ein preußischer Offizier war einem Vertreter der angeblich be­freundeten Nachbarnation bei der Ausübung gesetzlicher Befug­nisse mit Gewalt in den Arm gefallen . . . aber was hinterher kam, war egal, ein Menschenleben stand in Gefahr, und zu allernächst mußte dem Kerl da drüben das gefährliche Schieß­eisen konfisziert werden! Danach konnte man ja noch immer den Versuch machen, auf der Basis eines harten Talers in gütliche Verhandlungen einzutreten, im abgekürzten Verfahren und ohne diplomatischen Notenwechsel zwischen Berlin und Petersburg.

Henner hatte Waffenrock und Sabel abgeworfen, um wenigstens nicht gleich im ersten Augenblick als preußischer Offizier erkannt zu werden, und pirschte mit hastigen Schritten nur oberen Rand des Seeufers entlang, hinter den weit­läufig stehenden Kieferbäumen, so gut es anging, Deckung nehmend.

Der Russe aber schien seine Taktik mittlerweile geändert zu haben. Er hatte das Gewehr aus der Hand gelegt und drehte sich in aller Seelenruhe eine Zigarette, anscheinend, um durch ein längeres Zuwarten sein Opfer zu ermüden. Dessen Hilfe­rufe wurden schwächer und schwächer, und der Augenblick war abzusehen, in dem es, um Gnade flehend, ans Ufer ge­schwommen kam . . .

Einen Augenblick hatte Henner tief Atem geholt, dann warf er sich die steile Böschung hinab auf den ahnungslosen Gegner, und so heftig war der Anprall gewesen, daß der in den Knien hockende Kerl vornüberschlug. Und, während Henner ihm mit festem Griff das bärtige Gesicht in den weichen Moosboden drückte, schrie er zu dem in der Seemitte wieder austauchenden Kopf hinüber:So, und jetzt rasch in die

Kleider, meine Gnädigste!" Denn daß es sich um kein arm­seliges Tagelöhnerweiblein handelte, hatte er längst an dem eleganten Reitkleid gesehen, das mit Hut, Gerte und etlicher Wäsche am Ufer lag; ein paar Dutzend Schritte weiter aber stand eine Trakehner Rappstute, mit dem Zaumzeug an einen dichten Weidenbusch gebunden.

Ja, um Gottes willen, wie kann ich denn?" kam es halb kläglich, halb ärgerlich von der Seemitte zurück.Und, daß Sie mit geschlossenen Augen weiterringen, kann ich doch erst recht nicht verlangen?"

Da mußte Henner trotz der gewaltigen Anstrengung laut auflachen.Das geht allerdings nicht, meine Gnädigste, aber warten Sie, bitte, nur noch ein paar Augenblicke!" Und er hieb dem sich bäumenden und wild um seine Befreiung ringenden Kerl mit einem höchst unglimpflichen Faustschlag in die Schläfe, so daß die langen Gliedmaßen sich mit einem Ruck schlaff ausreckten . . .So, du Tropf, das ist für die Schießerei, und damit du lernst, wie man sich gegen preußische Damen zu benehmen hat!" Und während er, so gut es anging, dem regungslos Daliegenden die Hände auf dem Rücken fesselte mit einem Stück Leinenzeug, das er ihm vom Brotbeutel riß, rief er nach rückwärts über die Schulter: Wenn ich jetzt höflich bitten darf, meine Gnädigste! Für die Diskretion dieses Gentlemans hier kann ich mich wahrend der nächsten zehn Minuten verbürgen, und ich natürlich . . . aber, Schwerenot noch mal, beeilen Sie sich," fügte er ärgerlich hinzu, als die Dame im Wasser noch immer Zögerte,es gibt hier noch mehr von diesen Schlingeln, und wir stehen auf russischem Grund und Boden. Ich habe wirklich keine Lust, hinterher . . . also mir geht's an den Kragen, wenn der Scherz hier nicht ganz inkognito bleibt!"

Ein Rauschen im Wasser . . .

Und jetzt nehmen Sie Ihre sehr geehrten sieben Sachen auf die Arme und heidi, am Seeufer entlang, bis Sie auf der andern Seite meine Bessie finden, 'ne Fuchsstute ist's, mit weißer Blesse. Und dort warten Sie gefälligst, bis ich Ihre Trakehnerin nachbringe!"