Heft 
(1906) 48
Seite
1005
Einzelbild herunterladen

WuttNene; ssmilienblaii. ^ kr»§,

beziehen ohne frauenblatt m wöchentlichen IjUMMeM vierteljährlich 2 Hi. ocler in vierrehntäglichen ÜSPPtlNUMMtM ru je ?f.r mit frauenblatt in wöchentlichen Heften ru je 25 ?k. oäer in vierrehntäglichen ASPPt>h-fieN ru je 5S ?k.

MH

MM

Mathilde Möhring.

(2. Fortsetzung.) Roman von Theodor Fontane.

Jungfrau" kam zur Aufführung mit Rybinski als Dunois. Aber weder die Möhrings noch ihr Mieter Hugo Großmann wohnten der Aufführung bei, da dieser letztere krank geworden war. Er ^ steberte ziemlich stark und bat, nach einem Arzt zu

schicken. Dieser kam und war mehrere Tage lang im un- sichern, was es war, bis es sich eines Morgens herausstellte, daß es die Masern seien. Er ging zu Möhrings hinüber und sagte:Es sind die Masern, nichts Besonderes und nichts Gefährliches. Aber Vorsicht, liebe Frau Möhring. Sonst haben wir einen Toten, wir wissen nicht wie."

Ach Jott, Herr Doktor, er ist ja erst sechs Wochen bei uns. Und dann so was. Und wenn die Leute das hören, da will ja denn keiner mehr einziehen, und vertuscheln geht auch nicht. Es sind immer so viel schlechte Menschen. Und Schultzes wird es auch nicht recht sein."

Wohl möglich. Aber nur nicht ängstlich, liebe Frau. Noch lebt er und wird auch wohl weiter leben. Ich habe Sie nur warnen wollen, daß Sie aufpassen und immer nasse Lappen über den Bettschirm hängen. Mit dem Bazillus ist nicht zu spaßen. Und vor allen Dingen keinen Zug, Zug ist

das schlimmste. Da tritt alles zurück und wirft sich auf die edleren Teile."

Jott, ist es möglich!"

Und dann haben wir 6U8U8 morti8."

Mathilde war dabei nicht zugegen. Als sie von einem Gang in die Stadt nach Haus kam und hörte, was der Arzt gesagt hatte, meinte sie:Mutter, du kannst doch auch gar

nichts vertragen. Masern! Das ist so gut wie gar nichts. Jedes kleine Wurm hat sie. Sie sollen sogar gesund sein, es kommt alles raus, und das ist immer die Hauptsache. Natürlich müssen wir aufpassen und auch sorgen, daß er die Runtschen nicht zu sehen kriegt. Er ist so empfindlich in manchem und hat nur mal gesagt, er graule sich ordentlich vor der Aufwartefrau."

Ach, das hat er bloß so gesagt!"

Nein, ganz im Ernst, Mutter. Solche, die immer Stücke lesen und ins Theater gehen, die sind so. Na, und das schwarze Pflaster es ist ja auch zum Graulen."

Ach, Thilde, was unsereiner auch alles erleben muß, und das nennen sie dann Fügung, und man soll auch noch dankbar dafür sein."

Rede nicht so, Mutter, das bringt Unglück, denk' an Hioben. Und Fügungen! Die Leute haben auch ganz recht,

1906. dir. 48.

wenn sie von Dankbarsein reden wenigstens wir. Denn das kann ich dir sagen, für uns ist es eine sehr gute Fügung. Und wenn ich mir was hätte denken sollen, auf so was Gutes wie diese Masern wäre ich nie gekommen."

Meinst du wirklich?"

Ja, das meine ich."

Aber wie denn, Thilde?"

Das erzähle ich dir ein andermal, wenn es erst da ist. Wenn man darüber red't, dann beruft man's."

Ach, Thilde, du rechnest immer alles, aber du kannst auch falsch rechnen."

Kann ich. Aber du sollst sehen, ich rechne richtig."

Hugo Großmann überstand seine Masern und war im Abschülberungzustand, als der Doktor sagte:Ja, liebe Frau Möhring, den haben wir nun mal wieder raus, das heißt, aus dem gröbsten. An gesund ist noch nicht zu denken, und die Vorsicht muß verdoppelt werden. Der kleinste Fehler, und es wirft sich auf die Ohren oder, wenn er zu früh Licht kriegt, auf die Augen, und dann ist er blind. Anderseits hätte ich gern, er könnte hier 'raus. Die nassen Lappen sind gut, aber immer nasse Lappen geht auch nicht. Könnten Sie ihn nicht umbetten? Ich meine umlogieren? Vielleicht etwa in das Entreezimmer? Sie'müssen dann freilich zusperren und allen Verkehr mit der Welt abschneiden, und wer zu Ihnen will, muß durch die Küche. Aber Krankheit entschuldigt alles. Überlassen Sie's man Fräulein Mathilde, die ist findig, die wird schon Rat wissen."

Und damit ging er.

Mathilde rechtfertigte wirklich das gute Vertrauen, das der Doktor zu ihr hatte, und sagte:Doktor Birnbaum hat ganz recht. Er muß raus, ich kann die Lappen schon gar nicht mehr riechen. Aber das mit dem Entree, das geht nicht. Entree! Das sieht so weggesetzt aus, so nicht und nicht hott. Er ist doch ein studierter Mann und ein Bürger­meistersohn, und seine Masern hat er bei uns gekriegt. Er muß in unsere Stube ..."

Aber, Thildchen, das geht doch nicht! Wir haben ja doch bloß die eine. Und denn ein Bett und ein fremder Mann drin, es geht doch nicht."

Es geht alles, aber das mit den: Bett ist gar nicht nötig. Das Bett bleibt stehen, wo's steht, und abends

103