Heft 
(1906) 48
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bringen wir ihn rüber und packen ihn ein und seine Reise­decke drüber, daß er sich nicht bloß wirft."

Und bei Tage ..."

Bei Tage ist er bei uns drüben. Er wirll nichts tun, was uns genieren kann, und ich kann immer rausgehen. Du freilich, na, du bist eine alte Frau, und er könnte dein Sohn sein, und an dich muß er sich wenden. Aber er wird nicht, er ist viel zu anständig, er schadet sich lieber. Und da haben wir ihn denn, solange die Rekonvaleszenz dauert, immer drüben und müssen die Rouleaux halb ^unterlassen, daß er kein Licht kriegt, und müssen ihm was erzählen oder was vor­lesen. Aber erzähl' nicht so viel von Vätern, du gehst immer so ins einzelne, und so was Interessantes war Vater nicht."

Aber er war ein sehr guter Mann."

Ja doch. Das war er."

. . . ein sehr guter Mann; un' dann, Thilde, was ich sagen wollte: wie denkst du dir das eigentlich mit ihm? Sein Bett bleibt drüben, un' auf einen Stuhl können wir ihn doch nicht setzen. So lange kann er sich doch nich' gerade halten, er ist ja doch noch krank un' schwach."

Nein, das kann er nicht. Und da siehst du nu' wieder, wie gut es ist, daß wir die Chaiselongue haben. Ich wußte, daß sich das verlohnen würde."

Ja, findest du, daß das geht? Es ist doch sozusagen unser Prachtstück. Der Stehspiegel hat den Riß und sieht nicht recht nach was aus. Aber die Chaiselongue du mußt doch nicht vergessen, vierzehn Tage oder vier Wochen dauert es, und dann ist sie hin. Er wird Kuten einliegen und alles eindrücken, denn Kranke sind so unruhig und liegen mal hier und mal da."

Das ist ja gerade das Gute. Da verteilt es sich aufs Ganze, und von Kuteneinliegen ist keine Rede. Und wenn auch, Mutter, wer was will, der muß auch was einsetzen. Er sieht dann, daß wir ihm unser Bestes geben, und wie ich ihn kenne, wird es ihn rühren, denn er hat was Edles, das heißt so auf seine Art. Zu viel darf man von ihm nicht verlangen."

Gleich an dem Tag, an dem dies Gespräch geführt wurde, wurde Hugo Großmann in die Möhringsche Gute Stube herübergenommen und auf der Chaiselongue installiert. Er nahm sich da ganz gut aus. Ein kleines Tischchen stand neben ihm mit einem Heliotrop darauf, es roch aber zu stark und wurde durch weiße Astern ersetzt. Auf einem grünen Weinblatteller lagen zwei Apfelsinen, daneben stand eine Klingel, aber bloß als Putzstück, denn Mutter und Tochter waren immer da und brauchten nicht erst herbeizitiert zu werden. Der Arzt war mit dieser Umlogierung sehr zufrieden und sagte, als er mit Hugo allein war, allerlei Verbindliches über sogute Menschen", in deren ganzem Verhalten sich die einzig wahre Bildung ausspräche: die Herzensbildung. Fräulein Mathilde sei übrigens überhaupt gebildet und, wenn man ihren Kopf öfter ansehe und sich so mehr hineingelebt habe, beinah eine Schönheit.

Draußen im Entree standen Mutter und Tochter und stellten allerlei Fragen, was für den Kranken erlaubt sei und was nicht.Immer im Dämmer," sagte der Doktor,am besten ist es, wenn er auch in einem geistigen Dämmer bleibt."

Aber wir dürfen doch mit ihm reden?"

Gewiß, liebe Frau Möhring, alles, was Sie wollen, bloß nichts Aufregendes."

O du mein Gott, wie werd' ich denn was Auf­regendes ..."

Und Vorlesen ist vielleicht auch erlaubt?" unterbrach Thilde, die sah, daß sich die Mutter noch weiter über das Aufregende" verbreiten wollte.

Ja, vorlesen geht, aber nicht viel und nichts Schweres."

Als sie wieder bei Hugo eintraten, erzählte ihm Thilde, was der Doktor alles erlaubt habe: nur immer abends ein grüner Lichtschirm, eine grüne Lampenglocke sei nicht genug, und

wenn er Lust hätte, so dürfte ihm auch was vorgelesen werden. Drei-, viermal des Tags, aber nie länger als eine halbe Stunde.

Hugo lächelte erfreut, denn seine Krankheit fing an, ihm langweilig zu werden, und als Thilde fragte, was er denn wohl wünsche, Bücher seien ja da die Hülle und Fülle, da sagte er: ja, die Geschichte von Zola, wo das Paradies drin vorkomme, die möchte er wohl hören, er sei gerade bis dahin gekommen, wo das Paradies beschrieben würde. Freilich, es käme so manches darin vor, und er wisse nicht, ob er an Fräulein Thilde das Ansinnen stellen dürfe. . .

Thilde merkte gleich, daß er dies in Erinnerung an das kurze Gespräch über denBastard" von Orleans sagte, und wenn sie damals geglaubt hatte, sich den sittlichen Standpunkt sichern zu müssen, so hatte sie jetzt das Gefühl, daß sie den Bogen der Sittlichkeit nicht überspannen und nicht den Ein­druck des Engen und Spießbürgerlichen wecken dürfe. Sie sagte denn also, während sie sich an das Fußende der Chaise­longue stellte: in der Schilderung des Paradieses, wenn auch ein Sündenfall darin vorkäme, sähe sie kein Hindernis. Auf einem so niedrigen Standpunkt stehe sie nicht. Ein Mädchen müsse freilich auf sich halten im Leben und im Gespräch und in Theaterstücken und dürfe nicht alles sehen und hören wollen, denn gerade die Neugier sei ja der Versucher gewesen, aber ein Mädchen müsse sich auch vor Prüderie zu wahren wissen, wenn ihr ihr Gefühl sage, selbst das Stärkste stehe hier um einer großen Sache willen. Und das sei nicht bloß in Theaterstücken und Romanen so, das sei auch schon so beim Lernen und im Konfirmandenunterricht. Sie habe früher bei Pastor Kleinschmidt aus der Bibel vorlesen müssen, da wären mitunter furchtbare Worte gekommen, und sie denke noch bis­weilen mit Schrecken daran zurück. Aber immer, wenn sie gemerkt habe, daß so was komme, dann habe sie sich zusammen­genommen und die Worte ganz klar und deutlich und mit voller Betonung ausgesprochen.

Hugo nickte nur und fand bestätigt, was Doktor Birn­baum eben über Thilde gesagt hatte. Wie richtig, wie ge­bildet war das alles, und er freute sich über ihre tapferen und aufgeklärten Ansichten.

Es ist ein merkwürdiges Mädchen, grübelte er, nicht eigent­lich schön, wenn man sie nicht zufällig im Profil sieht, aber klug und tapfer, ich möchte sagen, ein echtes, deutsches Mädchen, charaktervoll, ein Wesen, das jeden glücklich machen muß, und von einer großen Innerlichkeit, geistig und moralisch.

In dieser Richtung gingen von Stund an Hugos Ge­danken, und als er vielleicht zwei Wochen vor Weihnachten, Mitte Dezember, wieder in sein eigenes Zimmer hinüber­quartiert wurde, was der alten Möhring eine heimliche Ge­nugtuung verursachte, hatte sich die Überzeugung bei ihm fest­gesetzt, daß Thilde ganz die Frau sei, die für ihn passe. So gewiß er sich für einen ästhetisch fühlenden und mit einer latenten Dichterkraft ausgerüsteten Menschen hielt, so war er im Leben selbst doch von großer Bescheidenheit, beinah zaghaft, und hatte kein rechtes Vertrauen zu seinem Wissen und Können.

Ich bin ein unnützer Brotesser", hatte er zu Rybinski gesagt, der ihn lachend mit der Versicherung getröstet hatte: Dünn gerade schmeckt's am besten." Und diese Beurteilung seiner selbst war richtig, und weil sie richtig war, war auch das richtig, daß Thilde für ihn passe. Sie hatte gerade das, was ihm fehlte, war quick, findig, praktisch. Er wollte sich noch vor Weihnachten ihres Jaworts versichern. Daß ihm das nicht versagt werden würde, davon hielt er sich überzeugt. Denn schließ­lich war er doch immer ein Bürgermeistersohn, während Thilde - so viel sah er wohl auf Geburtstolz verzichten mußte.

Fräulein Thilde," sagte er, als sie gleich am ersten Abend seiner Wiederumquartierung ihm den Tee brachte und klein geschnittenen Schinken und Butterbrot,Fräulein Thilde, Sie sind sich immer gleich gegen mich in Ihrer Güte, und weil Sie glauben, es würde mir alles noch schwer, so haben Sie