Die beiden Einsamen im Kasino hatten wie immer schweigsam einander gegenübergesessen, jeder mit seiner Zeitung beschäftigt. Nur von Zeit zu Zeit schielte der Hauptmann von Kreienberg argwöhnisch über den Rand seines Blattes, denn in dem Gehaben seines Freundes war etwas, was ihn beunruhigte. Anscheinend keine rechte Andacht bei der Lektüre, und weshalb trug er wohl zu den verdächtigen Lackstiefeln den besten Überrock? Da beschloß er, ein wenig auf den Busch zu klopfen, legte die Zeitung für ein paar Augenblicke aus der Hand und steckte sich eine Zigarre an.
„Also wie heißt's in der biblischen Geschichte? chlnd als Moses vom Berge stieg, sah er, daß sein Volk um ein goldenes Kalb tanztest Oder so ähnlich, denn es ist schon eine Weite- Her, daß ich's lernen mußte."
Der Oberleutnant Kalckhoff blickte auf. „Wie meinen Herr Hauptmann?"
„Na hören Sie nur weiter! ^Danach versammelte er die Leviten um sich und ließ von den Abtrünnigen erschlagen an dreitausend Mann!'"
„Verzeihung, Herr Hauptmann, aber . . .?"
„'n bißchen längere Leitung als gewöhnlich, lieber Kalckhoff," knurrte der Hauptmann, „und sonst verstehn wir uns doch besser . . .?"
„Ach so, Herr Hauptmann meinen wegen der morgigen Besichtigung? Ja, das hat mich auch im letzten Augenblick schwankend gemacht. An solchem Tag mit einem Jammer antreten ..."
„Na endlich! Aber keiner von den Herren denkt an den Moses, der morgen vom Berg Sinai kommt mit den breiten roten Viesen an den Hosen; denn das goldene Kälbchen, um das sie tanzen, soll ungezählte Millionen auf dem Buckel tragen, und wem's glückt, es bei den Ohren zu fassen, der pfeift natürlich auf alle Besichtigungen im besonderen und den königlichen Dienst im allgemeinen, also mit einem Wort: ,Soldaten! Pfui deuwelst Dabei, wie Hartung mir heute mittag mitteilte, eine geschobene Angelegenheit. Erxleben macht das Rennen, die andern sind nur, ohne freilich eine Ahnung zu haben, Staffage . . .!"
Als der Hauptmann von Kreienberg nach dieser außergewöhnlich langen Rede wieder nach seiner Zeitung langte, sah er zu seiner Verwunderung, daß der Oberleutnant Kalckhoff die langen Gliedmaßen aus dem Sessel reckte, um auf den von der Lampe herabhängenden Knopf der Schelle zu drücken. „Ordonnanz!"
„Herr Oberleutnant befehlen?"
„Beine in die Hand, in zehn Minuten soll mein Jäger mit dem gesattelten Gaul hier vor dem Kasino stehen!"
Der Hauptmann von Kreienberg nahm vor Verwunderung die Zigarre aus dem Mund. „Nanu, Kalckhoff! Auch mit einem Mal hopsassa um das goldene Kälbchen?"
„Nein, Herr Hauptmann," erwiderte der andere mit ernstem Gesicht, „nur mal kurz Nachsehen, ob's die ist, die ich meine, um dann einen Schlußstrich zu ziehen unter . . . unter . . . na sagen wir mal unter eine Erinnerung. Kann aber auch eine Hoffnung gewesen fein!"
Da schwieg der Hauptmann, denn er entsann sich einer ähnlichen Situation vor langen, langen Jahren, wo auch einer zugesehen hatte, wie sein Schatz sich einem andern verlobte. . .
„Na also meinen Segen, Kalckhoff!" . . . Und, Gott sei Dank, daß sich später am Telephon Gelegenheit geboten hatte, dem Ärger ein wenig Luft zu machen. „Wem: er aber morgen verschläft, laß ich ihn unweigerlich einsperren", hatte er noch in den Trichter geschrien, aber von drüben her kam keine Antwort mehr, die Verbindung schien unterbrochen.
Das Nachtessen war vorüber, das von dem Musikkorps des Jägerbataillons gestellte Doppelquartett intonierte eine Polonäse,
die der Leutnant von Erxleben als geborener Vortänzer zu eröffnen gedachte, um bei dem Gang durch die Laubwege des Parkes die Belagerung durch einen kühnen Sturmanlauf zum siegreichen Ende zu führen. Bisher hatte der Kampf unentschieden gestanden, die Kleine schien so seltsam zerstreut, sah alle Augenblicke nach der Veranda hinüber. . . Und gerade als er ihr den gekrümmten Arm reichen wollte, um sie an die Spitze der in regellosem Haufen stehenden Gesellschaft zu führen, geschah das, gelinde gesagt, Unerhörte, Katastrophale: seine Tischdame ließ ihn ohne jede Entschuldigung stehen, schritt, nein, lief fast auf die Veranda zu, auf der ein einsamer Chasseuroffizier erschienen war, der blinzelnd ins Helle blickte und sich bei näherem Zusehen als der Oberkollege Kalckhoff entpuppte.
Und die beiden schüttelten sich die Hände — im ersten Augenblick hatte es fast ausgesehen, als wollten sie einander um- armen — jetzt aber standen sie unbekümmert um all die Augen, die zu ihnen hinaufsahen, lachten und schwatzten wie zwei, die seit tausend Jahren zusammengehörten; der Leutnant von Erxleben aber entsann sich mit einem Mal, daß es Zeit war, die jüngeren Herren des Bataillons daran zu erinnern, daß in Anbetracht der kommenden Besichtigung morgen auch noch ein Tag wäre.
Im Vorbeigehen streifte er die alte Baronin Reichner mit einem vorwurfsvollen Blick, allein ein Achselzucken nur war die Antwort. Die würdige Dame schien ebenso überrascht wie ihr Schützling, aber sie deutete durch eine Pantomime an, daß vor solchen Unbegreiflichkeiten auch ihr Können versagen müßte.
Und gewissermaßen als eine Steigerung des Vorganges, der sich da oben wie auf einer Schaubühne abspielte: Herr August Schmielke und die Komteß Prahlstorff gingen nebeneinander den gleichen Weg, den Fräulein Elisabeth gegangen war. Ein gegenseitiges Vorstellen, lebhaftes Durch- einandersprechen, Händeschütteln, glückstrahlende Gesichter. . . na also! Unten um die langgedeckten Tafeln ein Murmeln, irgendeine Stimme rief: „Tusch . . . Tusch . . .!" Die Musik machte „Ratatatsching, bumtaratarara" in dreimaliger Wiederholung . . . von der Terrasse her winkte die Komteß Prahlstorff übermütig mit dem Taschentuch — „Vetter Dietrich, die Rede! .." „Ruhe! — Ruhe!" klang es im Kreis, der Baron Ouessen- dorpf stand auf, um nach einem fragenden Blick an die Gattin mit dem Messerrücken gegen sein Glas zu klopfen. . . „Meine verehrten Damen und Herren, die Ereignisse haben zuweiten ein rascheres Tempo als vorher gefaßte Entschlüsse. Einige Herzen..." — „vier, Vetter Dietrich!" rief die Komteß von der Veranda. . . „also schön, vier Herzen, damit es ein Aufwaschen gibt, und die ihr Glück noch ein Weilchen im verborgenen tragen wollten . . . na also, ich bin kein Redner! Die beiden Brautpaare da oben auf der Terrasse — Hurra, Hurra, Hurra! ..." Erneuter Tusch, Händeschütteln und endlose Gratulationen, bei denen der Leutnant Kalckhoff immer ein Gesicht machte, als müßte er sich entschuldigen, und das Fest nahm seinen Fortgang. Nur die Polonäse mußte ein anderer anführen, denn der Leutnant von Erxleben war mit einem Mal verschwunden. Als ihm einige der jüngeren Kameraden mit ironischer Teilnahme die Hand zu schütteln gedachten, war er nicht mehr zu finden gewesen. Über die ganze Gesellschaft aber schien eine Art von Rausch gekommen zu sein, als wenn ein jeder an den ungezählten Millionen, die heute ihre Bestimmung gefunden hatten, einen Anteil besessen hätte. . . die riesige Erdbeerbowle, die in einem Kübel voll Eis stand, mußte noch etliche Male gefüllt werden, und als die erschöpften Musikanten endlich ihre Instrumente zusammenpacken durften, hob sich hinter den Parkwipfeln schon der graue Morgen. Ein fernes Gewitter schien niedergegangen zu sein, trübe blickte der Himmel darein, die grauen Wolken drohten mit Regen.-- (Fortsetzung folgt.)