Heft 
(1906) 37
Seite
769
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Der stille Weg.

Roman von Richard Skowronnek.

omantisch konnte man ihre erste Begegnung nicht gut / H nennen. Im Gegenteil, sie entbehrte nicht eines ge- ^ wissen komischen Beigeschmacks, vielleicht mit einem leisen Stich ins Pikante ...

Henner von Sacrow, Oberleutnant im Jägerbataillon Gneisenau, bewegte, wie allabendlich nach dem Dienst, seine englische Vollblutstute Bessie, ließ sie nach einem scharfen Galopp auf dem weichen Boden des Waldgestells in Schritt fallen und begann von neuem das KapitelSicherung der Etappenstraßen eines im Vormarsch befindlichen Ärmeekorps" zu wiederholen, das er am Abend zuvor schon mit schlaf­müden Augen durchgenommen hatte. Aber es war kein rechtes Lernwetter heute. Trotz der ziemlich späten Abendstunde flimmerte die heiße Luft zwischen den grauroten Kieferstämmen wie am Mittag, in dem sonnenverbrannten Gras schrillten die Heuschrecken, und allenthalben, aus Unterholz und Wach­olderbüschen, brachen ganze Heerscharen blutgieriger, kleiner Räuber hervor, schwirrende Stechmücken und brummende Bremsen, winzig kleine Fliegen und großflügelige Schnaken peinigten den Gaul und stachen den Reiter trotz brennender Zigarette und heftiger Gegenwehr mit einem abgebrochenen Virkenzweig. Draußen im freien Feld aber war's womöglich noch ärger. Da kam zu aller Ungezieferplage noch die liebe Sonne, die wie ein glühender Feuerball am dunstgrauen Himmel hing, während man hier im Wald sich wenigstens einreden konnte, man reite im Schatten.

Und eigentlich ein bißchen viel auf einmal, so mußte er denken: stellvertretender Kompagniechef mit dem geradezu

greulichen Dienst dieser geplagtesten aller Truppenführer und dazu eine sehr ernsthafte Vorbereitung zum Examen für die Kriegsakademie. Aber es mußte geschafft werden! Aus tausend triftigen Gründen . . . Erstens weil es überhaupt höchste Zeit war, falls er in seiner militärischen Laufbahn etwas Ordentliches erreichen wollte, zweitens, weil er den dringenden und begreiflichen Wunsch hegte, endlich aus dem kleinen ost­preußischen Grenznest herauszukommen, in dem er nun schon mehr als vier lange Jahre lag, und drittens, weil der alte Onkel Jobst von Sacrow auf Klintzewen sich mit einem Male höchst energisch geweigert hatte! Nämlich die Schulden des letzten Jahres zu bezahlen, ehe der Herr Neffe ihm nicht durch die Tat bewies, daß das leichte Rennreiterleben ein Ende ge­nommen hatte . . . Lumpige viertausend Mark und sozusagen lauter kleine Bären, aber sie brummten vernehmlich, denn sie

stammten zum größten Teil aus längst vergangenen Tagen und waren eigentlich schon einmal bezahlt. Das heißt nur in der Idee des Onkels Jobst, in Wirklichkeit waren die dafür bestimmten Gelder einen andern Weg gegangen, hatten sich einigeSchiebungen" als notwendig herausgestellt, wie das immer so zu gehen pflegt, wenn man das Ausschreiben der Postanweisungen bis zur Beschaffung neuer Tinte verzögert . . . Ein paar dringende Reisen nach Königsberg, ein heftiger An­schuß beim Frühjahrsrennen und schließlich der unvorhergesehene Reinfall mit der Wechselbürgschaft für den kleinen Zeden. Aus purer Gutmütigkeit, weil der arme Junge, der schon mit einem Fuß im Zivil stand, gar so herzbeweglich ge­beten hatte.

Na, kurz und gut, so ein paar tausend Mark waren eben rascher verplempert, als man dachte! Und der alte Herr, der jetzt den Daumen so fest auf den Beutel hielt, schien die eigene Jugend ganz und gar vergessen zu haben, oder zu seinen Zeiten hatten siebzig Taler monatlichen Zuschusses eben kein Ende genommen! In allen Zeitungen stand ja auch zu lesen, wie schauderhaft alles, was zu Leibes Nahrung und Notdurft gehörte, im Preise gestiegen war, sogar die Zinsen schienen teurer geworden zu sein, denn für die letzte Wechsel­verlängerung hatte der sonst so kulante Moritz Spieß in Königsberg nicht weniger als vierzig Prozent berechnet! . . . Dem guten Onkel Jobst aber war's eigentlich, wenn man gerecht sein wollte, nicht zu verdenken. Er hatte selbst drei Jungen in der Armee, und wenn er als Inhaber des Majorats gegen den einzigen Sohn seines verstorbenen Bruders auch gewisse moralische Verpflichtungen besaß für das Allernot­wendigste war bei den Klintzewer Nachgeborenen durch die Sacrowsche Familienstiftung gesorgt so hatten selbst diese Ver­pflichtungen eine Grenze, und zwar in dem Ertrag vonKlintzewen. Sechstausend Morgen erstklassiger Weizenboden und in guter Kultur aber es waren ihrer zu viele, die davon standesgemäß ernährt werden sollten . . .

Also war Onkel Jobstens Weigerung sozusagen das letzte Läuten: Glatter Sieg im Examensrennen oder Distanzierung ins dunkle Zivil! Und Gott sei Dank nur, daß ein gütiges Geschick ihm neben allem leichten Sinn auch einen leichten Kopf geschenkt hatte, der den schier ungeheuerlichen Lernstoff spielend bewältigte ...

In Henners sorgloses Leutnantsgesicht war ein Zug sinnen­den Ernstes getreten, während seine Gedanken von den Sorgen

1906. Nr. 37.

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