Biblio graxhie.
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Concession an die herrschende philosophische Strömung. — Die in den vorliegenden Bänden von Rudolph Lindau sich selbst französisch nacherzählten Novellen zeigen den Schriftsteller in seiner ganzen Eigenart, insbesondere die drei: „Io xonckulo xb.i1o8opbign6" (das Glückspendel), „io visionnairo" (der Seher) und „uns liguiäation" (Liquidirt). Es sind Geschichten von ergreifender, oft grausamer Wirklichkeit;- die. intimste Menschenkenntniß redet aus ihnen zu dem Leser, die mit energischem, von sicherer Hand geführtem Pinsel gemalten Personen heben sich plastisch und wie greifbar ab von einem nicht blos nebensächlich behandelten Hintergründe. Lebhaften Schrittes, ohne jemals ermüdet zu zögern, wenden die Conflicte sich der Lösung zu. Wenn dem Beschauer, dem Leser Eines zu fehlen scheint und zu wünschen übrig bleibt, so ist es der von edlen Frauen- gestalten, von hoher Liebe verklärend und mildernd ausstrahlende Glanz. Ein leises Anklingen unserer Licbesrvmantik, ein leises Mitwirken der von allem Realen und Wahrscheinlichen unabhängigen freien Phantasie würde die Eindrücke läutern, mit denen wir von dem hervorragenden Erzähler und Sittenschilderer scheiden, und ihn vielleicht in unserer Schätzung seiner schriftstellerischen Bedeutung noch um einige Stufen höher und unserem Herzen näher bringen. Die Novelle „Der Glückspendel" bedeutete den Eintritt ihres Verfassers in die erste Reihe unserer Erzähler; mit ihrem starken Stimmungsgehalt und meisterhaften Colvrit, ein düsteres Grau in Grau, wird sie den französischen Leser bewegen, wie sie die heimatlichen bewegt hat. Die Novelle „Der Seher" ist den Lesern von „Nord und Süd" in guter Erinnerung. Der Eingang gleich — die Schilderung einer Eisenbahnfahrt, die Durchsuchung der Coupoes nach einem entflohenen Mörder — ist ein Stück genialster realistischer Darstellung. Auch das Motiv der Novelle ist überaus originell, nicht minder wie ihr Schicksal, aus dem Deutschen in's Französische und dann von
einem österreichischen Blatte (welches den Autor nicht kannte) wieder in's Deutsche übertragen zu werden. Das erste Capitel von „Liquidirt", die Erzählung einer unter abenteuerlichen Umstünden unternommenen Reise in China, erinnert in ihrer unvergleichlichen Anschaulichkeit au Charles Scalsfield's Kunst; die Figuren der beiden Amerikaner sind wie mit dem Auge Bret Harte's gesehen und erfaßt. Ueberhaupt bestehen zwischen den beiden Genannten und Rudolph Lindau manche Beziehungen, besonders, wenn es sich um Typen des Amerikanerthums handelt, welche von dem deutschen Schriftsteller mit erstaunlicher Treue und mit sichtlichem Behagen geschildert werden. Da ist kein Strich zu wenig oder zu viel: diese Menschen sind so. Deshalb werden auch diejenigen von Lindaus Novellen, iu welchen Amerikaner erscheinen, zur wirksamsten Propaganda gegen eine in Deutschland nun allver- brcitcte Anschauung, welche mit dem Begriff des „Uankee" in den meisten Fällen den der Rohheit, Selbstsucht und Unbildung verbindet.
Friedrich Zimmer, Sang und Klang. Kleine Lieder von deutschen Dichtern mit neuen Weisen zum Singen und Spielen. Jllustrirt von deutschen Künstlern. Quart-Format. II und 42 S-, mit eingedruckten Holzschnitten und Noten. Quedlinburg, 1880, Ehr. F. Vieweg. Cartonnirt. »kt. 4.
Kindliche Texte, heiter und ernst, doch alle gleich harmlos, einfache Melodien dazu, zumeist iu Liedform, einzelne im neueren Stil, prächtige Bilder, von denen manche sich als alte Bekannte aus der „Deutschen Jugend" vorstellen — das ist's, was das Buch bietet. Ein Bilderbuch für die Allcrkleinsten, ein Lesebuch für diejenigen, die in der Schule die ersten Exercitien gemacht haben, ein Klavierspielbuch sowohl für Anfänger, die noch nicht über den Violinschlüssel hinausgckommen sind, wie für Vorgeschrittenere. Das Buch ist gut ausgestattet.
Redigirt unter Verantwortlichkeit des Herausgebers. Druck und Verlag von 5 . Schvttlaender in Breslau.
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