Balza c.
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Die Wahrheit aber ist, daß die Schöpfungen Balzacs ein Ergebniß des erbärmlichen Lebens sind, das er geführt hat. Mögen Kritiker im Hinblick auf den guten Geschmack den Fehler begehen, den Wunsch nach einem geläuterten und verbesserten Balzac zu äußern; es wäre aber unmöglich, ihn zu mäßigen, ihm eine schärfere Erfindungsgabe und einen gesäuberteren Stil zuzuertheilen, ohne sofort seine Eigenschaften zu vermindern und ihn ans das Maß der Romanschriftsteller zweiter Klasse herabzudrücken. Man muß ihn in seiner Gesammtheit hinnehmen und ihn liebgewinnen um seiner Kraft willen. Wenn er die Nächte verbrachte, um einen acceptirten Wechsel zu honoriren, so drang ihm das Fieber bis in die Fingerspitzen, und seine Sätze nahmen aus seiner eigenen Willenskraft die Elemente in sich auf. Je vernehmlicher er das Klatschen der Peitsche seiner Schulden auf seinem Rücken verspürte, desto bedeutender und imposanter wurde sein Wille, seine Kraft zur Leistung. Daher auch das Gewaltige in allem, was er geschrieben hat. Man denkt dabei unwillkürlich an den Schiffbrüchigen, der in's Wasser stürzt und nun ein Held wird, wie dieser meilenweit schwimmt, seine Kraftanstrcngnngen verzehnfacht und das Wunder vollbringt, auf dem Meere zu schreiten und den zürnenden Wogen zu gebieten. Hütte er die Zeit darauf verwenden können, vollkommen zu sein, so würden wir dabei jene großartige Strömung verloren haben, die das Leben in seiner „Menschlichen Komödie" treibt. Seine eigenen Qualen sind es, sein eigenes Dasein voller Kampf, das im Grunde feiner Schöpfungen mit so dröhnendem und so tiefem Brausen dahinströmt.
Ich will indessen noch bestimmter sein. Nur ein Mann wie Er konnte das Epos des modernen Lebens schreiben. Er selbst mußte Bankerott gemacht haben, um feinen bewunderungswürdigen Cäsar Birottean zu schaffen, der in seinem Parfümerieladen gerade so groß ist wie die Homerischen Helden vor Troja; er mußte auf den: Pariser Pflaster mit schiefgelanfenen Stiefeln sich hernmgetrieben haben, um die Verborgenheiten des Pariser Lebens zu erkennen und die unvergänglichen Typen der Goriot, Philipp Bridan, Marueffe, Hnlot, Nastignac lind Rnbemprs anfznrichten. Ein glücklicher Sterblicher, der gemächlich verdaut, seine Tage ohne Erschütterung ruhig verbringt, würde niemals in jene fiebererfüllten Schichten des gegenwärtigen Daseins hinabgesticgen sein. Balzac, der in dem Gelddrama selbst eine Nolle spielt, hat diesem Gelds all jenes fürchterliche Pathos, das demselben in unserer Zeit anhaftet, abgestreift; er hat ebenso die Leidenschaften, welche die Personen des zeitgenössischen Lebens in Bewegung bringen, analysirt; er hat seine Zeit in wunderbarer Weise dargestellt, weil er die Leiden dieser Zeit selbst erduldet hat. Er gleicht jenem Soldaten, der in das Centrnm der Schlacht des Lebens gestellt wird und alles sieht, der sich für seine eigene Rechnung schlügt und nun selbst noch dampfend und schnaufend die Geschichte erzählt.
Er ist zur richtigen Stunde gekommen. Und das ist noch eine Erklärung feines schriftstellerischen Genies. Man kann ihn sich als ein Kind des siebzehnten Jahrhunderts gar nicht vorstellen. Da wäre aus ihm ein recht mittelmäßiger Tragödiendichter geworden. Gerade in dem Augenblicke, da die klassische Literatur an Blutleere zu Grunde ging, da die Form des Romans sich erweiterte und alle Arten der früheren Dichtung in sich aufnahm, um bei dem allgemeinen Eroberungskriege, den der moderne Geist gegen Wesen und Dinge eröffnete, als Werkzeug zu dienen, — gerade in diesem Augenblicke mußte er kommen. Die wissenschaftlichen Methoden traten