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„Aber natürlich! Oder glaubst du, der einsame Kalckhofs hätte sich vielleicht an dich gewandt, wenn heute mittag dein Name mit dem des Herrn Schmielke in irgendeine Verbindung gebracht worden wäre?"
„Du hast recht, Franzel! Seit ich den Brief gekriegt habe, benehme ich mich wie ein halber Narr!" Und er legte zum Stoß an, machte mechanisch ein Dutzend eleganter Bälle hintereinander. Plötzlich aber warf er das Oueue auf das grüne Tuch, und ein kurzes Aufschluchzen kanr aus seiner Brust. „Franz, nimm's mir nicht übel, aber ich kann nicht!"
„Um Gottes willen, so nimm dich doch wenigstens vor dem Kerl da zusammen!"
Die Ordonnanz trat in das Zimmer und stellte den Sektkübel mit der geöffneten Flasche auf den kleineren Tisch vorm Fenster. „Haben der Herr Oberleutnant sonst noch Befehle?"
„Nein, wenn wir Sie brauchen, werd' ich klingeln!"
Der Oberleutnant Hartung schenkte ein und trat mit den gefüllten Gläsern zu Henner hinüber, der sich beim Eintritt der Ordonnanz zu dem Oueuestünder gewendet hatte.
„Da trink mal erst einen Schluck, damit die verfluchten Nerven sich ein bißchen beruhigen . . . Was einem vom Schicksal bestimmt ist, muß man ausbaden! ... Im übrigen aber bin ich durchaus nicht so pessimistisch gestimmt wie meine verehrte Gattin." Und er sprach eine ganze Weile lang tröstliche Worte, an die er selbst nicht glaubte, führte allerhand Gründe für seine Annahme ins Feld, daß die Komteß Alix sich zum mindesten noch zuwartend verhielte, alles nur, um dem armen Kerl da wenigstens über diesen gefährlichen Zustand des vollkommenen Zusammenbruchs hinwegzuhelfen, den Zustand, in dem man die einzige Torheit beging, die nicht mehr gutzumachen war . . .
Henner hatte das dargebotene Glas erst zurückgewiesen, jetzt wendete er sich um und stürzte es auf einen Zug hinunter. „Gib dir keine Mühe, Franzel, ich war selbst in Ouessendorf drüben!"
„Und hast mit Alix gesprochen?"
„Nein, aber gesehen und gehört genug. Und jetzt laß mich nach Haus, Franz, ich bin heute wirklich nicht genießbar, du aber findest ja Gesellschaft!" Er wollte sich zur Tür wenden, aber der Oberleutnant Hartung vertrat ihm den Weg. Nur Zeit gewinnen, denn in den flackernden Augen des andern stand deutlich der letzte, verzweifelte Entschluß geschrieben. . .
„Unsinn, Henner, und, wer weiß, was für Torheiten du dir einredest!"
„So quäl' mich doch nicht unnütz, mir kann kein Mensch mehr helfen. Und gib mir, bitte, die Tür frei, ich bin doch kein Kind mehr, das einen Vormund braucht ..."
Franz Hartung reckte sich heraus. „Hallo, mein Junge, wird's ernst? Also dann laß dir sagen, du kommst nicht eher aus diesem Zimmer heraus, bis du mir bewiesen hast, hörst du: bewiesen, daß ich unrecht habe. Dann kannst du mit deinem Leben ansangen, was du lustig bist. Sich aber auf eine bloße Meinung hin totschießen, oder weil einem so danach zumute ist? . . . Wie.ein gekränkter Primaner!"
Henner verfärbte sich — „Wer sagt dir denn, daß ich . . . also ich denke nicht daran" -— aber ließ sich ohne Widerstreben ins Zimmer zurückführen und auf den Stuhl neben der Sektflasche Niederdrücken.
„So, trink mal erst und dann, bitte, deine Beweise!"
„Eine Frage erst noch, Franzel."
- „Na, bitte!"
„Also heute mittag konntest du nicht genug Gründe finden, mir abzuraten, und jetzt redest du mir zu?"
„Das erklärt sich sehr einfach, mein Jungchen, weil ich heute mittag den ganzen Fall höchst oberflächlich beurteilte — du wirst mir zugestehen, nicht ohne deine Schuld. Nachdem ich aber gesehen habe, daß diese Affäre, die ich für einen bloßen Flirt hielt, dein Schicksal ist, mein Junge . . . Und nur kein Mißverständnis! Ich rede dir gar nicht zu, will nur deine Beweise kennen lernen, um dir dann vollkommen freie Hand zu lassen! ..."
Henner sah dem Freund forschend ins Gesicht, ob er's auch wirklich ehrlich meinte. „Du, Franz, falls du beabsichtigen solltest, mich einzuwickeln?"
Der andere wurde ordentlich ärgerlich! „Wenn du mir so etwas zutraust, dann lassen wir's doch lieber!"
„Na denn also!" Henner atmete tief auf, und in seine erloschenen Augen trat ein Schimmer neu erwachender Hoffnung. Vielleicht hatte der liebe Kerl da drüben recht, vielleicht war es gar nicht so schlimm? . . . Und er begann zu erzählen, erst ein wenig stockend, dann aber geläufiger, wie es plötzlich über ihn gekommen wäre, sich um jeden Preis Gewißheit zu verschaffen, selbst auf die Gefahr hin, auf seinem heimlichen Lauscherposten ertappt Zu werden. Er schilderte, was er gesehen und gehört hatte; beim Erzählen aber schon glaubte er zu fühlen, auf wie schwachen Füßen seine eigene Beweisführung stand. Als er endlich fertig war, stellte sich Franz Hartung breitbeinig vor ihn hin und lachte herzhaft. „Das ist alles? Weil sie endlich heruntergekommen war und ein paar ihrer Liederchen gesungen hat, wirfst du ihr gleich schnöde Untreue vor? Ja, weißt du denn, wie sehr ihre wohllöbliche Verwandtschaft, diese Bande, sie vorher gequält haben mag? Nein, mein Jungchen, das sind keine Beweise! Und wenn ich dir jetzt einen guten Rat geben darf: Wart' ein paar Tage ab!"
„Soll ich sie denn in dem Kampf so ganz ohne Unterstützung lassen, Franz?" warf Henner ein.
„Nein, natürlich nicht, selbstverständlich nicht, hättest mich nur ruhig ausreden lassen sollen. Also morgen schickst du ihr eine reichliche Faust voll Rosen mit einem diplomatischen Brieflein, in dem du furchtbar bedauerst, daß du wegen übermäßigen Dienstes dich so rar hättest machen müssen..."
„Na, und wenn ich persönlich hinüberreiten würde, Franzel?"
Der Oberleutnant Hartung stellte sich, als ob er angestrengt nachdächte. „Hm, das täte ich nicht, Henner. Das würde so aussehen, als hättest du Angst gekriegt vor dem andern. Nein, so ist es schon besser. Sie weiß ja Bescheid, wie du gesonnen bist, und das wirst du ihr doch noch zutrauen, daß sie sich, wo sie deiner sicher ist, diese Protzenbagage vorn Hals halten wird?"
- „Franz, wenn du recht hättest..."
„Recht? Ich weiß es, sage ich dir. Aber eins bitte ich mir natürlich aus, Henner: der erste Junge wird nach mir getauft! Ich versprech's dir, ich werd' ihm ein ordentlicher Pate sein!"
Henner von Sacrow atmete tief auf. „O Gott, Franzel! Und Hab Dank für alles. Wie es auch kommen mag, ich werd' dir den heutigen Abend nicht vergessen!"
„Na, na, na, man nicht so stürmisch und nicht die Hand kaput drücken, mein Junge! Wir wollen doch erst und endlich mal unsere Partie ausspielen, nicht wahr. . .?"
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Als der Oberleutnant Hartung endlich heimkehrte, pfiffen schon die Spatzen von den Dächern. Und er gedachte, sich auf bloßen Strümpfen heimlich ins Schlafgemach zu stehlen, aber ein heimtückischer Zufall führte ihn: einen Stuhl in den Weg, der bei seiner Annäherung mit lautem Poltern umfiel. Da richtete die Gattin sich natürlich im Bett auf, aber merkwürdigerweise gleich so wach, als ob sie überhaupt nicht geschlafen hätte. „Na," sagte sie ironisch, „es hat den Anschein, als hättest du von der Medizin, die du den: andern einzugeben gedachtest, auch einige Teelöffel voll eingenommen!"
„Nicht zu knapp, Augapfel meiner Seele," erwiderte er mit ein wenig schwerer Zunge, „aber die Hauptsache: der Zweck der Übung dürfte erreicht sein. Wie einen nassen Sack Hab ich ihn seinem Jäger in die Anne gelegt, morgen früh kann er nicht aus den Augen sehen vor Jammer. Na, und so rasch wird sich dieser Herr Schmielke wohl nicht verloben!"
„Entschuldige, Franz," versetzte die Gattin, „aber das letzte Hab' ich nicht recht verstanden!"
„Ist auch nicht nötig, Traum meiner Nachte. Wenn ich's nur im Augenblick für recht befunden habe . . . Morgen früh